Radio
    Meinungen

    Russland sind die Geschicke der islamischen Welt nicht gleichgültig

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 3 0 0

    MOSKAU, 27. Juni (Dr. hist. Achmet Jarlykapow, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethnologie und Anthropologie der Russischen Akademie der Wissenschaften - RIA Nowosti). Ende Juni wird der Außenminister der Russischen Föderation Sergej Lawrow an der Arbeit der Außenministertagung der Organisation Islamische Konferenz (OIC) teilnehmen.

    In den letzten Jahren hat Moskau seine Kontakte mit dieser Organisation intensiviert, da dies für die beinahe 20 Millionen starke muselmanische Bevölkerung unseres Landes immer notwendiger wird.

    Die Moslems gehören in Russland zur autochthonen Bevölkerung, und die Geschichte des Islams auf seinem Territorium ist sogar noch älter als die Geschichte der Rechtgläubigkeit. Folglich kann sich Russland mit vollem Recht als in die Geschicke der islamischen Welt eingebaut betrachten und sich aktiv an der Erörterung ihrer Probleme beteiligen. Gesagt sei zudem, dass viele der für die Moslems in der ganzen Welt aktuellen Probleme - vom Extremismus bis zur Islamophobie - auch für die Russen aktuell sind. Deshalb wird schon allein eine Erörterung der Probleme der moslemischen Welt, die im OIC-Rahmen stattfindet, für Russland ebenfalls nützlich sein.

    Welche konkreten Probleme sind heute für die islamische Gemeinschaft (Umma) Russlands am akutesten? Vor allem ist es die fehlende Einheit. Der Islam in Russland ist traditionell durch die sunnitische Richtung in der Fassung der hanafitischen und der schafiitischen theologischen Rechtsschule (Mashab) vertreten. Die Nachfolger des schafiitischen Mashab leben in der Hauptsache auf dem Territorium von Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan. Die Bewohner von Nordwestkaukasien, Tatarstan, Baschkirien und anderen Regionen halten sich an das hanafitische Mashab. Die Aserbaidschaner sind zu einem bedeutenden Teil Schiiten. Aber in letzter Zeit herrscht ein großes Durcheinander unter den Moslems des Landes: Wegen der beträchtlichen Migrationen der Einwohner der nordkaukasischen Republiken in die übrigen Regionen Russlands sowie mit der Ankunft zahlreicher moslemischer Migranten aus den GUS-Ländern kam es unter den Vertretern der verschiedenen national-kulturellen Gemeinschaften zu Reibungen.

    Doch ist das nicht der einzige Grund für die Kontroversen unter den Moslems.

    In vielen Regionen spitzt sich der Generationskonflikt zu, und die jungen Moslems sehen sich gezwungen, parallele Strukturen zu bilden, die von ihren Gegnern sofort als „wahhabistisch" verschrien werden. Ein brennendes Problem ist außerdem das der Führung. In ganz Russland hört eine kompromisslose Rivalität zwischen zwei Anwärtern auf die Führung in der gesamten islamischen Gemeinschaft des Landes nicht auf: die zwischen dem obersten Mufti Talgat Tadschutdin, Vorsitzender der Zentralen Geistlichen Verwaltung der Moslems Russlands, und dem Scheich Rawil Gajnutdin, Vorsitzender der Geistlichen Verwaltung der Moslems des europäischen Teils Russlands. Die Muftis der Republiken Nordkaukasiens schufen 1999 ihrerseits ein Koordinationszentrum der Moslems Nordkaukasiens. Sie taten das in nicht geringem Maße, um Tadschutdin und Gajnutdin widerstehen zu können, von denen jeder sie für sich zu gewinnen versucht. Auch der Rat der Muftis von Russland ist von Widersprüchen zerrissen. All das geht insgesamt mit der Krise des Systems der Geistlichen Verwaltungen der Moslems einher. Im 18. Jahrhundert, zur Zeit Katharinas II. als Instrument zur Erleichterung der Lenkung der moslemischen Untertanen im Russischen Reiche geschaffen, sind sie bis jetzt nichts als eine bürokratische Struktur. Die Geistlichen Verwaltungen der Moslems kontrollieren heute die reale Situation an Ort und Stelle kaum.

    Insgesamt beobachten wir das Fehlen eines ständigen Dialogs zwischen dem Staat und den politischen Kräften des Landes einerseits und den moslemischen Exponenten und Organisationen andererseits. Im Prinzip sollten solche Kontakte der Vielfalt der Kräfte, die in der islamischen Bevölkerung Russlands vertreten sind, Rechnung tragen. Vorläufig aber beschränkt sich das Ganze auf Kontakte der Macht mit den geistlichen Verwaltungen.

    Ein weiteres Problem ist die Verbreitung radikaler und extremistischer Ansichten unter den Gläubigen. Um dem entgegenzuwirken, ist vieles notwendig: beispielsweise die Ausbildung von Geistlichen. In Russland ist bisher ein System der islamischen Bildung nicht zustande gekommen, das fähig wäre, wissende Mullahs und Imams soweit heranzubilden, dass sie der Propaganda der radikalen und extremistischen Ideen entgegentreten könnten. Schritte, die in dieser Richtung getan werden, sind oft unsystematisch und unlogisch: In Karatschajewo-Tscherkessien zum Beispiel funktioniert eine islamische Universität, aber praktisch alle Mektebs (Grundschulen bei einer Moschee) und Medressen (Mittelschulen) sind geschlossen.

    Erschwerend kommt der Fakt hinzu, dass sich das religiöse Leben in den Regionen mit islamischer Bevölkerung ungleichmäßig entwickelt. In Dagestan etwa bestehen heute mehr als 1 700 Moscheen, funktionieren über zehn islamische Hochschulen und Hunderte von Mektebs und Medressen, während in der Region Adygien die Zahl der Moscheen nicht einmal 100 erreicht und islamische Bildungsanstalten überhaupt fehlen.

    Natürlich ist damit die Liste aller vor der islamischen Gemeinschaft Russlands stehenden Probleme nicht erschöpft. Sie sind natürlich und durch die Logik des Prozesses der Wiederherstellung des religiösen Lebens bei den gläubigen Moslems hervorgerufen. In den letzten 15 Jahren der stürmischen islamischen Wiedergeburt in Russland wurde nicht wenig getan, doch stehen wir erst am Anfang des Weges. Daher ist die Zusammenarbeit mit den Moslems in anderen Ländern und den islamischen Organisationen wie der OIC einfach eine Notwendigkeit.

    Der Standpunkt der Redaktion stimmt nicht unbedingt mit dem Standpunkt des Autors überein.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren