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    Ex-Schachweltmeister Kasparow wird russische Demokratie nicht retten

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    MOSKAU, 01. Juli (Pjotr Romanow, politischer Kommentator der RIA Nowosti).

     Der einstige Schachkönig und jetzige Politiker Garri Kasparow scheint noch nie in seinem Leben derart erniedrigt worden zu sein: Bei seiner jüngsten Agitationsreise durch Nordossetien wurde der frühere Schachweltmeister mit Eiern beworfen.

    Eine solche Form des Protests kann kaum gebilligt werden. Zudem war ich langjähriger Fan des Schachspielers Kasparow. Dennoch liegen die Emotionen der Protestler klar auf der Hand.

    Es geht nicht darum, dass Kasparow, der an der Spitze des Oppositionskomitees 2008 - das Jahr der künftigen Präsidentenwahlen - steht, die gegenwärtige Führung des Landes scharf und nicht immer objektiv kritisiert, und zwar sowohl zu hause als auch in ausländischen Medien. Das ist nach meiner Meinung ein normaler politischer Prozess, in dem ein emotionales Ausufern nicht selten ist. Vielmehr geht es darum, dass Kasparow bei seiner Nordossetien-Reise um eines politischen Erfolges willen jene moralische Grenze überschritten hat, die einen ernsthaften Politiker von einem Politikaster trennt, für den alle Mittel recht sind. Die Leidenschaften in dieser nordkaukasischen Republik haben sich nach dem Geiseldrama von Beslan mit zahlreichen Opfern unter den Kindern noch nicht gelegt. Und wer aus dem noch schwelenden Brandherd politisches Kapital schlagen will und auf die Emotionen der betroffenen Menschen spekuliert, geschweige denn aus dem Entfachen weiterer Leidenschaften in dem ohnehin schon unruhigen Kaukasus, der tut eine schmutzige Sache. Ich glaube, dass Kasparow mit dem durch Eier beschmutzten Anzug dafür zurecht bezahlt hat.

    Der Machtkampf ist die eine Seite. Versuche aber, das Land zu spalten, sind etwas ganz Anderes. Das um so mehr, als das Land ohnehin schon durch diverse Erschütterungen zermürbt ist. Aufrufe zu einer "samtenen Revolution" wie in der Ukraine oder in Georgien sind nicht gerade das Klügste, was die gegenwärtige liberal-marginale Opposition tun kann, zu der denn auch Kasparow gehört.

    Erstens. Eine beliebige Revolution ist an und für sich etwas Schlimmes. "Während der Revolution wird im Menschen nicht nur ein Tier, sondern auch ein Dummkopf wach", sagte der einstige Führer der Partei der rechten Sozialrevolutionäre Patirim Sorokin, später Professor an der Harvard Universität, bereits im Jahr 1917. Und traf ins Schwarze.

    Zweitens. Das Beispiel der gelungenen "samtenen Revolutionen" führt vor Augen, dass es in den betroffenen Ländern nicht besser geworden ist. Das Rating des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili sinkt unentwegt. Die Europäische Union wirft ihm diktatorische Führungsmethoden vor. Georgische Intellektuelle verfassen Protestbriefe u.a. Und die Ukraine hat alle vollkommen enttäuscht. Eine umfassende Revision der Ergebnisse der Privatisierung, offene politische Verfolgungen, die Übernahme der Kontrolle über Massenmedien und der Machtantritt inkompetenter "revolutionärer Matrosen" - das ist das Ergebnis der "demokratischen Revolution".

    Formell steht Kasparow unter der Fahne der Demokratie und ist der Union Rechter Kräfte nah. Diese Partei war bereits an der Macht gewesen. Nachdem sie aber die Bürger Russlands enttäuscht hatte, konnte sie sich nicht einmal bei den Parlamentswahlen durchsetzen. An Gesprächen über die Perestroika in den Reihen der Liberalen hat es in den letzten Jahren nicht gefehlt. Aber bislang hat sich nichts getan. Die Demokraten sind gespalten. In ihren Projekten ist keine einzige neue Idee enthalten, die selbst die Wähler interessieren könnte, die auf liberale Werte pochen.

    Die Opposition könne nicht mit einem Erfolg rechnen, wenn sie dem Wähler nur die Kritik an der Macht anbietet, sagte Grigori Jawlinski, Chef der Partei Jabloko, ein weiterer Außenseiter der jüngsten Parlamentswahlen. "Die Opposition muss wenigstens einige fruchtbringende und attraktive Alternativvorschläge auf Lager haben, die sie nach dem Wahlsieg verwirklichen will", sagte er. Aber gerade das fehlt bislang der rechtsorientierten Opposition, darunter auch dem Komitee 2008 mit Kasparow an der Spitze. Ein unzufriedenes Nordossetien reicht auch beim besten Willen nicht, um sich den Wahlsieg zu sichern. Das um so weniger, als auch in Nordossetien bei weitem nicht alle die Handlungen der rechten Kräfte billigen.

    Die Entwicklung im Jahr 2008 ist noch nicht abzusehen. Aber zum Ritter Lancelot, zu einem edlen Retter der russischen Demokratie, worauf er Anspruch erhebt, wird Kasparow auf keinen Fall werden.

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