10:52 20 Januar 2017
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    Doppelstandards sind kein Schutz gegen Terrorismus

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    MOSKAU, 08. Juli (Wladimir Simonow, politischer Kommentator der RIA Nowosti). Warum wurde London als Ziel eines neuerlichen, brutalen Terroranschlags gewählt? Einige Antworten liegen auf der Hand.

    Natürlich ist das in erster Linie die Rache der Al Kaida für Irak und Afghanistan. Die Vereinigten Staaten von Amerika hatten und haben keinen treueren Gefährten im Versuch, den internationalen Terrorismus zu erwürgen. England wird heute darüber nachdenken, wie seine Soldaten rückzuholen sind.

    Aber das ist nur eine der möglichen Erläuterungen.

    Es gibt keinen Zweifel, dass die barbarischen Detonationen in London nicht so sehr an London selbst wie viel mehr an die gesamte politische Elite der Weltgemeinschaft, einschließlich Russlands, die die „Große Acht" bildet, adressiert waren. Die Al Kaida wollte unverkennbar der Welt ihre Fähigkeit demonstrieren, die Hauptstadt eines neuen G8-Gipfels vor den Augen der Spitzenvertreter der Antiterrorkoalition ins Chaos zu stürzen und ungestraft zu verschwinden.

    Das war ein Schlag gegen das gesamte Weltsystem der humanistischen Werte, an das zu denken wir gewohnt sind.

    Das ist auch ein weiterer Beweis dafür, dass der Kampf gegen den Terrorismus von lokalen Kriegen und vereinzelten Sonderoperationen zu einer viel sorgfältiger koordinierten Schlacht übergehen muss. Vor allem von Worten zu Taten. Von unzähligen Deklarationen - die nächste davon wurde auf ebenjenem Gipfel in Gleneagles angenommen - zur Gründung von tatsächlich effektiven Antiterrorzentren, zur Einführung von einheitlichen elektronischen Systemen der persönlichen Identifikation und zur Umorientierung der NATO von der Einkreisung Russlands auf die Einkreisung der Terroristenlager und zu anderen realen Maßnahmen.

    Solcher gewichtigen Taten gibt es vorläufig nicht viel. Deshalb liegt der Sieg über die Al Kaida und ihr Heer von Mördern noch in weiter Ferne. Eben darin besteht, wie schmerzhaft es auch sein mag, dies anzuerkennen, die Hauptlehre der Tragödie in London vom Donnerstag, bei der 37 Personen ums Leben kamen und mehr als 1000 verletzt wurden.

    „Wir tun zu wenig dafür, um unsere Anstrengungen im Kampf gegen den Terrorismus auf effektive Weise zu vereinigen", sagte Wladimir Putin bei seiner Beileidsbekundung in Schottland.

    Der Angriff auf London schockierte die Weltgemeinschaft auch deshalb, weil nur einige wenige darauf gefasst waren.

    Nach der Sprengung eines Pan-Am-Flugzeuges über dem schottischen Dorf Lockerbie im Jahr 1988 befand sich Britannien im Laufe von vielen Jahrzehnten gleichsam unter einer unsichtbaren Kappe, die es vor einer terroristischen Gefahr zuverlässig schützte. Bomben explodierten in New York, Madrid, Moskau und in anderen Städten, aber nur nicht in der britischen Hauptstadt, die das Auge mit ihren Grünanlagen und das Gehör mit dem friedlichen Rieseln von Fontänen erfreute.

    In der Vorstellung der Behörden konnte der Terrorismus seinen Hass auf Amerikaner, Spanier und Russen, aber keinesfalls auf Engländer ergießen. Wie du mir, so ich dir. In Britannien handeln algerische, ägyptische und tschetschenische radikale Gruppen nach wie vor frei. Die Moschee im Finsbury-Park war im Laufe von vielen Jahren ein Zentrum für die Anwerbung islamistischer Terroristen für Tschetschenien und für das Sammeln von in Millionen gehenden finanziellen Spenden für dieselben Zwecke. Aber das beunruhigte am wenigsten die englischen „Bobbies". Tschetschenien sei nicht London, sagten sie.

    Im Jahr 1999 fand der Kongress „Dschihad gegen Russland" in der britischen Hauptstadt offen statt, auf dem die Moslems zur Tötung von Andersgläubigen aufgerufen wurden. In demselben Geiste dieser Aufrufe wurde ein Drehteam des russischen TV-Kanals ORT verprügelt. Dieser wilde Zwischenfall hatte keine gerichtliche Fortsetzung.

    Die Konten der Al Kaida bei britischen Banken wurden erst vor einem halben Jahr gesperrt. Der radikale Imam Abu Hamza al-Masri wurde im vorigen Jahr verhaftet. Aber dafür war ein US-Antrag erforderlich. Auf das offizielle London machte es absolut keinen Eindruck, dass zwei besonders fleißige Zuhörer der Predigten des Imams an der Einnahme einer Schule in Beslan teilnahmen und von Angehörigen der russischen Spezialeinzeiten erschossen wurden. Aus den Fenstern der Downing Street 10 schien es ihnen damals, dass all das irgendwo am Rande der Welt passierte. Sie dachten, dass dies das Schicksal Britanniens selbst nicht betraf. Solange, bis die Explosionen am Donnerstag donnerten.

    Wie es sich herausstellte, bieten Doppelstandards keinen Schutz vor terroristischen Schlägen. Die Al-Kaida-Leute schreckten nicht davon zurück, den Ast abzusägen, an dem sie so lange saßen.

    Die Bitterkeit dieser Gedanken über die Doppelstandards hindert die russischen Bürger nicht daran, den Schmerz zu teilen, den heute die Bürger Großbritanniens empfinden. Zum Gebäude der britischen Botschaft in Moskau tragen Menschen Blumen. Nachts werden dort Gedenkkerzen angezündet. Russland musste selbst über 400 Menschen beklagen, die bei terroristischen Explosionen in Häusern, in der Moskauer U-Bahn und beim Sturm auf das Theaterzentrum an der Dubrowka ums Leben kamen, und etwa 1200 Verletzte mussten gepflegt werden. In diesen Trauertagen verstehen die russischen Bürger wie auch die Einwohner anderer Länder, die unter dem internationalen Terrorismus gelitten haben, die Engländer sehr gut.

    Nunmehr gilt es, dieser gemeinsamen Trauer den Charakter einer wirksamen globalen Kraft zu verleihen.

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