Radio
    Meinungen

    Wie wird das Wetter während des Gipfels?

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 310

    MOSKAU, 5. Juli (Tatjana Sinizyna, Kommentatorin der RIA Nowosti).

    Zum G8-Gipfel in Schottland, auf dessen Tagesordnung auch das Klimaproblem steht, bereiteten russische Wissenschaftler eine Überraschung vor: Eine aus der Antarktika zurückgekehrte Expedition übermittelte der Akademie der Wissenschaften Angaben, die von Prozessen einer zunehmenden Kälte auf dem Gipfel des Festlandes zeugen.

     Wie Akademiemitglied Juri Israel, Direktor des Instituts für Klimaprobleme und Ökologie der Russischen Akademie der Wissenschaften, sagte, "spricht dieser Fakt ein weiteres Mal dafür, dass es bei den Prognosen zu den Klimaänderungen nach wie vor große Unklarheiten gibt. Eine Klimaänderung besteht. Aber die Wissenschaft kann vorläufig nicht eindeutig über die Ursachen und Tendenzen dieser Erscheinung sprechen".

    Auf die Frage, ob er das Wetter in den Tagen des Gipfels vorhersagen könne, antwortete das Akademiemitglied mit einem Lächeln: "Ich kann! In Turkmenien wird es ganz bestimmt Hitze geben! Was aber Schottland betrifft, so fragen Sie mich danach frühestens einen Tag davor. Ich antworte mit einer Wahrscheinlichkeit von 92 Prozent."

    Die Klimatologie ist eine noch junge, noch nicht selbstbewusste Wissenschaft. Wegen der Unausgeglichenheit der Klimaprozesse wurden nicht nur die Tages-, sondern auch die mittelfristigen Prognosen sehr angreifbar. "Noch vor sehr kurzer Zeit konnten die Vorhersagen für maximal zwei Wochen getroffen werden. Jetzt sind es nur noch höchstens zehn Tage. Die Natur ist kompliziert. Es gibt zahlreiche zufällige Faktoren, die vorauszusagen unmöglich ist", erläutert Israel. "Irgendeine plötzliche Turbulenz kann wie eine Lawine wirken und Winde in eine andere Richtung drehen."

    Das sich ändernde Klima macht uns immer mehr Sorgen. Die ersten Anzeichen für eine Beunruhigung erschienen noch in den 80er Jahren: Der Leningrader Wissenschaftler Michail Budyka predigte die Klimaänderung aktiv und fundierte sie wissenschaftlich. In der Welt wurde er nicht anerkannt, und in der Heimat wurde er zweimal nicht zum Akademiemitglied gewählt. Aber Budyka bestand auf seinem Standpunkt: Das Klima ändere sich. Für jene, die daran zweifeln, genügt es heute, zum Fenster hinaus zu schauen. Das Problem ist für alle offensichtlich. Es nahm unter den globalen Gefahren für die Welt seinen Platz ein. Die traurige Folge der unerwarteten Wetterüberraschungen sind Zehntausende Menschenopfer und Milliarden US-Dollar Verluste der nationalen Wirtschaft verschiedener Länder.

    Wir sind es gewohnt, unter den Bedingungen der wiederkehrenden Wettersaisons zu leben. Wenn im Januar in Moskau plötzlich grünes Gras zu wachsen beginnt und man sich im Juli eine warme Jacke anziehen muss, so bekommt man ein komisches Gefühl. Wegen Regen und niedriger Temperaturen verfaulen in Russland Getreide- und Gemüsefelder, und portugiesische und belgische Bauern sind indessen darum besorgt, womit sie das Vieh füttern sollen, denn Dürre vernichtet das Gras.

    "Wenn sich das heutige Tempo der Erhöhung der globalen Temperatur weiter erhält, so fällt es schwer, sich die Ausmaße der kommenden Naturveränderungen vorzustellen", meint der Präsident der Weltwetterorganisation Alexander Bedrizki, Leiter des Föderalen Dienstes für Hydrometeorologie und Umweltkontrolle. "Unter diesen Bedingungen wird die Anpassung an das sich ändernde Klima eine der Hauptaufgaben der Menschheit." Die ersten Unannehmlichkeiten, auf die Russland stoßen kann, sind das Auftauen des Dauerfrostbodens durch die Erhöhung der Lufttemperatur im Winter. "Es fällt sogar schwer, den Umfang der Investitionen zu bewerten, die für den Schutz der Lebensinfrastruktur in diesen Gebieten notwendig sind", unterstrich Bedrizki.

    Akademiemitglied Juri Israel meint, dass eine starke Finanzierung der Wissenschaft, die die Klimaprozesse erforscht, zur ersten wichtigen Maßnahme werden müsse. Erforderlich seien zum Beispiel keine geringen Mittel für die Schaffung einer neuen Generation von Klimamodellen. Denn die Bestehenden ermöglichen keine sicheren Prognosen bezüglich der Änderungen einer Reihe von hydrometeorologischen Naturerscheinungen (zum Beispiel von Stürmen in mittleren Breiten). Und "kleinere" Erscheinungen - Gewitter, Tornados, Hagel und Blitze - lassen sich einfach mit modernen Modellmitteln nicht nachbilden. Für vorläufig könne man auch die Bewertungen des künftigen Charakters von El-Nino halten. "Heute gibt es zwischen den Wissenschaftlern und den Politikern eine gewisse Diskrepanz, die der Sache nicht zum Nutzen gereicht", meint der Wissenschaftler. Seiner Meinung nach müsse die "Acht" der Stimme der Wissenschaft Gehör schenken.

    Die Klimatologen teilen sich heute in ihren Vorhersagen, die mit der Klimaänderung zusammenhängen, in Pessimisten und Optimisten. Entsprechend verschiedenen Modellbewertungen kann die globale Durchschnittstemperatur im Zeitraum von 1990 bis 2100 um 1,4 bis 5,8 Grad Celsius ansteigen. "Ich meine, dass eine solche Erhöhung der Temperatur keine große Gefahr für die Menschheit darstellt", sagte Juri Israel. Die zu erwartende Anhebung des Spiegels des Weltmeeres im Laufe von 100 Jahren um 47 cm zähle er auch nicht zu den katastrophalen Erscheinungen. Das sei eher eine Gefahr für die Häfen, die sich an die neuen Bedingungen anpassen müssen. Solche Erfahrungen gebe es schon in Russland. Bei der Anpassung an den Charakter der Flut-Ebbe-Effekte, wodurch sich der Ozeanspiegel um 8 Meter ändert, baute der Hafen Magadan (Ferner Osten) einige Piers. Gemäß der mathematischen Simulation ist in Russland Mitte des 21. Jahrhunderts ein wesentlicher Anstieg der jahresdurchschnittlichen Lufttemperatur zu erwarten: um drei bis vier Grad Celsius in Westsibirien und um zwei bis drei Grad Celsius im Norden des europäischen Territoriums des Landes, in Jakutien und entlang der Arktisküste. Die Menge der Niederschläge kann auch um 10 bis 20 Prozent zunehmen. Die Wissenschaftler rufen die Politiker auf, schon heute durchaus bestimmte Schlüsse darüber zu ziehen, dass die Klimaänderungen wesentliche Folgen für die Natur sowie ökonomischen und sozialen Charakters für das Land haben werden.

    Wie paradox es auch scheinen mag, aber die globale Erwärmung kann auch zu einem katastrophalen Kaltwerden führen. Das Auftauen des arktischen Eises kann die Wassertemperatur im Nordatlantik senken, und folglich wird sich das Klima Europas ändern. Die extremste Variante einer solchen Änderung wäre der Verlust der warmen Strömungen, zum Beispiel des Golfstroms. Es gibt Wissenschaftler, die meinen, dass der Golfstrom schon kälter wird. Das ist nicht mehr und nicht weniger als ein Symptom einer neuen Eiszeit. Allerdings wird all das nicht morgen passieren. Oder vielleicht doch?

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren