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    Ethnischer Konflikt zwischen Awaren und Tschetschenen konnte vorerst verhindert werden

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    MOSKAU, 1. Juli (Juri Filippow, politischer RIA-Nowosti-Kommentator) Russischen und tschetschenischen Behörden gelang es offenbar, die Spannungen an der Grenze zwischen Tschetschenien und Dagestan zu mildern.

     Die Lage dort hatte sich extrem zugespitzt, nachdem hunderte von Einwohnern des tschetschenischen Dorfes Borosdinowskaja diese verlassen haben und in die Nachbarrepublik Dagestan umgesiedelt sind.

    Am 4. Juni war Borosdinowskaja "gesäubert" worden: Bei der Ausweiskontrolle im Dorf wurde eine Person getötet. Vier Häuser wurden zerstört. Elf Personen gelten als vermisst. Danach mussten die Behörden unter dem Druck der Einwohner von Borosdinowskaja diesem Vorfall besondere Aufmerksamkeit schenken. Dabei wurde festgestellt, dass sich daran Angehörige des tschetschenischen Bataillons "Wostok" beteiligt hatten, das zur 42. Russischen Armee gehört und für Sicherheit und Kampf gegen den Terrorismus im östlichen, an Dagestan grenzenden Teil Tschetscheniens zuständig ist. Laut einer Version der betroffenen Einwohner von Borosdinowskaja, die ethnische Awaren sind, sei das Dorf als Rache für den Mord am Vater eines der Angehörigen des Bataillons "gesäubert" worden. Und diese Version ist bei weitem nicht die einzige.

    Sollten die Flüchtlinge aus Borosdinowskaja wirklich nach Hause zurückkehren, wird es der Region wahrscheinlich gelingen, eine Eskalation von ethnisch bedingter Gewalt zu verhindern - diese Gefahr schwebte nämlich mehrere Wochen lang eindeutig über diesen Teil des russischen Nordkaukasus.

    Das bedeutet allerdings nicht, dass dort alle Probleme geregelt werden. Die Ermittlungen der Ereignisse in Borosdinowskaja sind zwar längst nicht abgeschlossen, bereits jetzt ist es aber offensichtlich, dass die "Säuberung" im Dorf nach einem jahrelang geübten Schema verlief, das die Behörden zwar nicht als legitim anerkennen, zugleich aber wissen, dass es weit verbreitet ist. Dmitri Kosak, Präsidentenbeauftragter im Nordkaukasus, räumte ein, es sei nicht bekannt, vom wem der Racheakt vorgenommen wurde. Einerseits waren das offenbar keine Terroristen, andererseits aber auch keine richtigen Föderationsstreitkräfte. Die letzteren konnten allerdings den Vorfall nicht verhindern und vorerst auch keine Schuldigen festnehmen.

    Kosak versprach, dass aus den Ereignissen in Borosdinowskaja eine Lehre gezogen wird, in erster Linie in Bezug auf die "Verwaltung der Rechtsschutzaktivitäten" sowohl in Tschetschenien als auch in Russland insgesamt. Zuvor hatten sich Tschetscheniens Präsident Alu Alchanow und der tschetschenische Vizepremier Ramsan Kadyrow, Chef der bewaffneten Strukturen Tschetscheniens, dafür ausgesprochen, dass die bewaffneten Aktionen in Zukunft strikt von einer Stelle aus geleitet werden.

    Das Problem besteht aber darin, inwieweit die künftigen Handlungen diesen richtigen Worten entsprechen werden. "Der Kampf gegen das Banditentum mit unlegitimen Methoden", gegen den sich Kosak so radikal äußert, wird in Tschetschenien bereits seit sehr vielen Jahren geführt, was alle auch wissen. "Bewaffnete Formationen, die unter dem Schutz einzelner Vertreter der Föderationsmacht handeln, sind in viele Morde und Menschenentführungen verwickelt, die bei gesetzwidrigen ‚Säuberungsaktionen' begangen werden", stellt Aslambek Aslachanow, Berater des Präsidenten Russlands, fest. Der russische Menschenrechtsfonds "Memorial" verfügt über Angaben über eintausend Personen, die bei solchen "Sonderoperationen" verschwanden.

    Offenbar will sich nun die Macht mit diesem Problem befassen. Bei seiner Analyse des Vorfalls in Borosdinowskaja betonte Dmitri Kosak, es seien Maßnahmen notwendig, die eine Wiederholung solcher Ereignisse unmöglich machen würden. Die russischen Behörden wären äußerst daran interessiert, dass die "Säuberung" von Borosdinowskaja die letzte Aktion dieser Art in Tschetschenien ist. Dies wird aber noch komplizierter sein als die Einwohner von Borosdinowskaja zur Rückkehr in ihre Heime zu überreden.