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    Kosaken wieder im Dienst am Staat

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    MOSKAU, 1. Juli (Wladimir Simonow, politischer Kommentator der RIA Nowosti.)

     In den Waffenhandlungen Russlands kann man - eine entsprechende Genehmigung der Miliz natürlich vorausgesetzt - eine an den zivilen Gebrauch angepasste Variante der berühmten Kalaschnikow erwerben, die „Saiga".

     Unter den Jägern heißt ein solcher Karabiner „Kosakenwaffe", weil er bei dieser seit Jahrhunderten bestehenden paramilitärischen Gemeinschaft Russlands besonders beliebt ist.

    Vielleicht werden die Kosaken bald viele solche Karabiner und eventuell auch ernstere Kampfwaffen gebrauchen können.

    Dieser Tage hat die Staatsduma einen von Präsident Wladimir Putin vorgelegten Entwurf des Föderalen Gesetzes „Über den Staatsdienst des russischen Kosakentums" in erster Lesung gebilligt. Wird dieses Gesetz in der Fassung des Präsidenten verabschiedet, so werden sich die Mitglieder der Kosakengemeinschaften erstmalig seit Jahrzehnten wieder, wie einst, aktiv am gesellschaftlichen Leben des Landes beteiligen können.

    Zwar sind im Gesetzentwurf die Uniform und Bewaffnung der Kosaken in keiner Weise festgelegt, aber nach Verabschiedung des Gesetzes werden 600 000 Kosaken offiziell dazu berechtigt sein, an der Sicherung der Staatsgrenze Russlands teilzunehmen, die Rechtsordnung im Lande aufrechtzuerhalten und selbst gegen den Terrorismus zu kämpfen.

    All das sind Dinge, um derentwillen sich das Kosakentum eigentlich auch herausgestaltete. Zu einer organisierten Struktur schlossen sich die Kosaken Ende des 16. Jahrhunderts zusammen. Das waren Menschen, die aus den zentralen Regionen des Russischen Staates vor dem Joch der Leibeigenschaft geflohen waren und sich in den südlichen Steppen längs des Don niedergelassen hatten. Später erkannte die Armee der Donkosaken die Macht der russischen Zaren an, bekam dafür - im Austausch - die Rechte und Freiheiten eines besonderen militärischen Standes. Sie beteiligte sich an allen Kriegen Russlands im 18. - 20. Jahrhundert und errang den Ruhm treuer Verteidiger des Vaterlandes. Freilich rettete das die Kosaken nicht vor der administrativen Zerschlagung 1920, als die Sowjetregierung auf Lenins Initiative den Kosakenstand per Sonderdekret abschuf.

    Dennoch konnten sich die Kosaken, die heute überwiegend das an Nordkaukasien grenzende Gebiet Rostow bevölkern, ihre Traditionen, Sitten und Gebräuche und die authentische Kultur ihrer Ahnen bewahren. Zu Beginn der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden die Kosaken rehabilitiert und erhielten den Status einer gesellschaftlichen Organisation. Doch schien das den patriotisch gesinnten Menschen, die mit der Waffe umzugehen gewohnt waren, noch zu wenig. Sie warteten auf eine Chance, ihrer historischen Berufung, der Verteidigung des Staates, wieder zu genügen. Das neue Gesetz gibt ihnen eine solche Chance.

    Die Reaktivierung des Kosakentums erklärt sich damit, dass sich heute die Situation in diesem Teil des Landes stark verändert hat. Nordkaukasien und die Region Krasnodar brauchen den Schutz vor islamistischen Extremisten, tschetschenischen und internationalen Terroristen, vor einer massiven Wanderung von Umsiedlern, die oft versuchen, der örtlichen Bevölkerung die eigene Lebensweise aufzuzwingen. Im Ergebnis geht die Zahl der Russen in Nordkaukasien immer mehr zurück, und sie fühlen sich dort nicht mehr sicher.

    General Gennadi Troschin, früher Befehlshaber der föderalen Kräfte in Tschetschenien und heute Gehilfe des Präsidenten für Angelegenheiten des Kosakentums, ist überzeugt, dass die Kosaken bei der Sicherung von Russlands Südgrenze helfen werden. Der General sieht in ihnen eine ernst zu nehmende Kraft und beruft sich unter anderem darauf, dass die Kosaken in ihren Siedlungen (Stanizas) den staatlichen Organen bei der Aufrechterhaltung der Rechtsordnung bereits helfen. In der Regel gehören Kosakenatamane zur örtlichen Verwaltung, auch die Gouverneure hören auf ihre Meinung.

    Typisch ist, was man in einem TV-Report von einem einfachen Kosaken hörte: „Heute wollen sowohl die Wahhabiten als auch unsere westlichen ‚Freunde' Russland zerstückeln. Russland muss auch geistig erstarken. Dem Kult der Bereicherung, Kriminalität und Drogensucht muss etwas entgegengesetzt werden. Wer kommt morgen in die Armee? Schwächlinge. Das wollen wir nicht. Eben deshalb nehmen wir, Russlands Kosaken, unsere Traditionen wieder auf."

    Falls das neue Gesetz durchkommt, wird es den Kosaken im Einberufungsalter das Recht geben, in den Truppeneinheiten mit der traditionellen Kosakenstruktur sowie in den Grenz- und inneren Truppen zu dienen. Das Gesetz sieht vor, dass die Kosaken am Kampf gegen den Terrorismus und der Beseitigung von Katastrophenfolgen, am Schutz der öffentlichen Ordnung teilnehmen und die Sicherung von Staat, Staatsgrenze, Umwelt sowie den Brandschutz mit gewährleisten.

    Bemerkenswert ist, dass die föderalen Behörden sich verpflichten, das Kosakentum zum Teil aus dem Staatshaushalt zu finanzieren und der Gemeinschaft gewisse Steuervergünstigungen zuzugestehen.

    Die Rückkehr des Kosakentums aus der Vergessenheit erfreut einige russische Bürgerrechtler nicht sonderlich, sie glauben, in diesen Veränderungen den Beigeschmack eines wieder auferstehenden großrussischen Nationalismus zu bemerken.

    „Sicherlich lässt sich kaum etwas gegen den Wunsch der Menschen einwenden, sich zu vereinigen", sagt Lew Ponomarjow, Direktor der Bewegung „Für Menschenrechte". „Wenn sie die Grenzen verteidigen wollen, sollen sie ruhig, das wird nur eine Abart des Dienstes unter Kontrakt sein. Wenn ihnen aber das Recht gegeben wird, innerhalb dieser Grenzen Rechtsordnung zu schaffen, ist das besorgniserregend. Wie die Erfahrung zeigt, fassen die Kosaken die Rechtsordnung auf ihre eigene Art auf."

    Die russischen Kosaken sind das Misstrauen von Skeptikern gewöhnt, haben heute jedoch einen einflussreichen Gleichgesinnten: den Präsidenten Putin, der in den vorläufig noch nicht registrierten 10 Millionen Kosaken seine potentiellen Helfer bei der Festigung der Integrität Russlands und Gewährleistung der Sicherheit von dessen Bürgern sieht. Der Kreml erwartet von den Kosaken, dass sie ihren historischen Ruf von Patrioten, Verteidigern des Staates und einer Stütze der moralischen Werte bestätigen.

    Das innere Wesen des Phänomens Kosakentum spiegelt nicht schlecht ein in Russland populärer Witz über Napoleon wider, der gesagt haben soll: „Gebt mir 20 000 Kosaken, und ich erobere ganz Europa, ja die ganze Welt." Die Antwort der Don-Atamane ließ nicht auf sich warten: „Schickt 20 000 Französinnen her, und in 20 Jahren bekommt ihr 20 000 Kosaken. Aber sie werden sowieso Russland dienen."

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