Radio
    Meinungen

    Bush weiß nicht, was er mit Irak tun soll

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 1 0 0

    MOSKAU, 30. Juni (RIA Nowosti). Die Rede von US-Präsident George Bush auf dem Luftwaffenstützpunkt Fort Bragg (North Carolina) anlässlich des Jahrestages des formellen Machtüberganges vom US-Kommando an eine irakische Regierung hat gezeigt, dass der mächtigste Staat der Welt einfach ratlos ist, wie er sich aus dem irakischen Sumpf retten könne.

    Seine Weigerung, einen Zeitplan für den Abzug der 135.000 US-Soldaten vorzulegen, begründete Bush damit, dass diese Daten den Feind ermuntern und die Iraker sowie die US-Soldaten demoralisieren könnten. Die Prognose des Präsidenten, deren verhängnisvollen Charakter er offenbar selber nicht sieht, lautet: Weitere Gewaltanwendung und weiteres Blutbad, denn „die Sache lohnt die Mühe". In der Tat haben Bush und seine nächste Umgebung gar keine Ahnung, wann und wie die ruhmlose Folterung des Irak durch die für ihn fremde amerikanische Demokratisierung beendet werden kann.

    Darüber herrscht in Washington ein Chaos des Andersdenkens. Nach Ansicht von Vizepräsident Dick Cheney winden sich die irakischen Aufständischen bereits „in Todeskrämpfen". US-Außenministerin Condoleezza Rice erklärt mit ostentativem Optimismus, im Irak sei die Demokratie im Anmarsch. Wie eine kalte Dusche wirkt die Warnung von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf seine Kollegen, dass der bewaffnete Widerstand bis zu zwölf Jahren andauern könne. Niemand fragt Rumsfeld, warum ausgerechnet zwölf Jahre. Allen ist klar, dass diese Zahl aus der Luft gegriffen wurde, um das Vakuum an lebensfähigen Plänen der US-Administration auszufüllen.

    Die Irak-Strategie des Weißen Hauses umfasst bislang zwei Richtungen: Das Vorantreiben des sogenannten politischen Prozesses im Irak und zaghafte Kontakte mit den sunnitischen Rebellen, um nach Möglichkeit die Widerstandsbewegung zu spalten.

    Der politische Prozess läuft zwar auf hohen Touren, aber offenbar im Leerlauf. Washington schreitet munter von einer formell erfüllten Aufgabe zur nächsten: Der Durchführung von Wahlen und der Bildung einer Regierung folgen die Erörterung eines Verfassungsentwurfs im August, ein Referendum im Oktober und neue Wahlen im Dezember. Doch das hemmt die Gewalt keinesfalls. Ganz im Gegenteil: Die Schärfe der Gewaltanwendung wird immer verheerender. Seit der Machtübergabe von Paul Bremer an die Iraker vor einem Jahr wurden im Irak mehr als 470 Selbstmordanschläge verübt, die Zahl der Terror-Opfer erreichte allein in den letzten beiden Monaten 1330.

    Mehr noch: Der Irak verwandelte sich laut einem CIA-Geheimbericht, der kürzlich für die Presse zugänglich wurde, in ein Ausbildungslager für Terroristen aus aller Welt. Irakische Guerillas und ausländische Islamisten durchlaufen dort eine Terror-Ausbildung und knüpfen Kontakte, die in anderen Staaten wie Saudi-Arabien, Jordanien und sogar in den USA und Großbritannien genutzt werden können. „Diese Dschihadisten gewinnen im Irak Erfahrungen und Zielsetzungen für Terroranschläge in Städten im Ausland", stellt CIA-Direktor Porter Goss resigniert fest.

    Wie daraus ersichtlich ist, hat sich das Hauptziel des Irak-Krieges, Bin Ladens Heer zu zerschlagen, ins Gegenteil verkehrt: Die Terrorgefahr nimmt ein nie dagewesenes Ausmaß an.

    Russland verfolgt aufmerksam die zweite Ausrichtung der amerikanischen Irak-Strategie, die auf Versuche hinausläuft, zumindest einen Teil der Sunniten, die den Kern der Widerstandsbewegung bilden, in den Verhandlungsprozess einzubeziehen. Der Westen hatte seinerzeit Moskau mit Beharrlichkeit zu Gesprächen mit tschetschenischen Terroristen wie Aslan Maschadow aufgerufen, so dass Moskau nun gespannt ist, ob diese Idee im Irak Erfolg haben wird. Bei aller Bedingtheit dieser Parallele liegt der Schluss nahe: Die Kontakte der USA mit irakischen Extremisten sind zumindest unproduktiv. Sie können die Aufständischen sogar auf den Gedanken bringen, dass die Besatzungsmacht von ihren Positionen zurückweicht. Washington geht den Führern des Widerstandes, die reale Autorität und Macht genießen, aus dem Wege. Die Gruppierungen, mit denen die Amerikaner in Verhandlungen treten, sind an keinem Waffenstillstand interessiert, sondern vielmehr an der Vorbereitung günstiger Bedingungen für einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten.

    Der Bürgerkrieg wäre unvermeidlich, wenn die USA sich schließlich für den Abzug aus dem Irak entschließen würden, was ihre Stellung als Supermacht - wie nach der Niederlage in Vietnam - wieder ramponieren würde. Die Alternative für das Weiße Haus besteht darin, Amerika darauf vorzubereiten, dass seine Armee für mehrere Jahrzehnte im Irak bleiben wird. Ein dritter Weg ist nicht in Sicht. Präsident George Bush jun. hat offenbar keine Ahnung, welche Variante er wählen soll.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren