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    Potsdam - Abschiedssalut für das Alliertenbündnis

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    MOSKAU, 30. Juni (RIA Nowosti). Vom 17. Juli bis 2. August 1945 fand im Schloss Cecilienhof in Potsdam bei Berlin eine Konferenz der Staatschefs der UdSSR, der USA und Großbritanniens statt.

     Es war die letzte Konferenz, die die Alliierten in der Anti-Hitler-Koalition unter einem Dach versammelt hatte. Die Potsdamer Konferenz hatte zwar eine Reihe überaus wichtiger Dokumente angenommen, die das weitere Schicksal der Nachkriegswelt bestimmten, aber viele ihrer Beschlüsse blieben auf dem Papier, andere wurden bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Warum geschah das? Was hinderte die ehemaligen Verbündeten daran, ihre partnerschaftlichen Beziehungen auch zu Friedenszeiten zu unterhalten?

    Auf geheime Triebfedern des Zweiten Weltkrieges und die Nachkriegspolitik geht Dr. sc. Valentin FALIN im Gespräch mit dem Militärkommentator der RIA Nowosti Viktor Litowkin ein.

    Litowkin: Ich möchte unser Gespräch mit einer offensichtlichen Frage beginnen. Dem einfachen Menschen ist vieles über die Potsdamer Konferenz bekannt. Jedenfalls jeder, der in der Schule die Geschichte aufmerksam studiert und sich den Film „Befreiung" angesehen hat, kann sich daran erinnern, dass zur Konferenz nicht Roosevelt, sondern Truman eingetroffen war, und dass Churchill nach dem Fiasko bei den Parlamentswahlen vom neuen Regierungschef Großbritanniens Attlee abgelöst worden war. Truman setzte Stalin „vertraulich" über die Entwicklung einer Waffe mit ungewöhnlicher Sprengkraft - der Atombombe - in Kenntnis, dieser zuckte aber dabei mit keiner Wimper... Was war aber auf der Konferenz und um sie herum in Wirklichkeit für die Geschichtsforscher und die Geschichte selbst am wichtigsten?

    Falin: Die Potsdamer Konferenz hat viele Dimensionen. Es gibt keine eindeutige Antwort auf die Frage, welche Bedeutung sie in der Schlussetappe hatte - es stand doch noch bevor, Japan in die Knie zu zwingen. Und wie ihre Beschlüsse die Entwicklung der Weltgemeinschaft bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts beeinflusst haben. Die Auffassungen darüber sind verschieden und widersprüchlich. Im Allgemeinen war, wie sonderbar es auch scheinen mag, allein schon die Tatsache des Treffens der „Großen Drei" als solches eine recht große Errungenschaft. Damals gab es in den Wandelgängen der Macht der Vereinigten Staaten, besonders aber Großbritanniens, viele Gegner von Jalta, das Gewicht der Befürworter der Fortsetzung der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion um des Aufbaus einer von Gewalt und Bedrohungen freien Welt willen nahm ab.

    Die Unerfüllbarkeit der Hoffnungen, der UdSSR bei der Bestimmung des politischen Gesichtes Europas die Rolle eines Statisten einzuräumen, wurde vor dem Frühjahr 1945 offensichtlich. Die Entwicklung geriet in eine nicht vorgegebene Bahn. Die Enttäuschung über die Unfähigkeit der westlichen Verbündeten, beim Heranrücken nach Berlin „die Sowjets zu überrunden", ließ in Übersee und auf dem Albion eine Welle der Russophobie aufsteigen. Die Öffentlichkeit wurde durch die Aufrufe, „die russischen Barbaren, die auf die westliche Zivilisation aus sind", aufzuhalten, aufgewühlt. Nicht nur in der konservativen Presse und den Altarvorräumen strotzte es von Thesen über die Unvereinbarkeit der Interessen von West und Ost. Joseph Clark Grew, stellvertretender US-Außenminister, schrieb im Mai 1945 in sein Heft: Im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges ging „die Diktatur und die Herrschaft Deutschlands und Japans auf die Sowjetunion über, die in der Zukunft für uns (Amerikaner) die gleiche Gefahr darstellen wird, wie es für uns die Mächte der Achse gewesen sind". Und fügte zur Erläuterung hinzu: Ein Krieg gegen die UdSSR „ist in solchem Maße unvermeidlich, wie überhaupt etwas in dieser Welt unvermeidlich sein kann". Grew galt aber als Freund des verstorbenen Präsidenten Roosevelt.

    Den Normalbürger verschreckte man mit Gerüchten und Erdichtungen über „Säuberungen und Gewaltakte", die angeblich die Länder, die unter die Kontrolle der Roten Armee geraten waren, überfluteten. Dabei berief man sich zum Beispiel auf „Augenzeugen" der Verhaftung von rund 2000 Anhängern des Diktators Antonescu und anderer Oppositioneller in Rumänien. Der Sturz der pronazistischen Regimes in den Satelliten-Ländern Deutschlands erfolgte natürlich nicht ohne die für das stalinsche Machtsystem typischen Überspitzungen und Freveltaten. Aber kein einziger sich selbst achtender Analytiker wird zwischen den „Säuberungen" in Bezug auf die faschistischen Handlanger in Osteuropa und solchen „Säuberungen" zum Beispiel in Frankreich einen merklichen Unterschied feststellen können. Dort verurteilten die Militärgerichte, ohne zu schwanken, 38 000 bis 40 000 Kollaborateure zur Todesstrafe durch Erschießung und dreimal so viele Verräter zu Zwangsarbeiten. Die französische Praxis wurde ohne sonderliche Emotionen „zur Kenntnis genommen".

    Litowkin: Bekannte Logik: Was dem Jupiter erlaubt, ist dem Ochsen verboten.

    Falin: Sie haben Recht. Diese Logik rangierte die Einstellung der USA und Großbritanniens zu West- und Osteuropa, zu allem, was im Krieg geschehen war und was nach seinem Ende geschehen sollte. Vergleichen wir die Richtlinie Washingtons zum Problem der Wiedergutmachung des Schadens, den Deutschland den Opfern der Aggression zugefügt hat. Man erinnert sich kaum daran, dass die Amerikaner nach dem Ersten Weltkrieg die Deutschen verpflichtet hatten, allein den Vereinigten Staaten Reparationen in Höhe von 55 Milliarden Dollar zu zahlen, obwohl auf das Territorium der USA damals, wie übrigens auch während des Zweiten Weltkrieges, keine einzige deutsche Bombe und kein einziges deutsches Geschoss gefallen waren. Diesmal wurde in Übersee, noch vor der Kapitulation des nazistischen Deutschland, beschlossen, den Aggressoren die materielle Verantwortung für die Politik „Nach uns die Sintflut" zuzuschreiben.

    Darüber hinaus nahm der amerikanische Kongress im März 1945 eine Resolution an, die der Administration empfahl, sich der Hilfe für die Opfer der hitlerfaschistischen Aggression beim Wiederaufbau ihrer Wirtschaft zu enthalten. Ein möglichst geringer Teil dieser Hilfe sollte der Sowjetunion zufallen. Dieser Akt des Kongresses sollte Roosevelt, der damals noch am Leben war, und dem Finanzminister Morgenthau, die Moskau Kredite in Höhe von 4,5 bis 10 Milliarden Dollar versprochen hatten, die Hände binden. Ein halbes Jahrhundert später fällt es schwer, zu ermitteln, was hinter den Überlegungen von Roosevelt und Morgenthau steckte - reale Absichten oder die Sondierung der Bereitschaft der UdSSR zu politischen und anderen Fortschritten. Es sieht aber danach aus, dass im Frühjahr 1945 der Kampf zwischen den Fraktionen auf dem amerikanischen Olymp um verschiedene Varianten einer Sicht auf die Sowjetunion, darunter auch als Partner, ausgetragen wurde.

    Litowkin: Welche Forderungen stellten damals die USA an die Sowjetunion?

    Falin: Im Umlauf war der heute modische Begriff „Liberalisierung". Uns wurde vorgeschlagen, auf die staatliche Kontrolle über den Außen- und Inlandshandel zu verzichten, die sozialökonomische Ordnung „aufzubessern", westliche Standards auf dem Gebiet der Information anzunehmen und anderes mehr. Die Hauptforderung aber lautete: Die Sowjetunion solle sich aus den Ländern Ost- und Mitteleuropas, wohin unsere Truppen bei der Verfolgung der Hitlerfaschisten gekommen waren, fort scheren.

    Litowkin: Und was hatten die Westmächte für den Fall parat, sollten der wirtschaftliche Köder oder der politische Druck ihre Wirkung verfehlten?

    Falin: Mehr als genug. Der Krieg dauerte fort. Die Meinungen über das mögliche Datum der Kapitulation Deutschlands gingen weit auseinander: Die einen behaupteten, dass das Reich in den nächsten Tagen und sogar Stunden zerfallen werde. Die anderen prophezeiten aber, dass das Blutvergießen bis Jahresende dauern werde. Die meisten Optimisten saßen in London, und ihre rosige Vorstellung von der Zukunft gründete sich auf die viel versprechenden Kontakte mit der deutschen politischen und militärischen Führungsspitze. Mit angehaltenem Atem wartete man an der Themse auf die Auflösung der Westfront und den Übergang der Wehrmacht in die Reserve der Demokratien. Churchill bereitete das Terrain für den Seitenwechsel und erteilte im März 1945 den Befehl: „Die deutschen Waffen und Kampftechnik sorgfältig einsammeln und lagern, damit diese Waffen leicht erneut zwischen deutschen Einheiten verteilt werden könnten, mit denen wir zusammenwirken sollten, falls die sowjetische Offensive fortdauern sollte." Das war eigentlich gerade der Moment, in dem der berüchtigte Plan „Undenkbares" zu keimen begann. Nach diesem Plan sollte der Zweite Weltkrieg sofort, ohne Zwischenstufen, in den Dritten Weltkrieg hinüber wachsen, um „der Sowjetunion die totale Niederlage beizubringen und sie als multinationale Gemeinschaft zu vernichten".

    Befehl ist Befehl. Die erbeuteten Waffen wurden gelagert. In Abstimmung mit Eisenhower interniert Feldmarschall Montgomery deutsche Soldaten und Offiziere und stationiert sie in Divisionen in Schleswig-Holstein und Süddänemark. Hitlers Nachfolger Admiral Dönitz verfügte, die Kampfhandlungen gegen die USA und England auf dem Festland, auf See und in der Luft einzustellen, den Krieg gegen die UdSSR aber in vollem Umfang fortzusetzen. Dönitz und der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Keitel bevollmächtigen General Jodl und Generaladmiral Friedeburg, am 7. Mai 1945 in Reims die in aller Eile verfasste Kapitulationsakte zu unterzeichnen, die jenes Dokument ersetzen sollte, das die „Große Drei" in Jalta bestätigt hatte. Soweit mir bekannt ist, war der Befehl von Dönitz, den Krieg gegen die Sowjetunion bis zum siegreichen Ende zu führen, weder bei Kontakten mit Jodl und von Friedeburg noch bei der Unterzeichnung der Reimser Akte desavouiert worden, folglich hätte man die Abmachung von Reims bei Wunsch als Kapitulation nicht des Staates Deutschland, sondern nur seiner Wehrmacht hinstellen können.

    Es war kein Zufall, dass sich die Reimser Farce vor dem Hintergrund der von Truman faktisch getroffenen Entscheidung, den Schlussstrich unter die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion zu ziehen, abgespielt hatte.

    Kommen wir aber auf die Erwägungen des oben erwähnten stellvertretenden US-Außenministers Grew zurück. „Es gilt, die amerikanische Politik gegenüber Sowjetrussland unverzüglich in allen Richtungen zu verschärfen. Es ist viel besser und sicherer, die Auseinandersetzung zu haben, bevor Russland Wiederaufbauarbeiten durchgeführt und sein enormes Potential der militärischen, wirtschaftlichen und territorialen Macht wieder hergestellt hat", schrieb er. Vergleichen Sie die Daten. Am 19. Mai tauchte das Memorandum von Grew auf, am 22. Mai erstatteten die britischen Stabschefs Churchill Bericht über ihr Szenario der Operation „Undenkbares" - das Szenario eines Schlages gegen die Sowjetunion, den die Kräfte der USA, Englands und der britischen Dominions, das polnische Expeditionskorps und zehn Wehrmachtdivisionen zu führen hatten. Für die Durchführung dieser Operation wurde der Einsatz von 112-113 Divisionen vorgesehen, als Datum ihres Beginns der 1. Juli 1945 genannt...

    Litowkin: Verzeihen Sie, aber ich finde in der heutigen westlichen Presse oft die Behauptung, dass die Aufgabe der Operation „Undenkbares" „der Schutz des Westens gegen den Einfall sowjetischer Horden, die zum Ärmelkanal strebten", gewesen sei.

    Falin: Man kann unbegründet alles nur Mögliche behaupten. Gerade zu diesem Zweck verschmäht man Tatsachen und lässt seiner Phantasie freien Lauf. Der Text, der von den Stabschefs Churchill dargelegt worden war, bedarf keines Kommentars. Er ist den Historikern bekannt. Darin wurde als Ziel des „Undenkbaren" genannt: Sowjetrussland unter Einsatz aller vorhandenen Mittel und Kräfte eine entscheidende Niederlage beizubringen. Vergessen Sie nicht, dass sich die Kernwaffen in greifbare Nähe rückten. Churchill war darüber informiert. „Der totale Krieg ist die einzige Methode, die UdSSR dazu zu zwingen, sich dem Willen von London und Washington zu fügen", lesen wir ferner im britischen Dokument.

    „Praktisch besteht keine Grenze für das Eindringen in das Innere Russlands, das die Verbündeten werden vornehmen müssen, um seinen weiteren Widerstand unmöglich zu machen", heißt es im Plan. In erster Linie sollten die Gebiete besetzt werden, deren Verlust die sowjetischen Streitkräfte um materielle Möglichkeiten für die Fortsetzung des Kampfes bringen würde. Das 1998 publik gemachte Dossier, das sich auf die Operation „Undenkbares" bezieht, ist frei von propagandistischen Hirngespinsten von der Art der Projekte zur Eroberung des „schutzlosen Europas" durch Moskau und dessen Durchbruchs zum Atlantik. Die Stabschefs arbeiteten angestrengt an konkreten operativen Richtlinien. Die Erdichtungen über „sowjetische Horden" sind sozusagen die Beeren vom gleichen Feld, auf dem die Russophobie nahezu seit den Zeiten von Wladimir Monomach erblühte. Die Europäer wurden mit den „Horden aus dem Osten" in der Epoche Peter I., in den Jahren des Kampfes gegen Napoleon und im Verlaufe des Krim-Krieges ins Bockshorn gejagt. Mit besonderem Eifer wurde aber diese Idee nach der Oktoberrevolution ins Feld geführt. Dabei ist es für die Opponenten ganz egal, dass unsere Konzepte für den Nachkriegsaufbau Europas nicht auf die Errichtung prosowjetischer Regimes in Polen, der Tschechoslowakei und anderen durch die Rote Armee von der hitlerfaschistischen Besetzung befreiten Ländern beruhte. Vielmehr sollte der „Sanitätskordon", der rings um Russland nach dem Ersten Weltkrieg errichtet worden war, der „Kordon" der Staaten, die - nach einem Ausdruck von Churchill - „den Bolschewismus blindwütig hassten", durch einen Gürtel gutnachbarlicher Länder ersetzt werden. Stalin, der die Bedeutung des sowjetisch-polnischen Bündnisvertrags hervorhob, empfahl Warschau, ähnliche Abkommen mit England, Frankreich und den Vereinigten Staaten abzuschließen. „Das polnische Volk muss nicht der Sowjetunion folgen, es soll gegen den gemeinsamen Feind - die Deutschen - auftreten", sagte er.

    Litowkin: Wann war das?

    Falin: Bald nach Jalta, im April 1945. Nehmen Sie echte Dokumente aus jener Zeit. Heute sind sie zugänglich. Nach ihnen lässt sich mit mathematischer Genauigkeit feststellen, dass die höchste Priorität unserer Politik in den Jahren 1945 bis 1947 nicht der Export des Sozialismus, sondern die Gewährleistung der nationalen Sicherheit gewesen ist. Moskau war für einen Dialog mit den Westmächten offen, hielt strikt die vierseitigen Übereinkommen ein.

    Der amerikanische General Clay, der „Taufpate" der Berliner Luftbrücke, betonte, dass der sowjetischen Seite keine Verletzung der Potsdamer Abkommen vorgeworfen werden konnte, bevor die USA mit der Sowjetunion wegen des Deutschland-Problems in Clinch gekommen waren.

    Clay meldete der Washingtoner Obrigkeit: "Moskau erfüllt sie (die Beschlüsse) in höchstem Maße gewissenhaft", außerdem demonstriert es „den aufrichtigen Wunsch, mit uns (den Amerikanern) befreundet zu sein, wie auch bestimmte Achtung vor den USA". „Wir glaubten keinen Augenblick an die Wahrscheinlichkeit einer sowjetischen Aggression", schloss Clay.

    Die Tatsachen, die sich nicht leugnen lassen, machen es unmöglich, auf die gleiche Weise die Handlungen der Vereinigten Staaten, Englands und Frankreichs zu bewerten. Vorausgesetzt, man zieht nicht ihre Deklarationen in Betracht, sondern urteilt über sie nach ihren Taten.

    In Potsdam wurde zum Beispiel das Programm der drei „D" für Deutschland angenommen: Demokratisierung, Denazifizierung und Demilitarisierung. Und was ergab sich daraus, zum Beispiel im Kreis Ham (englische Besatzungszone)? 74 Prozent der richterlichen Amtsroben zogen Ex-Nazis an. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass in den westlichen Zonen kein einziges Urteil der hitlerfaschistischen „Volksgerichte" aufgehoben wurde, die Tausende Deutsche wegen des Verrats am faschistischen Regime und der Fahnenflucht, wegen Verweigerung des Befehls, bis zum letzten Patron zu kämpfen, zur Hinrichtung verurteilt hatten. Die Strukturen der örtlichen Selbstverwaltung und der Verwaltung der Bundesländer waren dort von den Erben des dritten Reichs durchdrungen. Es gelang nicht, qualifizierte Menschen zu finden, die sie hätten ablösen können - dieses Argument wurde dabei ins Feld geführt... Auf dieses Thema werden wir etwas später zurückkommen.

    Litowkin: Was haben die Amerikaner über die Operation „Undenkbares" gewusst? Liegen irgendwelche Angaben darüber vor?

    Falin: Diese Frage ist einstweilen noch nicht endgültig geklärt. Es ist bekannt, dass der britische Premier nach dem Verscheiden von Roosevelt eine beneidenswerte Energie entfaltet hat, um die Amerikaner in die Pläne zum Zurückwerfen der „russischen Barbaren" hinter die Wolga, wenn nicht überhaupt hinter den Ural, einzubeziehen. Und wer weiß - vielleicht trennte nur ein halber Schritt Churchill von seinem sehnlichsten Traum - mit dem dritten Ansatz den Erfolg des Krim-Krieges fortzusetzen bis zur endgültigen Zerschlagung Russlands.

    Am 23. April sprach sich Truman auf einer Beratung im Weißen Haus für eine scharfe Wende der amerikanischen Außenpolitik aus. Der Sinn seiner Reden lief auf Folgendes hinaus: Moskau hat die Rolle, die ihm von den „Demokraten" im Kampf gegen das nazistische Deutschland eingeräumt worden war, gespielt, und die Vereinigten Staaten brauchten die Zusammenarbeit mit der UdSSR nicht mehr. Die Amerikaner wären allein, ohne Unterstützung durch die Sowjetarmee in der Lage, Japan zur Kapitulation zu zwingen. Somit haben die Jaltaer Übereinkommen für die Vereinigten Staaten ihre Anziehungskraft und ihre Bedeutung verloren. Ein wesentliches Moment: Als Truman zu einer Wende in der amerikanischen Politik aufrief, war er in die Geheimnisse des Manhattan-Projekts, das heißt in die Arbeit zur Entwicklung der Atomwaffen, noch nicht eingeweiht.

    Freilich nahm das amerikanische Militär die Erwägungen des Präsidenten geharnischt auf. Sollte die Sowjetunion, entgegen ihrem in Teheran und Jalta gegebenen Versprechen, nicht in den Krieg gegen Japan eintreten, so kann der Konflikt im Pazifik ein Jahr oder auch anderthalb Jahre dauern, erklärten die Stabschefs. Würde sich die Rote Armee nicht an der Zerschlagung Japans beteiligen, dann hätten die Amerikaner auf dem Territorium der Metropole an Land gehen müssen. Und damit hätten sich die Verluste der USA an Menschen auf mehr als eine Million Mann belaufen, wenn man den japanischen Fanatismus und eine mögliche Truppenverlegung aus China und Korea zur Verteidigung des eigentlichen Japans berücksichtigt. Das sei unannehmbar, meinten sie. Es sei hinzugefügt: Die militärische Führung der USA hat ihre Schlussfolgerung, es sei wünschenswert, auf der Zielgeraden des Krieges gegen Japan die amerikanisch-sowjetischen Anstrengungen zu vereinen, auch nach der erfolgreichen Erprobung einer Kernbombe auf dem Versuchsgelände in Nevada nicht fallen gelassen.

    Es wäre also nicht übertrieben, wenn ich feststelle, dass die Potsdamer Konferenz vielleicht nicht stattgefunden hätte, wenn die militärische Führung der USA Truman im April 1945 von der Auflösung der Jaltaer Abkommen nicht abgehalten hätten. Der prinzipielle Beschluss, mit der Auflösung der Antihitlerkoalition bis zur Kapitulation Japans zu warten, hinderte Churchill zudem noch daran, dieses Gipfeltreffen zu torpedieren. Wenn der Premier auch etwas erreicht hatte, so war es dessen Aufschiebung für ein paar Wochen, was, nebenbei gesagt, ebenfalls keine negativen Folgen hatte. Worauf es vor allem ankam: Die Konferenz hatte doch stattgefunden. Freilich wurde sie zum Abschiedssalut für unser Alliertenbündnis aus den Jahren des Zweiten Weltkrieges.

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