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    Geschäftstourismus in Russland - ermutigende Perspektiven

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    MOSKAU, 28. Juni (Olga Sobolewskaja, Kommentatorin der RIA Nowosti). Der Geschäftstourismus hat in Russland gute Perspektiven: Er ist erst in den 90er Jahren, parallel zu dem Boom bei der Eröffnung von Vertretungen ausländischer Firmen und der Gründung von Joint Ventures in Russland, entstanden.

     Und es ist damit ein sehr junger Geschäftszweig. Alle Gewinne und Errungenschaften dieser für Russland neuen Branche liegen noch in der Zukunft, insbesondere wenn man Prognosen von Experten berücksichtigt, denen zufolge Russland in den nächsten zehn Jahren wesentlich größere Investitionen in die Reiseindustrie bekommen und gleichzeitig sich immer mehr in die Weltwirtschaft integrieren soll.

    Der Geschäftstourismus ist überaus kapitalintensiv, er bringt aber auch beachtliche Gewinne. Damit unterscheidet er sich auch vom üblichen Tourismus: Die „Geschäftstouristen" geben drei- bis viermal mehr Geld - im Durchschnitt 1200 US-Dollar pro Tag - aus. Der Geschäftstourismus beinhaltet ein komplettes Paket von Dienstleistungen: Von der Buchung von Flugtickets und der Erledigung der Visaformalitäten bis zu der Organisation von Verhandlungen mit Geschäftspartnern und der Freizeitgestaltung. Es handelt sich um eine Verbindung der Marktforschung und des Vergnügens.

    In Russland entstehen immer mehr Reisefirmen, die bereit sind, für Kunden während der Reise absolut alles zu machen, inklusive der Gestaltung von Ausstellungsständen, der Auswertung von Informationen über potentielle Partner, der Anwerbung von Sicherheitskräften, der PR-Unterstützung und Werbung in beliebigen Sprachen. Einige Firmen bieten auch Bank- und Consulting-Dienstleistungen, wirtschaftliche Übersichten und Handelsvermittlungsdienste an.

    Allerdings gibt es in Russland vorerst nicht allzu viele Reisebüros, die sich im Bereich des Geschäftstourismus positionieren. Der Geschäftstourismus ist in der Regel nur einer der Tätigkeitsbereiche von Reiseunternehmen. Vorerst ist es zu riskant, nur auf den Geschäftstourismus zu setzen, weil diese Branche in Russland noch unvorhersagbar ist.

    Die russischen Firmen haben dabei westliche Erfahrungen übernommen. Die „Pioniere" waren die transnationalen Gesellschaften - sie waren die ersten, die, gestützt auf langjährige Erfahrungen, mit der Durchsetzung des Geschäftstourismus in Russland begannen.

    Im Lande tauchten Vereinigungen und Zentren des Geschäftstourismus sowie fachkundige Experten und Fachzeitschriften auf. Seminare und Konferenzen über die Entwicklung des Geschäftstourismus werden veranstaltet. Im Einklang mit der ausländischen Mode bietet Russland zunehmend Geschäftskreuzfahrten mit Schiffen an, wobei geschäftliche Programme mit Unterhaltungsprogrammen kombiniert werden.

    Solche Geschäftstreffen finden immer mehr Sponsoren. Russland sieht zunehmend die Vorteile des Geschäftstourismus ein: Er stimuliert das Wirtschaftswachstum, während diverse größere internationale Konferenzen ohnehin einen großen Beitrag zur Gestaltung des Landesantlitzes leisten und Investoren anlocken.

    Dennoch existiert eine vollwertige Infrastruktur des Geschäftstourismus vorerst nur in Großstädten mit einer starken Wirtschaft: in Moskau, Sankt Petersburg, Jekaterinburg in der Uralregion, Nowosibirsk und Irkutsk in Sibirien, Wladiwostok im Fernen Osten, Murmansk und Archangelsk im Norden, Samara und Togliatti an der Wolga sowie Sotschi an der Schwarzmeerküste.

    In diesen Städten nimmt die Zahl von Vier- und Fünf-Sterne-Hotels ständig zu, die mit allem Notwendigen für den Geschäftstourismus ausgerüstet sind.

    Vorerst dominiert aber in Russland eindeutig der ausländische Geschäftstourismus. Russen reisen immer aktiver zu ausländischen Ausstellungen und Konferenzen als Ausländer nach Russland. Rund 1,5 Millionen russische Bürger reisen jedes Jahr geschäftlich nach Europa. Zugleich kommen rund 1,4 Millionen Europäer geschäftlich nach Russland. Während 300 000 Russen zu Geschäftszwecken in die USA reisen, macht die Zahl der amerikanischen Geschäftsleute, die nach Russland kommen, höchst die Hälfte davon aus.

    Diese Situation ist nicht verwunderlich, allein schon deshalb, weil eine Reise nach Russland nicht selten teurer ist als in ein anderes Land, während das Preis-Leistungs-Verhältnis im russischen Service bei Weitem nicht immer stimmt.

    Innerhalb des Landes sind die Russen oft unterwegs. Nach einigen Schätzungen ist fast die Hälfte der Passagiere Geschäftsreisende. Was den ausländischen Geschäftstourismus anbelangt, so reisen russische Geschäftsleute zu Ausstellungen, die ganz verschiedenen Themen gelten - von Luftfahrttechnik bis zu Blumen oder Luxus-Armbanduhren - in alle Kontinente. Die größte russische Beteiligung ist in der Regel bei Treffen zu verzeichnen, die den Rohstoffbranchen gewidmet sind.

    Drei bis vier Tage Konferenz werden üblicherweise mit einem bis zwei Tagen Unterhaltung kombiniert. Im Ausland geben die Russen bei solchen Reisen mehr Geld aus als ihre ausländischen Kollegen aus. Vor zwei Jahren ließen beispielsweise 58 000 russische Geschäftstouristen 83 Millionen US-Dollar allein in Großbritannien. Beim Wirtschaftsforum in Davos oder beim Filmfestival in Cannes sind die russischen Delegationen immer bemerkbar. Zugleich gehören die Anfang der 90er Jahre üblichen skandalösen zügellosen Gelagen russischer Geschäftsleute immer mehr der Vergangenheit an. Heute sind seriöse und gesittete Reisen „in".

    Am meisten reisen die russischen Geschäftsleute nach Deutschland, Frankreich und Italien sowie nach Skandinavien und Osteuropa. Nach Asien reisen sie weniger und dabei in erster Linie nach China und Indien.

    Zu Messen und Konferenzen - Luftfahrtsalons sowie Textil- und Baustoffmessen - nach Indien kommen Fachleute aus ganz Russland. Ein Beispiel dafür ist der Luft- und Raumfahrtsalon, der alle zwei Jahre in Bangalore stattfindet: Dort sind Hersteller der russischen Kampfflugzeuge des Typs „Su" oder „MiG" stets dabei.

    Global macht der Anteil der Geschäftstouristen 25 bis 30 Prozent aus, in Russland sind es aber unter 20 Prozent. Im internationalen Geschäftstourismus dominieren mit 70,8 Prozent individuelle Geschäftsreisen. Auf die Reisen zu Konferenzen und Seminaren entfallen 12,6 Prozent, auf Ausstellungen und Messen 10,9 Prozent. Rund drei Prozent sind Kongresstouren und der sogenannte Incentive-Tourismus - Reisen als Auszeichnung für gute Leistungen in der Arbeit.

    In Russland ist aber die Struktur des Geschäftstourismus etwas anders. Die Popularität von Reisen zu Ausstellungen, Konferenzen und Kongressen ist hoch, während der Anteil der Incentive-Reisen noch verschwindend gering ist, obwohl er in letzter Zeit ständig zunimmt.

    Nur die reichsten russischen Unternehmen können sich kostspielige korporative Reisen leisten, meistens ist das Top-Management in der Welt unterwegs. Viel häufiger werden einmalige Geschäftsreisen in die Länder organisiert, wo die wichtigsten Partner der jeweiligen Unternehmen ansässig sind.

    Russland ist zwar bei allen größeren internationalen Tourismus-Foren dabei, der Effekt davon ist allerdings recht bescheiden.

    Laut Expertenprognosen wird sich der Umfang der Geschäftsreisen in der Welt 2020 von 564 Millionen auf 1,6 Milliarden im Jahr verdreifachen. Der Gewinn der Branche soll sich von 399 Milliarden auf zwei Billionen Dollar verfünffachen. Wie groß der Anteil Russlands daran sein wird, lässt sich schwer prognostizieren. Ausgehend vom stabilen Wirtschaftswachstum in Russland und den steigenden Investitionsratings, werden Russlands Chancen allerdings als recht optimistisch eingeschätzt: Ein Platz in der internationalen Top-Ten ist durchaus real.