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    Was hat sich tatsächlich im Nachkriegspotsdam abgespielt?

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    MOSKAU, 28. Juni (RIA Nowosti). RIA Nowosti setzt den Zyklus der Publikationen zu den geheimen Triebfedern des Zweiten Weltkrieges fort.

    Wir setzen die Erzählung über die Potsdamer (Berliner) Konferenz der Staatschefs der Antihitlerkoalition - UdSSR, USA und Großbritannien - fort, die vom 17. Juli bis 2. August 1945 im Schloss Cecilienhof in Potsdam stattfand und über das Schicksal des besiegten Deutschland und der Weltordnung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu entscheiden hatte. Darüber sprechen der Militärkommentator der RIA Nowosti Viktor Litowkin und Dr. sc. Valentin Falin.

    Litowkin: Unser vorangegangenes Gespräch unterbrachen wir bei der Feststellung der Tatsache, dass die Potsdamer Konferenz hätte nicht stattfinden können, wenn die Vereinigten Staaten die Hilfe der Roten Armee bei der Zerschlagung Japans nicht gebraucht hätten. Bekanntlich entstanden im Verlauf ihrer Arbeit viele Situationen, bei denen sie in eine Sackgasse geriet und die die Verhandlungen zu vereiteln drohten.

    Falin: Sie haben recht. Licht und Schatten wechselten während dieser Konferenz von Anfang an und bis zum Ende. Wollen wir uns Klarheit darüber verschaffen, warum das geschehen war.

    Was hat die sowjetische Führung über die Umtriebe der Feinde Russlands im Westen gewusst? Die Meinung einiger westlicher Historiker, dass der Kreml alle Verstecke entdeckt und alle Geheimnisse von London und Washington gelüftet hätte, ist eine offensichtliche Übertreibung. Richtig ist aber etwas anderes. Moskau stellte sich umfassend genug vor, nach welcher Seite der Zeiger des politischen Barometers sich neigte, ein Teil von welchem breiteren Bild die Reihe der Abweichungen der Westmächte von den Vereinbarungen von Jalta war, wofür die Briten in Schleswig-Holstein und Süddänemark nicht aufgelöste Divisionen der Wehrmacht stehen ließen, warum sich Truman bei den Treffen mit Molotow und anderen sowjetischen Vertretern der Sprache von Ultimaten zu bedienen begann... Alles lässt sich kaum aufzählen.

    Heute ist bekannt, dass der Eidbruch durch Churchill im Frühjahr 1945 kein überraschendes Manöver gewesen war. Heute zweifelt niemand daran, dass das Ableben von Franklin D. Roosevelt ein grundsätzliches Umbewerten der Werte in der Politik der Vereinigten Staaten bedeutete. Stalin aber hatte entweder den Ernst der heranreifenden Krise bagatellisiert oder auch damit gerechnet, dass es ihm gelingen werde, Washington von Extremen abzuhalten und Truman von der Schädlichkeit der Opferung der besten aller Chancen, die Menschheit aus dem Teufelskreis der Hoffnung nur auf die Stärke allein heraus zu führen, zu überzeugen.

    Ende Mai 1945 wies das Hauptquartier des Oberkommandos Marschall Schukow darauf hin, dass die Briten ein Abenteuer unter Einsatz von Einheiten der Wehrmacht planten. Es lagen keine Angaben über die Umstellung der britischen Kräfte in Europa auf ein Leben in Frieden vor. Alarmierend wirkte die Obstruktion der Umsetzung der Jaltaer Abkommen über die Grenzen der Besatzungszonen durch London.

    Moskau beschloss, die Situation unter Anwendung der Methode des guten Beispiels einigermaßen zu verbessern. Am 23. Juni 1945 wurde das Gesetz über die Umstellung der Roten Armee und der Flotte auf die Friedensstruktur angenommen. Die Demobilisierung begann am 5. Juli 1945. Bis 1948 ging die zahlenmäßige Stärke der Streitkräfte unseres Landes von elf Millionen Mann auf weniger als drei Millionen Mann zurück. Um auf dieses Thema nicht mehr zurück kommen zu müssen, möchte ich fortfahren. Im September 1945 verließen die sowjetischen Truppen Nordnorwegen, im November wurden sie aus der Tschechoslowakei und im April 1946 von der Insel Bornholm (Dänemark) abgezogen. Einer erheblichen Reduzierung wurden auch die in Ostdeutschland, Polen und Rumänien dislozierten Armeekontingente unterzogen.

    Kurzum, die sowjetische Seite demonstrierte vor der Konferenz in Potsdam, ebenso wie auch nach der Konferenz, den Wunsch, ihren Teil des Weges zurückzulegen, damit die Kampfgemeinschaft organisch in den gemeinsamen friedlichen Aufbau hinüberwachsen könnte.

    Die Hoffnung der sowjetischen Führung, bei den Partnern einen Funken von Vertrauen auszulösen, sie zur Gegenseitigkeit und Achtung der Interessen des anderen, dazu zu bewegen, das unschätzbare Kapital, das von der Antihitlerkoalition akkumuliert worden war, nicht zum Fenster hinaus zu werfen, erlosch zum Herbst 1947. Gerade damals kam es zum Zusammenbruch.

    Die Verhaltenslinie unserer Seite beim Treffen der "Großen Drei" war auf der Basis einer lauteren Zusammenarbeit aufgebaut. Am ersten Tag der Arbeit der Potsdamer Konferenz, am 17. Juli, erhielt Truman, wie er in einem Brief an einen Freund bemerkte, "mühelos das, weswegen ich hierher (in die Umgebung von Berlin) gekommen war, - Stalin wird in den Krieg eintreten... Jetzt kann man sagen, dass wir den Krieg ein Jahr früher werden beenden können, und ich denke an die Boys, die am Leben bleiben werden".

    Bei der Erörterung anderer Probleme auf der Konferenz hielt der sowjetische Delegationschef an der Taktik fest, die sich in Jalta bewährt hatte - die von den USA vorgeschlagenen Projekte als Grundlage anzunehmen, wenn deren Betrachtungsweise unserer nicht scharf entgegengesetzt war. Und sogar dann, wenn die amerikanischen Vorgaben mit unserer Position nicht übereinstimmten, griff Stalin der Polemik vorweg, legte seinen Standpunkt auf positive Weise dar, schlug Truman vor, Varianten zu erwägen.

    Im Portefeulle von Admiral Leahy, Berater von Präsident Truman, lag der Plan zur Zerstückelung Deutschlands in drei oder fünf Staaten. Dieser Plan entfiel, nachdem unsere Seite vorgeschlagen hatte, Deutschland als einheitliches Ganzes zu behandeln. Die Amerikaner waren missgestimmt, hielten sich jedoch davor zurück, ihr Projekt publik zu machen.

    Am 21. Juli schlug, laut Zeugnis des britischen Premiers, die Stimmung von Truman jäh um und sein Verhalten änderte sich plötzlich. Die bisherige Liebenswürdigkeit war vorbei. Der Präsident begann, wie Churchill später seine Beobachtungen darlegte, die Russen zu belehren, was sie zu tun hätten und wie, und führte sich als Herr der Lage auf. Churchill führte diesen Wechsel auf das aus Washington eingegangene Telegramm von Stimson zurück, in dem Truman über den erfolgreichen Versuch mit einer Kernladung benachrichtigt wurde. Die USA hatten die "Teufelswaffe erhalten" und wähnten sich als Lenker der Geschichte der irdischen Zivilisation. Die Idee der Weltherrschaft wurde zur Achse des politischen und militärischen Verhaltens der USA.

    Es lohnt sich, in diesem Kontext einem weiteren prinzipiell wichtigen Umstand Beachtung zu schenken: Am 17. Juli nahm die Potsdamer Konferenz ihre Arbeit auf, am 19. Juli revidierten die Vereinigten Staaten ihre militärpolitische Doktrin. Während früher die "Abwehr eines Überfalls" als Ausgangspunkt genommen worden war, gründete sich die neue Doktrin auf "Präventivschläge" gegen den Feind. Speziell wurde das Element der Überraschung bei der Zerschlagung der "Bedrohungsquelle" hervor gehoben. Dabei behielt sich Washington das Recht vor, die Definition des Charakters und des Grades dieser Bedrohung wie auch den Moment für deren Eliminierung zu bestimmen.

    Die Urheber der neuen Doktrin beschäftigten sich mit der Erprobung von deren Ideen und Formulierungen seit Mai 1945. Als potentieller Hauptgegner fungierte die Sowjetunion. Unsere Aufklärung hatte bis Juni 1945 bestimmte Angaben darüber gesammelt. In Verbindung mit den Angaben über die Operation "Unthinkable" konnte das nicht umhin, uns zu beunruhigen. Das Hauptquartier befahl Schukow, die Kräfte umzugruppieren und die Disposition der Truppen der westlichen Alliierten genau zu studieren. Freilich besteht auch heute noch keine Klarheit darüber, ob der sowjetische Chef über den Abschluss der Überprüfung der Militärdoktrin der USA gerade in der Zeit der Potsdamer Konferenz informiert worden war oder nicht.

    Die "Drei" schien in Potsdam den Weg zur friedlichen Koexistenz, zur Schaffung von Bedingungen, unter denen jede Nation die Früchte des gemeinsamen Sieges ernten könnte, zu bahnen. Was geschah aber in Wirklichkeit? Die marktschreierischen Reden von Truman, die er am Verhandlungstisch in Schloss Cecilienhof hielt, dienten als Deckmantel für die Ausartung der Politik der Zusammenarbeit in die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.

    Gleich nach der Abreise aus Deutschland erteilte Präsident Truman Eisenhower den Auftrag, den Plan Totality - das Konzept des militärischen Widerstreites mit der Sowjetunion - auszuarbeiten. Im August 1945 wurde unter Beteiligung des Kommandos der Luftstreitkräfte der USA die "Strategische Karte einiger Industriegebiete Russlands und der Mandschurei" vorbereitet. Dieses Dokument enthielt ein Verzeichnis von 15 großen sowjetischen Städten mit der Bezeichnung erstrangiger Ziele darin und mit dem Überschlag - unter Berücksichtigung der Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki - der Zahl der für deren Vernichtung notwendigen Atombomben. Der an Perversität grenzende Zynismus - das geschah gerade an jenen Tagen, da die Rote Armee, die Operationen mit den amerikanischen Streitkräften abstimmend, die eine Million Mann starke Kwantung-Gruppierung der Japaner aufgerieben hatte.

    Damals ging das Komitee der Stabschefs der USA an die Erforschung der Verwundbarkeit der Sowjetunion im Falle der Anwendung von Kernwaffen durch die Amerikaner. Das Produkt dieser Arbeit war das Dokument Nr. 329/1, das Schläge unter Einsatz von Kernwaffen gegen 20 sowjetische Städte vorsah. Ein halbes Jahr später entstand der Plan "Pincer" (ins Deutsche übersetzt "Zange"). Laut diesem Plan schätzten die Amerikaner ab, wie sie Russland nun schon mit 50 Kernladungen verheeren könnten. Je weiter, desto mehr. Der Dritte Weltkrieg, der aus Missverständnis als "kalt" bezeichnet wurde, gewann an Kraft und zerfetzte die normalen Vorstellungen von Moral und Menschlichkeit.

    Litowkin: Es kommt selten vor, dass, ebenso wie in den Familienbeziehungen, nur eine Seite an allem schuld ist. Wahrscheinlich war der Kurs auf die grenzenlose Konfrontation mit der Sowjetunion auf Handlungen von Stalin zurück zu führen?

    Falin: Auf Stalin bürdet die unermessliche Last der Verantwortung für seine Verbrechen und Sünden gegenüber dem Sowjetvolk. Das kann aber nicht als Anlass dazu dienen, ihm eine fremde Schuld in die Schuhe zu schieben, vor allem die Verhöhnung des von den drei Mächten in Teheran und Jalta abgelegten und in Potsdam wiederholten Schwurs, die Gewalt aus dem Leben der Menschheit auszuschließen, Toleranz zu üben und miteinander in der Welt wie gute Nachbarn zu koexistieren.

    Vor, während und nach Potsdam unternahm die sowjetische Seite alles in ihren Kräften Stehende, damit die Voraussetzungen für den Durchbruch in eine gerechte und sichere Welt in konstruktive und gerechte Handlungen umgesetzt wurden. Kein einziger ehrlicher Analytiker der Vergangenheit wird die Bereitschaft Moskaus, die legitimen Interessen der USA und anderer Partner nach der Antihitlerkoalition im Wendejahr 1945 zu achten, in Zweifel ziehen. Nach allem, was die Sowjetunion im Krieg gegen Deutschland erlebt hatte, lag ihr nicht daran, Spannungen und Konflikte mit wem auch immer zu provozieren. Unser Land war für Freundschaft offen und suchte nach ihr. Der amerikanische Spionagedienst berichtete seinem Präsidenten, dass die UdSSR in den nächsten 10-12 Jahren keine Gefahr für jemanden darstellen werde.

    Litowkin: Worin verkörperte sich aber unsere Freundschaftshand?

    Falin: Deutschland war der Hauptfeind der Vereinten Nationen. Sein kolossales militaristisches Potential hatte in vieler Hinsicht den Verlauf des Zweiten Weltkrieges bestimmt. Die Stabilität der Nachkriegswelt gebot, selbstverständlich, die Verwandlung Deutschlands in einen Zankapfel zwischen den Siegern zu verhindern. Wie aber? Moskau schlug vor, Deutschland bei der Umgestaltung seines politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systems als einheitliches nationales Ganzes zu behandeln. Damit die Anerkennung des Prinzips der Einheitlichkeit nicht zum leeren Schall wurde, setzte sich die UdSSR dafür ein, den antifaschistischen links- wie rechtsorientierten Parteien, den Gewerkschaften und der Kirche das Recht zu gewähren, in allen vier Besatzungszonen nach einheitlichen Regeln zu handeln, und den Deutschen zu ermöglichen, selbständig ihre sozialökonomische Ordnung zu bestimmen. Es wurde vorgeschlagen, auf der Grundlage eines für die Zonen gemeinsamen Wahlgesetzes Wahlen durchzuführen, um örtliche und in der Zukunft auch die zentralen Selbstverwaltungsorgane zu bilden.

    Die sowjetische Betrachtungsweise ging jedoch den Staatschefs der USA und Großbritanniens gegen den Strich. Sie bestanden darauf, dass das Prinzip der Behandlung Deutschlands als einheitliches Ganzes auf die Aufrechterhaltung der gemeinsamen Währung (der Reichsmark) und auf die Zulassung des Tauschhandels zwischen den Besatzungszonen beschränkt wurde. Die höchste Regierungsgewalt in Deutschland oblag den Oberbefehlshabern der Streitkräfte der vier Mächte - jedem in seiner Besatzungszone "nach den Weisungen ihrer jeweiligen Regierungen sowie gemeinsam in den Deutschland als Ganzes betreffenden Fragen". Der Kompromiss lautete: "Für die Einführung und Erhaltung der wirtschaftlichen Kontrolle, die vom Kontrollrat festgesetzt wurde, ist ein deutscher Verwaltungsapparat zu schaffen." Dabei flochten sie einen Vorbehalt ein: "Soweit dieses praktisch durchführbar ist, muss die Behandlung der deutschen Bevölkerung in ganz Deutschland gleich sein".

    Die Spaltung des Landes wurde vorprogrammiert. Die Franzosen meinten, dass sie nicht Versteck zu spielen brauchten und schlossen sich der Potsdamer Regelung mit der Klausel an, dass Paris die auf die Erhaltung der deutschen Einheit orientierten Bestimmung nicht als für sich bindend betrachten werde. Nach kurzem Schwanken beschloss Washington, Dividenden aus der französischen Eigenmächtigkeit herauszuschlagen. Gegen Mitte 1946 reifte bei den Amerikanern in den Hauptzügen der Kurs auf die Gründung eines separaten westdeutschen Staates, seine Umrüstung und die Einbeziehung der Territorien der drei westlichen Zonen in die Kriegsvorbereitungen gegen die UdSSR heran. Die Ergebnisse ließen auf sich nicht warten. Der Spaltung konnte man dabei nicht aus dem Wege gehen.

    Die Abgrenzung von der sowjetischen Zone setzte die Akkumulation eines soliden Pakets von Unterschieden voraus. Die USA, England und Frankreich machten die Richtlinien auf die Demokratisierung der deutschen Wirtschaft zunichte. In Hessen und Nordrhein-Westfalen beschlossen die Besatzungsbehörden, Referenden durchzuführen. Dabei erwarteten sie, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Nationalisierung der Banken und großen Werke, darunter jener, deren Besitzer eng mit den Nazis zusammen gearbeitet hatten, ablehnen würde. Es geschah aber etwas Unvorhergesehenes - die überwiegende Mehrheit der Deutschen stimmte für die Übergabe der Schlüsselunternehmen und Finanzinstitute in das Eigentum des Staates.

    Die Demokraten durchkreuzten eiligst die Willensäußerung der Bevölkerung und sorgten dafür, dass solche Appellationen an die Öffentlichkeit, im politischen Lexikon - "an die Straße" -, durch die zukünftige Bonner Verfassung verboten wurden. Im Endergebnis wurde an die Stelle der Demokratisierung die "Dekartellisierung" untergeschoben, die zwar für eine Reihe von Konzernen bestimmte Unbequemlichkeiten schuf, ihren realen Einfluss aber nicht einschränkte. Noch trauriger gestaltete sich die Situation mit den Reparationsleistungen aus den westlichen Zonen zugunsten der UdSSR, Polens, Jugoslawiens und einiger anderer Länder, die besonders großen Schaden im Ergebnis der deutschen Aggression erlitten hatten.

    Litowkin: In den Potsdamer Beschlüssen wurde doch festgeschrieben, das zehn bis fünfzehn Prozent der Ausrüstungen, die in der amerikanischen und der britischen Zone abzumontieren waren, in die Sowjetunion kommen sollten?

    Falin: Festgeschrieben ja, aber das nützte wenig. Die Sowjetunion erhielt aus den westlichen Zonen Ausrüstungen für wertmäßig weniger als sechs Millionen Dollar. Eine Bagatelle im Vergleich zu dem Schaden, für den der Aggressor nach den Gesetzen der Gerechtigkeit aufzukommen hatte.

    Diese Summe hält keinen Vergleich mit den Reparationsleistungen zugunsten der Westmächte stand, die die Goldbestände Deutschlands, Tausende und Abertausende Patente mit einem Gesamtwert von bis zu zehn Milliarden Dollar, Aktien der Unternehmen und vieles andere, in Besitz genommen hatten. Washington war, besonders beim Zusammenzimmern der NATO, nicht kleinlich und steifte Großbritannien, Italien, der Türkei und Westdeutschland den Rücken. Die Truman-Administration verfolgte um so aufmerksamer, dass nicht nur kein überzähliger Dollar, sondern auch keine überzählige Mark der UdSSR für die Ziele des wirtschaftlichen Aufbaus zufiele.

    Litowkin: Soweit ich mich erinnern kann, wurde in Potsdam festgelegt, in Deutschland außer den Wirtschaftsreformen auch noch die Entnazifizierung und eine tiefgreifende Entmilitarisierung durchzuführen. Was wurde in dieser Richtung getan?

    Falin: Solche Entscheidungen wurden tatsächlich ganz eindeutig getroffen. Während aber in der sowjetischen Zone der nazistische Nachlass mit Voreingenommenheit und folglich auch mit Überspitzungen ausgemerzt wurde, wie das übrigens auch bei der Demokratisierung des wirtschaftlichen Lebens der Fall gewesen war, schwammen die Westmächte sozusagen an der Oberfläche und wuschen dann die Hände in Unschuld. Die "Demokraten" sorgten dafür, dass die einflussreichen Posten im Rechtsschutz-, Bildungs- und Informationsbereich nicht von linksorientierten Elementen - potentiellen Opponenten des Vorspannens Deutschlands vor den amerikanischen Kampfwagen, besetzt werden konnten.

    Was die Entmilitarisierung betrifft, so wirbelten wir mit typisch russischem Schwung wie ein Sturmwind durch die in der sowjetischen Zone gelegenen unterirdischen Werke, Bunker und anderen militärtechnischen Anlagen.

    Die Vertreter der drei Mächte im Kontrollrat lobten uns für diesen Eifer und versprachen, nachzuholen, hielten sich jedoch an die Regel: Eile mit Weile und warte auf die Zeit, da man die Steine nicht auseinander zu werfen, sondern zu sammeln haben wird.

    Litowkin: Welche Fragen lösten die hitzigsten Streite auf der Potsdamer Konferenz aus?

    Falin: Schwer fielen uns die Verhandlungen über die Westgrenze Polens. In Jalta wurde im Prinzip vereinbart, diese Grenze an der Oder-Neiße-Linie zu ziehen. Truman betete aber die von seinem Vorgänger getroffenen Vereinbarungen nicht an. Für die Konzeption "Pax Americana" passten besser nicht fest fixierte, sondern labile provisorische Grenzen. Rund um sie fiel es ihnen leichter, Ränke zu schmieden. Dank der Beharrlichkeit der sowjetischen Seite gelang es letzten Endes, einen Modus vivendi zu finden. Die Landstriche östlich der Oder-Neiße-Linie wurden der sowjetischen Seite entzogen und gingen unter die Verwaltung Polens, was neben anderem die reale Tatsache widerspiegelte: Im Moment der Konferenz waren hier so gut wie keine Deutschen verblieben. Die juristische Ausgestaltung des neuen Territorialstatus wurde für später aufgeschoben. "Später" kam 1991.

    Litowkin: Wann waren aber diese Gebiete ohne deutsche Bevölkerung geblieben?

    Falin: Im April-Mai 1945.

    Litowkin: Könnten Sie bitte präzisieren: Waren die Deutschen selbst geflohen oder wurden sie vertrieben?

    Falin: Der Großteil der deutschen Bevölkerung verließ diese Gebiete vor dem Einmarsch der Roten Armee. Goebbels hatte ihnen solche Angst eingejagt, das Millionen beschlossen, das Schicksal nicht herauszufordern. Jene, die geblieben waren, wurden aus Ostpreußen, Pommern, dem Sudetengebiet , Ungarn und Rumänien vertrieben. Die Gesamtzahl der Vertriebenen betrug rund 14 Millionen.

    Unter dem Himmel ist aber fast alles relativ. Wie viele Menschen - Russen, Weißrussen, Juden, Polen, Angehörige anderer Nationalitäten haben auf der Suche nach Rettung vor den nazistischen Horden und ihren Handlangern ihre Häuser und ihr Hab und Gut liegen lassen und waren geflohen? 30-35 Millionen. Mehr als zwei Millionen von ihnen fanden unter deutschen Bomben und Panzerketten den Tod. Das ist ebenfalls ein Teil der bitteren Wahrheit, ein Teil der Geschichte.

    Litowkin: In der polnischen Deutung der Potsdamer Konferenz wird der Kampf der Sowjetunion um die Territorialinteressen Polens entweder mit keinem Wort erwähnt oder in deutlich entstellter Weise dargelegt.

    Falin: Jede gute Tat muss, wie die Franzosen lehren, bezahlt werden. Im Nahen Osten findet derselbe Gedanke einen schärferen Ausdruck - Dankbarkeit ist eine Todsünde.

    Litowkin: Wollen wir aber auf den Anfang unseres Gesprächs zurückkommen. Sie haben den 21. Juli als den Tag erwähnt, an dem sich das Verhalten Trumans geändert hatte. Das gespaltene Atom begann das amerikanische politische und militärische Denken zu deformieren. Warum ließ aber das Interesse der USA für den Eintritt der Sowjetunion in den Krieg gegen Japan nach der Explosion in Alamogordo stark nach?

    Falin: Sie haben ein heikles Thema angeschnitten. Washington standen Informationen über die grundsätzliche Entscheidung der Führung Japans zur Verfügung, sofort nach der Kriegserklärung durch die Sowjetunion zu kapitulieren. Die amerikanischen Militärs betrachteten diese Entscheidung von Tokio als eine Bestätigung der Richtigkeit ihrer Schlussfolgerung über die Notwendigkeit, ihre Anstrengungen mit denen von Moskau zu vereinigen. Truman und seinen politischen Beratern war es jedoch zuwider, dass die Kapitulation Japans mit dem Eintritt der UdSSR in den Krieg verknüpft wurde.

    Der US-Außenminister Byrnes begann im Auftrag des Präsidenten - das ist eine wenig bekannte Tatsache -, Chang Kai-shek dazu anzureizen, die Erfüllung einer der Bedingungen, mit denen Moskau den Eintritt in den Krieg begleitet hatte, und zwar die Unabhängigkeit der Mongolischen Volksrepublik anzuerkennen, zu verhindern. Es gelang, die Umtriebe von Byrnes zu neutralisieren. Der Versuch, die Sowjetunion "vor die pazifische Tür zu setzen", scheiterte. Truman blieb nichts anderes übrig, als nur seinen Stabschefs nachzugeben. Mit einer Ausnahme: Er befolgte nicht ihren Ratschlag, keine Atomwaffen gegen Japan einzusetzen, obwohl keine militärische Notwendigkeit dafür bestand.

    Präsident Truman, der bei Stalin ausgeforscht hatte, dass die Rote Armee den Kampf gegen die Japaner in der Nacht vom 8. zum 9. August 1945 aufnehmen werde, verfügte, diesem Ereignis vorgreifend, den Abwurf einer Atombombe am 6. August auf Hiroshima. Ohne den Faden der Untersuchung überspannen zu wollen, gestatte ich mir die Feststellung, dass Potsdam und damit auch die Epoche der um der Erlösung der kommenden Generationen von den Leiden des Krieges willen vereinten Nationen nicht am 2., sondern am 6. August 1945 endete. Hunderttausende Menschen wurden dazu verurteilt, sofort zu sterben oder eine tödliche Strahlungsdosis zu bekommen oder auch vor der Welt, in erster Linie vor Moskau, zu bezeugen, dass die militärische Stärke der USA ein qualitativ neues Format gewonnen hatte. In die internationalen Beziehungen wurde der Gentlemen-Satz eingeführt: Der Zweck heiligt die Mittel, es kann keine Gleichheit zwischen Ungleichen geben, die Globalität der Interessen des Stärkeren heiligt seine Einmischung in die Angelegenheiten jeder Region und jedes Landes, das Recht, nach seinem Gutdünken die Karten zu verteilen...

    In der Washingtoner Fassung hieß die Unberechenbarkeit "Balancieren am Rande eines Krieges" und strategischer Trumpf.

    Nicht einfach symbolisch, sondern durchaus gesetzmäßig war es, dass die Potsdamer Verhandlungen die USA von ihrer Hauptbeschäftigung nicht sonderlich ablenkten. Wie bereits erwähnt, "erneuerten" die Washingtoner "Meister" parallel zu den Sitzungen der "großen Drei" die Militärdoktrin des Landes. Die Philosophie der Gewalt, dabei in ihrer zügellosesten Form, bekam ihre Fortsetzung. Sie wurde zum A und O der amerikanischen Strategie. Beim Verlassen von Potsdam wird Truman seiner Umgebung sagen: Für mich wird es keine Gipfeltreffen mehr unter Teilnahme sowjetischer Vertreter geben. Der Hegemon braucht keine Partnerschaft, sie sei für ihn ein fünftes Rad am Wagen...

    Litowkin: Aber die Potsdamer Konferenz und ihre Beschlüsse wurden von der Weltgemeinschaft mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufgenommen. Sie wurde als "Krönung der Antihitlerkoalition" bezeichnet...

    Falin: Die Menschen, die in die verborgenen Geheimnisse von Potsdam nicht eingeweiht sind, wollen nicht glauben, dass die Lehren der beiden Weltkriege so schnell der Vergessenheit preisgegeben, dass die gestrigen Verbündeten mit der unter Qualen gewonnen Chance, die Welt auf menschliche Art und Weise umzugestalten, so stümperhaft umgehen würden. Politische Romantiker neigten tatsächlich dazu, Potsdam mit einem Lorbeerkranz zu krönen, sie ließen nicht einmal den Gedanken daran zu, dass sie Zeugen und Zuhörer eines Requiems für es gewesen waren. Ja, im Schatten von Potsdam wurde ein Kranz geflochten, das war aber ein Dornenkranz.

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