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    Die Kunst der Revanche

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    MOSKAU, 1. Juli (Anatoli Koroljow, politischer Kommentator der RIA Nowosti).

    Das kürzliche Jubiläum des Sieges der UdSSR über den Nazismus in Deutschland spitzte die Beziehungen zwischen den Mitarbeitern der Museen der beiden Länder stark zu, denn gerade vor diesem Jubiläum war ein Verzeichnis der Kunstwerke zusammengestellt worden, die Deutschland verloren hat.

    Wie die deutsche Seite erklärte, werden in Russland mindestens 250 000 Arbeiten aufbewahrt, die unter den Begriff Verbrachte Werte fallen. Selbstverständlich wurden auch früher internationale Sonderkonferenzen durchgeführt, die sich faktisch zu einem Gericht über Russland gestalteten. So zum Beispiel die Konferenz „Kriegsbeute. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen" (Januar 1995. New York). Das ist per heute offensichtlich die skandalöseste dieser Konferenzen, auf der praktisch die ganze Erörterung zu der These „Die russische Mentalität widerspricht absolut der Ethik der europäischen und amerikanischen Museen" führte.

    Leider verläuft alles gerade umgekehrt. Praktisch sind alle großen Museen der Welt mit ganzen Netzen ständiger Ansprüche an sie umstrickt. Die Gerichte sind Jahr für Jahr mit Beschwerden von Menschen überladen, die ihr Recht auf bestimmte Kunstwerke durchsetzen wollen. Der Direktor eines amerikanischen Museums konnte zum Beispiel sechs Jahre lang das Territorium der USA nicht verlassen, weil Frankreich über Interpol seine Verhaftung wegen des Erwerbs eines aus Frankreich geschmuggelten Gemäldes forderte. Das New Yorker Metropolitan Museum, das dem Bayerischen Staatlichen Museum die von einem amerikanischen Soldaten kurz vor Ende des Krieges gestohlenen Gemmen zurückerstattet hatte, stellte dabei die Bedingung, dass der Name des Museums nie mit der Rückerstattung dieser Kunstwerke verknüpft werden dürfe. Eine Rückerstattung ist für ein Museum eine ebenso gefährliche Aktion wie die Annahme.

    Auf die russische nationale Mentalität zurückkommend, muss ich leider feststellen, dass Mitarbeiter russischer Museen sich mit geringerer Umsicht verhalten. Wir haben uns vom Joch der Partei befreit und mit der Naivität des Glücks auf die frühere Praxis der Geheimhaltung verzichtet. Wir begannen die Zeitschrift „Trophäen" herauszugeben, in der wir eine Menge Kunstgegenstände zeigten, die nach dem Krieg in unser Land geraten waren. Wir gewährten allen Interessenten freien Zugang zu den Archiven. Die Polen gaben zum Beispiel einen ganzen Band über Kulturwerte heraus, die in die Sowjetunion ausgeführt worden seien. Das wurde gerade im Ergebnis der offenen Politik Russlands möglich, die den Polen den Zugang zu den Archiven, die nicht mehr vertraulich behandelt werden, gewährte.

    Wir haben gedacht, dass unser Edelmut nach Gebühr geschätzt wird. Wir haben uns jedoch gründlich geirrt. Leider sind wir, die Russen, in vieler Hinsicht selbst an dieser Situation schuld. Wegen der bereits erwähnten Mentalität. Die diktatorische Geste von Chruschtschow, da 1955 der DDR die Meisterwerke der Dresdner Galerie zurückerstattet wurden, war unter den strengsten Bewertungsmaßstäben ein persönlicher Akt des „Führers", eine despotische Willensentscheidung des Parteileiters, eine Geste, die weder vom Volk noch von der Gesellschaft und den Experten erörtert worden war.

    Beim Studium der Geschichte jener Jahre stellt es sich heraus, dass Chruschtschow am wenigsten darum besorgt war, die Gesetze oder auch andere damals geltende Normen einzuhalten. Durch die Übergabe der Gemälde an die Ostdeutschen wollte er lediglich den Westdeutschen das Leben versalzen. Der Edelmut war lediglich der Schatten der politischen Aktion. Zu behaupten aber, dass überhaupt kein Edelmut mit im Spiel war, würde bedeuten, die hohe emotionale Spannung dieser weit zurückliegenden Geschichte zu vergessen.

    Die Meisterwerke aus Dresden waren 1955 feierlich in Moskau, im Staatlichen Puschkin-Museum für bildende Künste gezeigt worden. Und die Mengen der erschütterten Menschen, die gekommen waren, um die „Sixtinische Madonna" von Raffael, die „Venus" von Giorgione und den „Zinsgroschen" von Tizian zu bewundern und zugleich auch von ihnen Abschied zu nehmen, verliehen dieser Aktion die Heiligkeit des Volkswillens.

    Wir erstatteten der Dresdner Galerie 1 240 Kunstwerke zurück. Insgesamt wurden an die DDR 1,85 Millionen Kunstgegenstände und dazu noch 71 000 Buchbestände und 3 Millionen Archivalien übergeben.

    Heute, viele Jahre später, werden sogar die Entscheidungen über die Meisterwerke aus Dresden Russland beinahe zur Last gelegt. Wie sonst lässt sich der Standpunkt der deutschen Seite, den der Generaldirektor der Dresdner Staatlichen Kunstsammlung W. Schmidt einmal geäußert hat, bewerten? Er behauptete, dass die Meisterwerke in Schächten bei Dresden aufbewahrt worden wären und sogar keiner Restauration bedurft hätten.

    Wollen wir aber die wahre Geschichte der Entdeckung der Dresdner Kunstschätze reproduzieren. Als Einleitung diente das schreckliche Bombardement von Dresden in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945, bei dem 1 400 anglo-amerikanische Bombenflugzeuge eingesetzt wurden. Auf die Stadt wurden insgesamt 3 749 Tonnen Bomben abgeworfen, 75 Prozent davon waren Brandbomben. Der ersten Welle folgte drei Stunden später der zweite und nach weiteren acht Stunden der dritte Schlag der Fliegerkräfte. Dresden hörte auf, zu existieren. 135 000 Menschen fanden dabei den Tod. Auch der Zwinger (in dem die Sammlungen aufbewahrt wurden) wurde beschädigt, 197 Gemälde verbrannten. Die restlichen Meisterwerke wurden an verschiedenen Orten, darunter in Stollen von Steinbrüchen, wohin ein Eisenbahnwagen mit Gemälden gebracht worden war, aufbewahrt. Schmidt behauptete, dass die Stollen ein idealer Aufbewahrungsort für die Gemälde gewesen wären. Unsinn!

    Die Memoiren des sowjetischen Offiziers Lew Rabinowitsch, der das Versteck gefunden hat, und die Erinnerungen von Marschall Konew zeugen vom Gegenteil. Ja, im Stollen brannte hinter zwei Türen Licht und standen Spezialanlagen für die Temperaturregelung. Marschall Konew schreibt aber: „Jene, die hier die Gemälde versteckten, nahmen an, dass diese Steinvertiefung trocken sein würde. Leider sickerte hier aber stellenweise durch die Risse Grundwasser durch, die Lufttemperatur schwankte stark, weil die Regulierungsanlagen nicht funktionierten. Die Gemälde wurden unordentlich untergebracht. Einige waren mit Pergamentpapier umwickelt, andere in Kisten verpackt oder einfach an die Wände angelehnt". Als die Gemälde in Moskau ankamen, dauerte ihre Restaurierung insgesamt ein Jahrzehnt - von 1945 bis 1955, dass heißt bis zum Zeitpunkt ihrer Übergabe an Dresden.

    Sie wurden die ganze Zeit in den Depots des Moskauer Staatlichen Puschkin-Museums für bildende Künste unter strenger Geheimhaltung aufbewahrt.

    Heute sehen wir aber, dass seitdem sogar der Name dieses Museums in Deutschland (zunächst nur in seinem Westteil) eine negative Färbung bekommen hat. Vielleicht ist der Unterschied zwischen unseren nationalen Mentalitäten tatsächlich sehr groß.

    Die Situation mit den verbrachten Werten wurde durch die kürzliche Sensation verschlimmert. Im Vorfeld der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Sieges der Länder der Koalition über den Nazismus wurde im Puschkin-Museum die Ausstellung „Archäologie des Krieges. Rückkehr aus dem Nichtsein" eröffnet, auf der eine Sammlung von antiker Kunst, die früher nie gezeigt worden war, präsentiert wurde.

    Die Veranstalter machten aus der Tatsache, dass es sich dabei um die ehemalige berühmte Sammlung antiker Gegenstände aus Berliner Museen handelte, kein Hehl, sondern hoben sie hingegen hervor.

    Die Ausstellung löste in deutschen Kulturkreisen einen Schock aus.

    Es hieß, dass die Sammlung, die von dem Berliner Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg 1698 bei Giovanni Bellori, Hauptantiquitätenhändler von Rom zur Zeit von Papst Klemens X. erworben worden war, beim russischen Sturm auf Berlin im Mai 1945 vernichtet worden wäre. Plötzlich erstanden aber vor den Augen des erstaunten Publikums 350 Exponate auf einmal wieder auf, darunter auch drei herausragende Meisterwerke: die bronzene Statuette des Zeus von Dodona mit einem Granatapfel in der Hand und zwei Vasen mit der Darstellung des Kampfes von Herakles mit dem Meeresgott Poseidon sowie von Szenen mit Hermes, der in der Umgebung der bockbeinigen Satyre tanzt.

    Und, stellen Sie sich vor, Vertreter der Stiftung Preußisches Kulturerbe gaben ihrem Bedauern darüber Ausdruck, dass das Puschkin-Museum das Projekt ohne Benachrichtigung und Teilnahme der Museen von Berlin verwirklicht hatte, wie auch darüber, dass die russische Seite alle Bitten, den deutschen Experten Zutritt zu den Depots, in denen die Beutekunst aufbewahrt wird, zu gewähren, ablehnt.

    Im Mittelpunkt der Entscheidung, eine Ausstellung von Beutekunst zu veranstalten, steht die Persönlichkeit von Irina Antonowa, Direktorin des Staatlichen Puschkin-Museums. Bereits seit vierzig Jahren regiert sie mit eiserner Hand eines der größten Museen des Landes, und als ein Mensch der Tat bezieht sie eine harte Position. Sie kann zum Beispiel öffentlich zugeben, dass ihr Museum bei Privatpersonen Werke gekauft hat, die am wahrscheinlichsten seinerzeit von sowjetischen Soldaten in Deutschland gestohlen worden waren.

    Das Museum sei in einer solchen Situation in viel höherem Maße um das Schicksal des Meisterwerkes, dessen Zustand erschreckend war, als über moralische Nuancen besorgt gewesen, sagte Antonowa.

    Da muss man zugeben, dass diese Antwort mutig und ehrlich war. Ebenso auch, dass Antonowa recht hatte.

    Die Sammlung der Antike ist übrigens ein Sonderfall, und das Museum hat sich auf die Veranstaltung der Ausstellung bewusst eingelassen, damit zwischen Deutschland und Russland endlich einmal keine Geheimnisse, keine Verstecke in Kellern mehr bleiben.

    Die edle Idee dieser Ausstellung kann nur bewusst übersehen werden. Russland demonstriert Europa, dass im gemeinsamen europäischen Haus unausgesprochene Gedanken, Geheimnisse und andere Lügen ein Anachronismus sind.

    Und nun das Wichtigste: Jene Menschen, die die Ausstellung besuchten, konnten sehen, dass alle ausgestellten Gegenstände aus hunderten kleinen Stückchen zusammengeklebt worden waren. Hierbei handelt es sich um eine Höllenarbeit zur Restaurierung von Kleinplastiken.

    Das, was von der Berliner Sammlung im Mai 1945 übrig geblieben war, stellte einen Haufen Scherben dar. Bronze, Keramik, Bein, Terrakotta - alles war schmutzig, verstümmelt, zerschlagen, mit Teer besprenkelt und mit Ruß bedeckt. Jedes der vielen Tausenden Fragmente!

    Eine wichtige Präzisierung: Anfangs wusste lange Zeit niemand, woher diese Scherben stammten. Der ganze schreckliche Haufen war in Päckchen verpackt und in 18 Holzkisten gelegt worden, die nach Russland gebracht und dem sogenannten Sonderfonds, der sich im Museumsdepot in Sagorsk bei Moskau befand, bis zu besseren Zeiten in Aufbewahrung gegeben wurden.

    Das neue demokratische Russland hat den Schlussstrich unter die verderbliche Praxis der Staatsgeheimisse im Museumswesen viel früher gezogen - 1996 wurde die einmalige Sammlung des Goldes von Troya zur öffentlichen Besichtigung ausgestellt und diesmal bot das Puschkin-Museum der Welt die Sammlung von Friedrich und Bellori an. Das war aber ein absoluter Sonderfall.

    Damit die Ausstellung stattfinden konnte, waren zwei Jahre mühseliger Arbeit erforderlich. Jedes Fragment wurde studiert, beschrieben, gewaschen - besonders schwer fiel den Meistern die Restaurierung der Beinschnitzereien - und unter Einsatz moderner Technik zunächst auf dem Bildschirm des Displays zusammengefügt und erst danach per Hand zusammengeklebt. Dass die Restauratoren mit der Sammlung von antiken Gegenständen aus Berliner Museen zu tun hatten, wurde erst festgestellt, nachdem die ersten Gegenstände zu einem Ganzen zusammengefügt worden waren. Bis dahin war das unmöglich. Wäre es denn besser gewesen, wenn all das in den Ruinen liegen gelassen worden wäre?

    Die Emotionen der Mitarbeiter der deutschen Museen sind im Grunde eine Sehnsucht nach dem Eisernen Vorhang, da ganz Russland ein einziges Geheimnis gewesen war.

    Antonowa gehört zu den Menschen, die Russland in ein offenes Land umgewandelt haben. Wahrscheinlich erscheint sie mitunter als zu offen. Und das gefällt den Mitarbeitern der Museen vieler Länder nicht.

    „Alles, was am bemerkenswertesten ist, haben wir bereits zurückerstattet. Gemeinsam mit der Ermitage haben wir Deutschland rund 1,5 Millionen Exponate übergeben. Übrigens wird dieser Prozess von unseren Kollegen in Frankreich und Grobritannien mit Besorgnis verfolgt. Wir werden dort immer wieder gefragt, ob wir nicht beabsichtigen, noch etwas abzugeben. Warum aber? Weil sie befürchten, dass dadurch ein Präzedenzfall geschaffen werden und sich ein lawinenartiger Strom von gegenseitigen Ansprüchen ergießen könne. Wozu ist das aber nötig! Die wichtigsten musealen Werte sind im Verlaufe des vorigen Jahrhunderts bereits umverteilt und die Sammlungen gestaltet worden", meint Antonowa.

    Schlimmer ist aber, dass bei der russischen Seite mitunter der Eindruck entsteht, dass sich hinter der nicht ganz europäischen Politik „alles zurückerstatten" der Geist der Revanche verbirgt, und dass über den russischen Museen die Schatten des Dritten Reiches schweben.

    Es sei lediglich an die Tatsache erinnert, dass die Mitarbeiter der deutschen Museen während des Krieges auf Befehl des Führers ein geheimes Verzeichnis der Kunstwerke und wertvollen Objekte aufgestellt hatten, die aus Deutschland, angefangen von 1500, weggebracht worden und ausländisches Eigentum geworden sind.

    Das Dritte Reich plante, durch die „Restitution nach Führers Art" ganze 400 Jahre der europäischen Geschichte zu erfassen.

    Das demokratische Deutschland hat aber mit dem Faschismus entschlossen gebrochen, und Russland ist sich darüber völlig klar.

    Kurzum, es ist an der Zeit, einen Schlussstrich unter die gegenseitigen Ansprüche zu ziehen. Sonst werden sie nie ein Ende nehmen und ganz Europa, wenn nicht die ganze Welt, überfluten. Russland geht in der letzten Zeit in dieser Frage endlich eimal von der Rundumverteidigung zur Offensive über. Es sind bereits die Bände eines Zusammenfassenden Katalogs der russischen Kulturwerte, die in der Zeit des Zweiten Weltkrieges verlorengegangen sind, zusammen gestellt worden. Wenngleich auch bisher kein erschöpfendes Verzeichnis existiert. Man könnte es zumindest schon herausgeben.

    In diesem Verzeichnis der Verluste steht die von den Deutschen vernichtete geniale Mariä-Entschlafens-Kirche auf dem Wolotowo Feld bei Nowgorod. Heute kann sie von der Liste der Verluste gestrichen werden. Dank den gemeinsamen Bemühungen Deutschlands und Russlands ist sie nämlich wieder aufgebaut worden.

    Vor einer Woche verlieh Präsident Putin im Kreml die Staatspreise für 2004. Unter den Ausgezeichneten befinden sich auch die die Architekten, die diese Kirche restauriert haben. Das sind Viktor Krasnoretschjew und Ninel Kusmina.

    Das ist ein Beispiel für eine tatsächliche Lösung von Problemen, die zwischen unseren Ländern in einem solchen heiklen Bereich, wie es die Restitution ist, bestehen.

    DIE MEINUNG DES VERFASSERS ENTSPRICHT NICHT IMMER DER MEINUNG DER REDAKTION.

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