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    Russland ist Sieger des Moskauer Filmfestivals

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    MOSKAU, 27. Juni (Olga Sobolewskaja, Kommentatorin der RIA Nowosti). Das 27. Moskauer internationale Filmfestival, das vom 17. bis zum 26. Juni dauerte, setzte auf Filme aus dem Nahen und dem Mittleren Osten, vom Balkan und aus Russland.

    Unter dem Motto „kulturelle Vielfalt" wurden 17 Streifen für den Hauptwettbewerb ausgewählt. Gesiegt hat die russische Filmkunst, die bereits ihr Selbstvertrauen zurückgewann: „Dreaming of Space" von Alexej Utschitel (2005). Für seinen vierten Spielfilm erhielt der Regisseur den Hauptpreis, den „Goldenen Georg". Weitere Preise gingen an einen iranischen und einen bulgarischen Film.

    Der russische Film gilt von vornherein als Favorit des Festivals. Die Erfolge der russischen Filmbranche kann man nicht übersehen. Schon während der Eröffnungszeremonie gab der mit einem Oscar ausgezeichnete Regisseur Nikita Michalkow eine aufschlussreiche Statistik bekannt. Noch vor zehn Jahren gab es in Russland kein einziges Dolby-Kino, heute sind es bereits 1000. Hatten russische Filme 1995 lediglich 8 Millionen Dollar eingespielt, so rechnet man 2006 mit 1,5 Milliarden Dollar. Die russischen Filme „Swoi" („Wir"), „Koktebel", "Woditel dlja Very" ("Der Fahrer für Vera") und „Nastrojschik" („Der Klavierstimmer"), wurden zu zahlreichen Filmfestspielen eingeladen und sind bereits außerhalb Russlands bekannt.

    Die Erfolge der russischen Filmindustrie sind nicht einfach ein Geschenk für das Moskauer Filmforum, sondern eine objektive Realität, die in jedem beliebigen Kontext offensichtlich ist. Seit dem vergangenen Jahr, als Bekmambetows „Notschnoi Dosor" ("Die Nachtwache") erstmals 16,8 Millionen Dollar (so viel spielte bisher kein Hollywood-Film in Russland ein) kassierte, machte sie nun einen neuen Sprung. Es folgten „Der Fahrer für Vera" von Pawel Tschuchrai, „Türkisches Gambit" von Dschanik Fajsijew, „Statskij sowetnik" („Civil Counsellor") von Philipp Jankowski und andere Kassenschlager. Diese Filme ähneln zwar Schülerarbeiten in Meisterklassen von Hollywood, ihre Produzenten schauen zwar wie kleine Kinder auf Hollywood, doch in Bezug auf die Filmqualität kann man in Hollywood tatsächlich noch etwas lernen.

    Eine andere Frage ist der Inhalt. Da richtet sich niemand mehr so unbedacht nach Hollywood. Die russische Kunst galt immer als ein Wahrheitssucher, als eine Bühne für Große Ideen. Ein hohes Anspruchsniveau liegt den russischen Zuschauern der mittleren und älteren Generation im Blute. Sie wurden durch Eisenstein, Bondartschuk, Romm, Grigori Tschuchraj, Tarkowski, Paradschanow und Michalkow so erzogen. Heute sollte man jedoch auf Autorenfilme, auf Arthouse setzen. Denn die Mainstream-Filme richten sich hauptsächlich an Jugendliche und setzen keine tiefempfundenen intellektuellen Gemütsbewegungen voraus. Arthouse hingegen verkörpert die sowjetischen Filmtraditionen, die weltweit Ehrfurcht gebieten. Alexej Utschitels Streifen „Dreaming of Space" gehört in die Arthouse-Kategorie. Den Film sollte man sich tiefsinnig, ohne Coca-Cola und Popcorn anschauen. Das ist kein Blockbuster, keine Stütze der jetzigen Vergnügungskinematographie.

    In dem Film ist die Geschichte der Jugend der 1950er Jahre - das Vorfeld des sowjetischen Durchbruchs in den Weltraum - nostalgisch stilisiert. In der Luft schwebt eine Vorahnung von Wandlungen und Freiheit, die jungen Leute wollen die Welt erweitern, eben die durch Politik eingeengte und von den anderen Universen entrückte sowjetische Welt. Das Spiel mit der Nostalgie, Zitate aus der Kunst der Vergangenheit und die Sehnsucht nach den alten Hoffnungen sind schon lange fest in Mode, so dass sich Utschitel da lediglich zeitgemäß zeigt. Der wirkliche Charme des Filmes besteht darin, dass er das wahre Leben wiedergibt, dessen unregelmäßiges Pulsieren, mal freudig, mal monoton, die Widersprüche, dank denen die Kunst eben Kunst und nicht eine Predigt ist. Das ist auch ein Verdienst des Drehbuchautors Alexander Mindadse: In jedem Alltagsleben findet er einen verborgenen metaphysischen Sinn.

    Den „Silbernen Georg" erhielt der 36-jährige Klassiker aus Dänemark Thomas Vinterberg, der für „Dear Wendy" zum besten Regisseur gekürt wurde. Zum besten männlichen Darsteller wurde der Iraner Hamid Farahnejad für den Film „Left Foot Forward on the Beat" (Regie: Kasem Maasumi). Der „Silberne Georg" für die beste weibliche Darstellung ging an die Bulgarin Vesela Kazakova für den Film „Stolen Eyes" (Regie: Radoslav Spassov). Den Sonderpreis der Jury erhielt „Der ewige Frost" von Aku Louhimies (Finnland).

    Innerhalb von zehn Tagen liefen 18 Programme außerhalb des Wettbewerbs: Streifen sowohl junger als auch erfahrener Regisseure aus Ost und West, sowohl Arthouse als auch Mainstream. Unter ihnen ein Film über Francois Mitterrand (im Rahmen der Retrospektive von Filmen des französischen Regisseurs Robert Guérdiguian) und Filme von Konrad Wolf - anlässlich des 60. Jahrestages der Kriegsbeendigung, Streifen über den Nahost-Konflikt und zum Thema Islam. Außerhalb des Wettbewerbs liefen insgesamt 97 Filme.

    Auf dem Moskauer Filmfestival waren auch ausländische Stars vertreten: Annie Girardot (sie brachte den Film „Hidden" mit) und Jeanne Moreau (Moreau erhielt für ihr Lebenswerk den Stanislawski-Preis und präsentierte "Time to Leave" von François Ozon), Istvan Szabo erhielt einen Preis für „seinen Beitrag zur Weltfilmkunst". Unter den angesehenen Gästen waren der Brite Peter Greenaway und die belgischen Regisseure Brüder Dardenne.

    Als Sensation kann die Ankündigung des Festivalpräsidenten Nikita Michalkow betrachtet werden, künftig eine neue Jury einzusetzen, welche die Wettbewerbsfilme aus geistiger Sicht beurteilen wird. Die russische Filmkunst will offenbar zu geistigen Forschungen zurückkehren. Eine solche Inhalts-Impfung würde ihr nicht schaden.

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