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    Nach dem Euroatlantismus

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    MOSKAU, 30. Juni (Wladimir Maximenko, höherer wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften - RIA Nowosti).

     Die Symbolik des jüngsten Treffens der Außenminister Russlands, Chinas und Indiens und das Erscheinen des Beitrages von Henry Kissinger "China: Containment Won't Work" ("China: Die Abschreckung funktioniert nicht") in The Washington Post sind Ereignisse, die zweifellos wechselseitig miteinander verbunden sind. Verbunden sind sie auch durch die sich abzeichnende Perspektive des "Untergangs Europas".

    Sergej Lawrow, Li Zhaoxing und Natwar Singh trafen auf dem Territorium des russischen Fernen Ostens, in einem strategisch wichtigen Punkt der geopolitischen Region Nordostasiens zusammen. Von dort, aus Wladiwostok, ertönten Worte, die in diesem oder jenem Maße die allgemeine Empfindung (vorläufig nur die Empfindung) der Teilnehmer des "eurasischen Dreiecks" widerspiegelten: "Wir können die Weltordnung umgestalten" (Natwar Singh).

    Nach dem Zerfall der UdSSR als einer eurasischen Supermacht gingen alle US-Administrationen von der Zielsetzung aus, die Zbigniew Brzezinski in seinem Beitrag "Großes Schachbrett" (1997) genauer als die anderen formulierte: "Das Problem dessen, ob die USA in der Lage sein werden, ... das Auftauchen einer dominierenden und antagonistischen Kraft in Eurasien zu verhindern, bestimmt die Fähigkeit der USA, die globale Vorherrschaft zu verwirklichen." Sowohl unter Bill Clinton als auch unter George Bush junior lief die "Geostrategie für Eurasien" im Grunde auf eines - die Bemühungen um die "Präventivdesintegration" des eurasischen "großen Raumes" - hinaus. Aber das Projekt der amerikanischen "Hegemonie neuen Typs", gestützt auf die Doktrin des Euroatlantismus, kam immerhin nicht zustande.

    Die durch Washington vorgebrachte Konzeption zu "Präventivkriegen" und der Beginn ihrer Verwirklichung mit Interventionen in Afghanistan und Irak wurden für die USA zu einem Rennen gegen die Richtung der Uhrzeiger. Die Washingtoner Neokonservativen, die die wichtigsten strategischen Punkte im Süden Eurasiens (Zwei-Strom-Land von Tigris und Euphrat, Iran-Hochland und Koreanische Halbinsel) durch die mythenhafte "Achse des Bösen" verbanden, schnitten mit diesem geopolitischen Vektor der amerikanischen Expansion das Territorium Indiens und Chinas, der zwei größten Kernwaffenmächte, durch. Das war ein ebenso großer Fehler wie auch die durch die neokonservative Lobby aufgestellte Losung einer "globalen demokratischen Revolution".

    Die doktrinäre Konzeption zur "Achse des Bösen" in Verbindung mit dem Export einer "globalen Revolution" sowie mit plumpen Versuchen der Diskriminierung von Nichtkernwaffenstaaten ergab einen direkt entgegengesetzten Effekt und nicht jenen, der durch die heutige US-Administration den amerikanischen Bürgern versprochen worden war. Die KDVR erklärte im Februar 2005 offiziell, dass sie eigene Kernwaffen besitze. Iran demonstriert sicher den Zusammenschluss der gesellschaftspolitischen Hauptkräfte des Landes um das nationale Nuklearprogramm (dass Israel, Hauptgegner Irans in der Region, nach Schätzungen 75 bis 200 Kernsprengköpfe, genauso viel wie Indien und Pakistan zusammen genommen, hat, festigt nur den Nuklearnationalismus der Iraner).

    Die Erkenntnis des Zusammenbruchs des globalen Projektes in seiner neokonservativen (amerikanisch-israelischen) Version bewegt die einen im Westen, das Publikum im Stil von G. Soros zu "kodieren", der sagte, dass die Weltordnung praktisch aufgehört hat, zu bestehen (Der Standard, 20.06.2005). Die anderen, unter ihnen H. Kissinger, sind darauf aus, eine konstruktivere Verhaltenslinie unter den Bedingungen einer neuen Epoche nach dem "Euroatlantismus" zu befühlen.

    In Wirklichkeit ist es unklar, ob man zwischen dem französischen "Nein" auf dem Referendum am 29. Mai und dem "Zusammenbruch Europas" ein Gleichheitszeichen setzen kann, wie dies Jacques Chirac gemacht hat. Aber durchaus klar ist, dass der neokonservative Kurs der Administration Bush junior in letzter Konsequenz zum Zusammenbruch des Euroatlantismus führte, einer geopolitischen Konstruktion, die durch die anglosächsischen Eliten im Laufe von über 60 Jahren nach dem Erscheinen der Atlantischen Charta von Roosevelt und Churchill am 18. August 1941 aufgebaut wurde.

    Im Januar 2002 blitzte in der Botschaft des US-Präsidenten "Zur Lage der Nation" ein Satz auf, der das Verhalten der Washingtoner neokonservativen Lobby erklärt: "Die Zeit ist nicht auf unserer Seite." Das gleichzeitig damit erschienene Buch von Charles A. Kupchan "Das Ende der amerikanischen Ära" (2002) wurde zu einem Zeichen dessen, dass ein Teil des amerikanischen Establishments geneigt ist, ein Kreuz über die Utopie einer einpoligen Welt zu machen, und die Aufgabe stellt, die USA unverzüglich auf den Übergang zu einem multipolaren System einiger Kräftezentren im Rahmen einer neuen "großen Strategie", vorzubereiten, die die USA nach dem Zerfall der UdSSR nicht hatten.

    Das Wesentlichste, was H. Kissinger in seinem Beitrag "China: Containment Won't Work" gesagt hat, kommt in folgender These zum Vorschein: "Der Schwerpunkt der internationalen Angelegenheiten verlagert sich vom Atlantik, wo er sich in den drei letzten Jahrhunderten befand, zum Pazifik." Vor hundert Jahren, vor dem Hintergrund des russisch-japanischen Krieges, besprach der russische Geograph A.I. Wojejkow in der Broschüre "Wird der Stille Ozean zum Haupthandelsweg des Erdballs werden?" diese These. (In den Jahren 1890-1891 war Wojejkow der wissenschaftliche Leiter einer Reise von Nikolai Alexandrowitsch, russischer Thronfolger, durch Länder des Ostens).

    Kissinger, der als ein "Mann der heimlichen Vereinbarungen" bekannt ist, kommt auf die alte Frage von neuem zurück. Der Hintergrund seiner These über die Verlagerung des Schwerpunktes der Weltpolitik auf den asiatisch-pazifischen Schauplatz ist die einmütige Schlussfolgerung aller Fraktionen des amerikanischen Establishments über den entscheidenden Einfluss des Aufstiegs Chinas als Supermacht auf die künftige Situation des Systems der internationalen Beziehungen.

    Außerhalb dieser allgemeinen und durchaus banalen Schlussfolgerung zeigen sich scharfe Widersprüche. Der Vortrag "Hongkong, China und die Welt", der von Henry Hyde, Vorsitzender des Ausschusses für internationale Beziehungen des Repräsentantenhauses des US-Kongresses, am 2. Dezember 2004 in Hongkong bei einem Essen gehalten wurde, das durch den Fonds "Erbe" organisiert wurde, zeigt, dass die Versuchung, Hongkong in einen Stützpunkt für die Ausbreitung einer neuen, durch eine "Farbe kodierten Revolution" auf die VRCh zu verwandeln, bei einem Teil der amerikanischen Politiker recht stark ist. Kissinger warnt eifrig davor, dass man dies nicht tun dürfe.

    Im Beitrag Kissingers ist auch eine beunruhigende Frage enthalten, die vorläufig niemandem klar ist: Kann das Treffen von Vertretern der eurasischen "Drei" in Wladiwostok nicht nur ein symbolisches, sondern ein materielles Ergebnis bringen? Der Architekt der "Entspannung" der 70er Jahre ist sich anscheinend gut darüber im Klaren, dass gerade die Antwort auf diese Frage (und durchaus nicht die "Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten", wie er in seinem Beitrag schrieb) bestimmen wird, ob unsere Kinder eine "neue Weltordnung sehen werden, die mit den allgemeinen Hoffnungen auf Frieden und Fortschritt vereinbar ist".

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