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    Verschwindet Russland als Großmacht?

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    MOSKAU, 1. Juli (Wassili Kononenko, politischer Kommentator der RIA Nowosti).  Die Bevölkerungszahl Russlands verringert sich immer mehr, was auch durch offizielle Angaben des Staatlichen Statistikamtes bestätigt wird.

    Bei einem ungünstigen Szenario werden gegen Mitte dieses Jahrhunderts nur noch 77 Millionen Menschen in Russland bleiben und beim günstigsten Szenario 123 Millionen. Die Hauptursache für das unentwegte Aussterben der Nation ist die niedrige Geburtenzahl. Wie die Statistik zeigt, waren wir im Jahre 1989 insgesamt 147 Millionen. In den Folgejahren verringerte sich die Bevölkerung wegen des Geburtenrückganges unablässig. Wurde der natürliche Bevölkerungsverlust in den 1990er Jahren fast zu 40 Prozent durch den Zustrom von Zuwanderern ausgeglichen, so sind die Migranten-Bächlein in den letzten Jahren stellenweise versiegt. Laut Experten liegt eine demographische Krise vor. Nur eine Erhöhung der Geburtenzahl kann davon retten.

    Gebären in Russland ist heute schwierig - in dem Sinne, dass sich der Staat von den Problemen einer Familie, in der ein Kind zur Welt gekommen ist, distanziert hat. Die Vorsitzende des Ausschusses für Frauen, Familie und Kind der Staatsduma, Jekaterina Lachowa, schätzt heute die demographische Situation folgendermaßen ein. Im Gespräch mit dem Kommentator der RIA Nowosti hat sie zugegeben, dass ihr erneuter Versuch, das Problem der Unterstützung der Familie über den toten Punkt hinwegzubringen, gescheitert sei. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Andrej Issajew hatte die Abgeordnete Lachowa einen Gesetzentwurf vorbereitet, der eine wirkliche Unterstützung für diejenigen vorsieht, die ihr Geschlecht fortpflanzen wollen. Es geht unter anderem darum, bei der Geburt eines Kindes eine einmalige Beihilfe in Höhe von 20 000 Rubel auszuzahlen, die Beihilfen für die alleinstehenden Mütter, derer es heute rund 900 000 gibt, zu erhöhen, usw. Die Regierung hat diese Vorschläge wieder abgelehnt. "Die Macht ist sich der herannahenden Gefahr für die Nation noch immer nicht bewusst!", stellt Jekaterina Lachowa fest.

    Bemerkenswert ist die Auffassung des bekannten russischen Demographen und Direktors des Zentrums für Bevölkerungsforschung der Moskauer Staatlichen Universität, Valeri Jelisarow, zu diesem Problem. "Ich habe nicht einmal ein Interesse daran, über so langfristige Prognosen nachzudenken, denn jede davon wird nach der Formel: ‚Was wird, wenn?' konstruiert. Diese ‚wenn' können faktisch nicht berücksichtigt werden." "Heute können wir die Arbeitsressourcen für die 20er Jahre unseres Jahrhunderts mit Sicherheit prognostizieren. Diejenigen, die zu diesem Zeitpunkt das Berufs- und Fortpflanzungsalter erreichen, sind heute schon geboren worden. Alle sonstigen Prognosen sind recht bedingt." Laut Jelisarow sind die Realitäten in Russland so, dass der Nationsverlust fortgesetzt wird. In welchem Tempo aber? Alles hängt von vielen Faktoren ab. Darunter auch von der sozial-ökonomischen Situation im Lande und von der Fähigkeit des Staates, die Familie zu unterstützen. Heute sind immer noch die Folgen einer Wirtschaftskrise zu spüren. Nehmen wir aber an, dass sich in zehn Jahren im Lande eine bessere ökonomische Situation herausbilden wird, die Einkommen der Bevölkerung wachsen und der Staat für die Stimulierung der Geburtenzahl sorgen wird, und die Tendenz kann sich wesentlich ändern."

    "Die Behörden in Russland sind einstweilen mit der ‚sozialen Nothilfe' beschäftigt", sagt Valeri Jelisarow. Aber früher oder später werden auch diese Probleme angepackt werden müssen. Je früher, um so weniger dramatisch wird die Realität im Vergleich zu den heute dargestellten Szenarien des Verschwindens des starken Russland von der geopolitischen Weltkarte sein", betonte der Demograph.