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    Russland übernimmt G8-Vorsitz

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    MOSKAU, 04. Juli (Wladimir Simonow, politischer Kommentator der RIA Nowosti).

    Der G8-Summit, der an diesem Mittwoch im schottischen Gleneagles beginnt, soll mit einem für Moskau relevanten Ereignis enden.

    Russland übernimmt erstmals den Vorsitz bei dieser informellen Gruppe der acht führenden Nationen der Welt und ist im nächsten Jahr Gastgeber des neuen G8-Gipfels, der voraussichtlich irgendwo in der Umgebung von Sankt Petersburg stattfinden wird.

    Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen steht Russland, ein Kernwaffenstaat mit immensen Natur- und Menschenressourcen, seinen sieben G8-Partnern immer noch wesentlich nach. Es tritt aber ein neuer Faktor in Erscheinung, der Russland zu einem einflussreichen und sogar unentbehrlichen G8-Mitglied macht, vorausgesetzt, das Hauptziel dieser Organisation besteht in der Stärkung der Stabilität der Weltwirtschaft. Es handelt sich nämlich um die wachsende Rolle Russlands als führender Akteur auf dem Energiemarkt.

    In absehbarer Zeit beabsichtigt Russland eine halbe Milliarde Tonnen Erdöl im Jahr zu produzieren. Die Menge ist so groß, dass von ihrer Verteilung die Prosperität nicht nur in den nächsten Nachbarländern Russlands, sondern auch in Europa und in den USA abhängig ist.

    Russland ist immer noch ein Land, wo der Bevölkerungsanteil, der unter dem offiziellen Existenzniveau lebt, sich zwar schnell verringert, aber immer noch groß ist. Möglicherweise verleiht ausgerechnet dieser Umstand Russland eine Sonderrolle innerhalb der G8. Seine Mitgliedschaft in diesem Klub der Reichen gewinne einen besonderen Sinn, weil Moskau, wie Präsident Wladimir Putin neulich sagte, "es leichter hat, die Probleme der Transformationsländer zu begreifen".

    Das erklärt die aktive Teilnahme Russlands an der Erörterung der Top-Themen des G8-Summit in Gleneagles: Hilfe für Afrika, Abbau der afrikanischen Schulden und Einführung gerechterer Handelsregeln für die Länder des Kontinents.

    Bei seinem kürzlichen Treffen mit dem britischen Premier Tony Blair unterstützte Putin aktiv dessen Vorschlag, die Schulden von 18 afrikanischen Staaten unverzüglich zu streichen. Es stellte sich sogar heraus, dass Moskau auf seine Großzügigkeit in Sachen Schuldenabschreibung für Afrika stolz sein kann. In absoluten Zahlen rangiert Russland diesbezüglich hinter Japan und Frankreich auf dem dritten Platz.

    Russlands Bevölkerung nimmt die ungewöhnliche Doppelrolle seines Landes als Hilfeempfänger und Spender für Afrika verständnisvoll auf. Das Konzert Live 8, auf dem am vergangenen Samstag die russischen Rockgruppen Agatha Christie und Krasnyje Elwissy sowie ausländische Stars wie Pet Shop Boys auf dem Roten Platz auftraten, rief nicht weniger Zeichen des guten Willens bei den Zuschauern hervor, als die ähnlichen Shows in den anderen G8-Staaten und in Südafrika. Natürlich fragen sich viele Russen: "Warum sollen wir die afghanischen Schulden streichen, wo wir doch selber nicht reich sind?" Doch im Massenbewusstsein herrscht die Meinung vor, dass Russland denen nach Möglichkeit helfen soll, denen es wirtschaftlich noch schlechter geht als ihm selbst.

    Ermuntert durch diese breite Unterstützung nahm Putin die 750-Jahrfeier von Kaliningrad zum Anlass, um mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac und dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, die zu den Festlichkeiten eingeladen wurden, unter anderem die gemeinsame Position der sogenannten "neuen Entente" für den Summit in Gleneagles abzustimmen. Auf der abschließenden Pressekonferenz bekräftigte Putin erneut, Russland sei bereit, sich an den Programmen zur Schuldenstreichung für Afrika zu beteiligen.

    Moskau, Berlin und Paris setzten sich auch mit einem anderen Thema des anstehenden G8-Gipfels auseinander - die Kontrolle über die Erfüllung des Kyoto-Protokolls, das die Treibhausgas-Emissionen in der Welt reguliert.

    Putin hatte wiederholt öffentlich aufgefordert, sich weiter mit den Staaten auseinanderzusetzen, die dem Kyoto-Protokoll bis jetzt nicht beigetreten sind. Gemeint sind vor allem die Vereinigten Staaten. Washington begründet seine Weigerung mit dem möglichen Verlust von "Millionen" Arbeitsplätzen und "mehreren hundert Milliarden Dollar", der ihm im Falle eines Beitritts zum Kyoto-Protokoll drohe. Die Administration George Bush verweist hierbei darauf, dass die Klimaerwärmung wissenschaftlich noch nicht belegt worden sei.

    Hilf den anderen, und man hilft dir. Bei dem Summit in Schottland verpasst Putin kaum die Gelegenheit, bei Gesprächen mit den sieben Staats- und Regierungschefs für die russischen Interessen zu werben. Russland benötigt dringend Hilfe der entwickelten Demokratien bei der Diversifikation seiner Wirtschaft, die immer noch stark auf die Ölexporte angewiesen ist. Russland braucht die G7 also nicht weniger als die G7 Russland braucht.

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