17:57 23 Januar 2017
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    Ausländer steigen ins russische Mediengeschäft ein

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    MOSKAU, 6. Juli (Alexander Jurow, politischer Kommentator der RIA Nowosti). Die kommerzielle Medienholding RTL, die größte in Europa, kauft den Gründern und Besitzern der russischen Fernsehgesellschaft Ren-TV, Irena und Dmitri Lesnewski, 30 Prozent ihrer Aktien ab.

    Nach Abschluss des Geschäfts bekommen RTL und der deutsche Mediengigant Bertelsmann, zu dem dieser Fernsehkanal gehört, die Aktienmehrheit der Ren-TV. Wenn die russischen Kontrollorgane das Geschäft billigen, so wird es in Russland erstmalig ein Sendehaus mit einem wesentlichen Anteil ausländischen Kapitals geben.

    Die Höhe des Geschäfts wird von der RTL Group nicht publik gemacht. Aber 2000, als der bekannte russische Politiker Anatoli Tschubais, Leiter der größten russischen Energiegesellschaft RAO EES, 70 Prozent der Aktien derselben Ren-TV kaufte, genügten ihm 30 Millionen Dollar. Nunmehr wird unter dem Druck des Staates, der von der RAO EES verlangt, in den nicht zweigspezifischen Aktiva Ordnung zu schaffen, ein neues Geschäft initiiert. Die Energetiker sind gezwungen, ihre Beteiligung am Mediengeschäft aufzugeben. Das tun sie - mit einem ansehnlichen Gewinn für sich. Der Pressedienst der RAO EES gab bekannt, diese verkaufe ihr Aktienpaket dem Hüttenkonzern "Sewerstal" für 100 Millionen Dollar. Die Annahme scheint logisch, dass RTL für das Paket der Lesnewskis einen entsprechenden Betrag - an die 50 Millionen Dollar - wird zahlen müssen.

    Diese Aktiva sind als aussichtsreich zu bezeichnen. "Fünf russische Sender, zu denen auch Ren-TV gehört, teilen sich heute 36,2 Prozent des gesamtnationalen Auditoriums", erklärte vor kurzem Patricia Cloherty, Vorsitzende des Amerikanisch-Russischen Investmentfonds, bei Anhörungen im US-Senat. Betont sei, dass der Markt der TV-Werbung in den letzten vier Jahren in einem Tempo von beinahe 50 Prozent wächst und bereits 47 Prozent des gesamten russischen Werbemarktes ausmacht.

    Ren-TV begann seine Sendungen 1997 und ist heute einer der größten russischen privaten Kanäle mit Zuschauern auf dem ganzen Territorium Russlands. Sie vereinigt 354 unabhängige Sendegesellschaften in Russland und GUS-Ländern. Die Programme dieser Kanäle werden in mehr als 700 Ortschaften empfangen, von Kaliningrad im Westen bis zu Süd-Sachalinsk im Osten. Dazwischen liegen alle Großstädte mit einer Einwohnerzahl von mehr als einer Million: Moskau, Sankt Petersburg, Nischni Nowgorod, Samara, Jekaterinburg, Kasan und Nowosibirsk. Das potentielle Auditorium des Kanals zähle 95 Prozent der Zuschauer, heißt es in einer offiziellen Auskunft von Ren-TV.

    Aber obwohl Ren-TV allein in Moskau (Stadt und Gebiet) ein riesengroßes Auditorium - über 12 Millionen Personen - hat, ist die Sendequalität bei weitem nicht für alle diese potentiellen Zuschauer zufriedenstellend. Mit anderen Worten, Investitionen in neue Ausrüstungen werden früher oder später notwendig.

    Es ist zu erwarten, dass der Kanal mit dem Erscheinen eines neuen Mehrheitsaktionärs, der an der Entwicklung des Geschäfts interessiert ist, seine Expansion auf dem Markt fortsetzen wird. Auf eben diese Weise erklärt auch Thomas Rabe, Finanzdirektor der RTL Group, seinen Ankauf: Dieser komme von dem Wunsch, die RTL-Positionen als des einzigen gesamteuropäischen Sendehauses zu festigen.

    Indes hängt die Zukunft des Kanals Ren-TV in vieler Hinsicht vom neuen Besitzer des Kontrollpakets, der Gesellschaft "Sewerstal", ab. Laut Angaben der Moskauer Zeitung "Nesawissimaja gaseta", die von einer informierten Quelle aus der genannten Gesellschaft stammen, plane die "Sewerstal" keinerlei revolutionäre Veränderungen auf dem Kanal und hoffe, dass ihr der nicht zweigspezifische Aktivbestand ganz ansehnliche Dividenden einbringen könne, da das Mediengeschäft in Russland gute Aussichten habe.

    Solche Einschätzungen liefern den Schlüssel, um dieses Ereignisses zu verstehen, obwohl viele Analytiker in Russland von politischen Hintergründen des Geschäftes überzeugt sind. So berichtet die schon erwähnte "Nesawissimaja gaseta" darüber, dass sich der Besitzer der "Sewerstal" Alexej Mordaschow bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen als Wahlvertrauensmann von Russlands Präsident Wladimir Putin betätigt habe und in den Mediengeschäftskreisen als einer seinen aktivsten Anhänger bekannt sei. Deshalb sei der Ankauf des Kanals sicherlich vom Kreml gebilligt worden, behauptet das Blatt, und das Ziel des Abschlusses bestehe darin, die Informationsströme in Russland zu zentralisieren.

    Diese Logik widerspricht jedoch merklich den Prozessen, die sich auf dem inländischen Medienmarkt parallel zu diesem Geschäft vollziehen. Was einige Leute eine "Säuberung der russischen Massenmedien" nennen, hindert merkwürdigerweise einen immer aktiveren Einstieg von Auslandskapital zum Beispiel in den Bereich des Verlagswesens nicht. Im vorigen Jahr kam das Verlagshaus Axel Springer mit den Zeitschriften "Forbes", "Russkij Newsweek" und "Wallpaper" nach Russland. Und nachdem die finnische "Sanoma Magazines" das Kontrollpaket des Verlagshauses "Independent Media" gekauft hat, spricht man in Russland von gemeinsamen Zeitungsprojekten: einem der Moskauer "Iswestija" mit der "New York Times" und einem der "Moscow Times" mit der "International Herald Tribune". Im Herbst werden auf dem Markt der gedruckten Massenmedien die Zeitschriften "Economist" (russischer Partner: Verlagshaus "Independent Media") und "Business Week" (Projekt des Verlagshauses Rodionow) erwartet. Die "Russen" selbst erweitern inzwischen ihre Präsenz in Europa: Das Radio "Echo Moskwy" zum Beispiel hat bereits seine Absicht bekannt gegeben, in der Ukraine eigene Strukturen zu schaffen. Ebendort wird eine örtliche Ausgabe der bisher Moskauer Zeitung "Kommersant" organisiert. Auch die Leitung der Moskauer Zeitung "Wedomosti" prüft zurzeit ähnliche Pläne. Die heutigen Trends auf dem russischen Medienmarkt lassen demnach eher an den Globalisierungsprozess dieses Geschäftsbereiches denken.

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