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    Moskauer Art-Forum: Wer erschreckt das Publikum am besten?

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    MOSKAU, 29. Juni (Anatoli Koroljow, politischer RIA-Nowosti-Kommentator). Vor dem im Juli in Moskau bevorstehenden Internationalen Forum von künstlerischen Initiativen - einem Jubiläumsforum, denn es findet zum 10.

    Male statt - macht es Sinn, zu einer der recht typischen Erscheinungen der Gegenwartskunst gewissermaßen ein Fazit zu ziehen. Gemeint sind die beharrlichen Versuche, die emotionale Wirkung auf den Betrachter um jeden Preis zu verstärken. In diesem Extremismus steht die russische Gegenwartskunst, wie sich herausstellt, an einer führenden Stelle. Als der Clou des Moskauer Forums gilt schon jetzt der dort zu erwartende Wettbewerb: Wird das russische Team seine Führung im Radikalismus behalten, oder werden die ausländischen Kollegen es in der Kunst der Einschüchterung des Publikums übertreffen?

    Lange Zeit riefen solche Versuche bei allem Radikalismus der künstlerischen Geste Lachen hervor. Der Leser wird mir zustimmen, dass all die tollen Streiche des skandalsüchtigen Oleg Kuliks, der sich - nackt, mit einem Halsband und auf allen vieren - für einen Hund ausgab und bei der Performance „Reservoir dog" (Kunsthaus, Zürich) VIP-Gäste biss, eher lachhaft als erschreckend sind. Die öffentliche Aktion der Gruppe „E.T.I.", die auf dem Roten Platz in Moskau aus ihren Körpern ein obszönes Wort (in Russland besteht es aus drei Buchstaben) formte, oder die öffentliche Defäkation von Alexander Brener vor einem Gemälde von Van Gogh im Moskauer Puschkin-Museum für bildende Künste - all das reiht sich in die gleiche Kategorie von Kuriositäten ein.

    Die Künstler wollten die Gesellschaft ohrfeigen, lösten jedoch Gelächter aus. Nun, die Meister der Kunst zogen ihre Schlüsse. Die Kunst ging zur Offensive über. Und das beobachten wir heute.

    Das Schaffen von Nathalia Edenmont zum Beispiel läßt niemand mehr lachen. Sie arbeitet in der Gattung der realen Fotografie. Auf großen farbenreichen Stillleben sieht man den abgeschnittenen Kopf eines echten Kaninchens, den Edenmont einem Spielzeugkaninchen über den Kopf stülpt. Oder abgeschnittene Köpfe der eben noch lebendigen Tiere - einer Katze und einer Maus -, die die Künstlerin in bunte Gewebe drapiert, auf einen Vasenhals steckt und fotografiert. Zurzeit lebt sie in Schweden, wo sich die Gegner ihrer Tierquälerei wiederholt ans Gericht wandten. Ohne Ergebnis. Das Gericht ist nicht befugt, über eine künstlerische Geste zu urteilen, bei welcher der Tod eines Tierchens im Off bleibt, während die Fotos auf Glanzpapier keinen einzigen Blutstropfen aufweisen.

    Doch die Tötung von Tieren ist bei weitem nicht das Äußerste in dem Streben zu schocken. Letztendlich hat der Extremismus dem Menschen zugewandt.

    Der Künstler Imperator Wawa (eigentlich Wladimir Alexandrow) nähte sich bei einer Aktion in der Moskauer TV-Galerie den Mund mit rohem Zwirn zu.

    Wjatscheslaw Misin und Alexander Schaburow - die Gruppe „Blaue Nasen" - haben einen Videofilm gedreht, in dem gewisse Extremisten versuchen, Lenins Mumie zu vergewaltigen.

    Aber all das verblasst neben den Aussichten, die sich den Künstlern dank der heutigen Errungenschaften der Gentechnologie eröffnen. Hier bleiben die russischen Künstler vorläufig zurück: Experimente mit einem Genom sind kostspielig.

    Eine weltweite Sensation wurde ein lebendes Kaninchen als Objekt der Gentechnologie. Ins Genom des Kaninchens baute der Brasilianer Eduardo Kac kunstvoll ein Chromosom der leuchtenden Meeresalge ein, und in der Dunkelheit fluoreszierte das Kaninchen in einem zarten Grün. Der nächste Schritt von Eduardo Kac war eine Chimäre von einem Frosch, in dessen Haut Libellenflügel implantiert wurden, und sie flatterten, als würde der Frosch jeden Augenblick auffliegen.

    Für diese Kunst wurde eilig ein kunstwissenschaftlicher Terminus technicus erdacht: So etwas heißt nun Ars Genetica beziehungsweise Ars chimaera oder, in Englisch, Tissue Culture and Art.

    Unerwarteterweise sieht sich die Welt einer neuen Gefahr ausgesetzt.

    Die neue radikale Kunst fordert den Menschen, seine Wesenheit und Ganzheit, fordert alles Lebende heraus, denn diese Kunst hält die Einmischung in Körper und Seelen nicht für sündhaft, ganz im Gegenteil: Gerade in solchen Metaphern der Vivisektion sieht sie den Weg der weiteren Entwicklung, die Magistrale der künftigen Existenz.

    „Die neuen Richtungen sind schon vorgegeben, und ohne sie kommt man nicht mehr aus", erklärte vor kurzem der italienische Meister Enzio Manzini, einer der Ideologen der neuen Technologien. Einfacher gesagt: Der Dschinn ist aus der Flasche befreit, und es ist unmöglich, ihn wieder hineinzubekommen.

    Auf dem Jahrmarkt der Ars Chimaera tauchen immer neue Kunstwerke auf, bei deren Anblick es einen kalt überläuft, beispielsweise das dritte Ohr des australischen Künstlers Stelarc. Im Rahmen dieses Projektes lassen Fachleute auf dem Gebiet der genetischen Gewebetechnologien jetzt aus den Knörpelgeweben des Künstlers ein zusätzliches Ohr wachsen. Das dritte Ohr wird später in Stelarcs rechte Wange eingepflanzt werden. Dieser Schmuck wird zwar nicht hören können, aber! Aber darein sollen ein Chip und ein Audiosensor implantiert werden, so dass das Ohr imstande sein wird, mit der Person zu reden, die sich an das Organ wendet.

    Im Weiteren plant Stelarc, das dritte Ohr periodisch an einen Modem und einen tragbaren Computer anzuschließen, damit es gleich einer Antenne Laute im Echtzeitbetrieb einer Audioanlage übertragen kann. Das künftige Aussehen des Künstlers mit einem Ohr an der Wange darf schon heute jeder Internet-User bewundern.

    Aber schließlich ist ein Ohr eine Bagatelle!

    Eine Gruppe von Neurobiologen unter Leitung von Steve Porter vom Technological Institute in Georgia (USA) hat einen künstlerisch begabten Bioroboter entwickelt: In eine Multilektrodenmatrix sind Neuronen des Embryos einer lebendigen Ratte eingebaut. Die Nervenaktivität dieser Neuronen wird vermittels eines Computers an eine mechanische Hand übertragen, die einen farbigen Marker hält, welcher seinerseits ein Blatt Papier berührt. Im Endergebnis lassen die Bewegungsimpulse von mehreren Tausenden Rattenneuronen die Hand ein Bild entwerfen.

    Solche Bilder verkaufen sich gar nicht schlecht.

    Die Träume des Futuristen Marinetti, der vor hundert Jahren vom Anbruch der Zeit „eines mit Maschine multiplizierten Menschen" schwärmte, sind erschreckend schnell Wirklichkeit geworden.

    Übrigens wird all das nicht nur in Moskau, sondern auch bei vielen anderen Festivals zu sehen sein.