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    G8: Öl - ein Schlüssel zur Stabilität

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    MOSKAU, 08. Juli (Dr. oec. Igor Tomberg, führender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für internationale ökonomische und politische Studien an der Russischen Akademie der Wissenschaften, für RIA Nowosti.)

    Nicht einmal der terroristische Angriff auf London konnte die Politiker der "Großen Acht" von der Erörterung des Hauptproblems der Weltwirtschaft ablenken. Dieses Problem heißt: Sicherung stabiler Öllieferungen auf die Weltmärkte und Verhinderung des hemmungslosen Ölpreisanstiegs, der bereits das Wirtschaftswachstum bedroht.

    Schon vor der Tagung der G8 war klar, dass der wichtigste "reale" Gegenstand des diesjährigen Gipfeltreffens Probleme der Energetik sein würden. Bereits Mitte Juni teilte US-Präsident George Bush mit, beim bevorstehenden Treffen der führenden Politiker der "Großen Acht" wolle er von einer Senkung der globalen Nachfrage nach Erdöl sprechen, darunter in den Ländern Asiens, deren Bedarf an diesem Produkt heute dessen hohe Weltpreise mit bedinge. Wie er weiter sagte, seien gegenwärtig nur 35 Prozent des in den USA zur Verarbeitung kommenden Erdöls amerikanischer Herkunft, während die restlichen 65 Prozent von außen auf den amerikanischen Markt kämen, und das hauptsächlich aus Staaten, die in politischer Hinsicht nicht gerade "ruhig" seien.

    Bei der Erörterung der Energiethematik in der schottischen Kleinstadt Gleneagles wurde Russland die Hauptrolle zuerkannt. Nach allgemeiner Meinung der Experten wollen die westlichen Partner von Moskau, dass Russland vor allem den Weltmarkt, in erster Linie die USA, stabil mit Energieressourcen beliefere. Man kann dem Präsidenten der Moskauer Consulting-Gesellschaft "Neokon", Michail Chasin, zustimmen, der sagte: "Der neuerdings oft gebrauchte Begriff ‚Energiesicherheit' läuft in Wirklichkeit darauf hinaus, die Sicherheit des amerikanischen Marktes vor ungenügenden Öllieferungen zu gewährleisten." Daher rühre die erhöhte Besorgnis der westlichen Gesprächspartner über die Perspektiven des Baus einer Erdölleitung in Richtung Murmansk, die auf Lieferungen an die USA orientiert ist. Europa ist seinerseits an einer Erhöhung der russischen Brennstofflieferungen interessiert, weshalb es sich für die baldigste Verlegung der Nordeuropäischen Gasrohrleitung zum Transport der Rohstoffe nach Deutschland und Großbritannien einsetzt.

    Recht auffällig ist das Interesse der führenden Politiker der westlichen Welt, vor allem der amerikanischen Führung, für die Ölpipeline im russischen Fernen Osten, und dieses Interesse hat eher ein negatives Vorzeichen. Die Amerikaner sind außerordentlich darüber besorgt, dass das Erdöl von Ostsibirien schließlich in China mündet - siehe die oben zitierte Äußerung von George Bush darüber, dass der Ölverbrauch hauptsächlich durch Asien (das heißt China und Indien) hochgetrieben werde.

    Gesagt sei, dass die russische Führung, die sich darüber völlig klar war, dass die Erörterung der Energiethematik sein musste, dazu auch bereit war. Heute versicherte Russlands Präsident Putin während der Diskussion über das Problem einer stabilen ökonomischen Entwicklung seinen Partnern auf dem Gipfeltreffen, Russland werde alles tun, um stabile Lieferungen der Energieträger zu gewährleisten.

    Wie eine Quelle aus der russischen Delegation der RIA Nowosti berichtete, berichtete Russlands Präsident den Partnern über die konkreten Pläne auf dem Gebiet der Energieversorgung. So teilte er mit, dass Russland gegenwärtig 470 Millionen Tonnen Erdöl jährlich fördert und einen Großteil davon exportiert. Der Präsident betonte, dass Russland alles tun werde, um die Transportinfrastruktur zur Versorgung der Partner mit Energieressourcen zu entwickeln.

    Der Präsident informierte seine Kollegen aus der G8 ausführlich über das Projekt des Baus einer Ölpipeline in Richtung Ferner Osten, über die Pläne des Baus einer Erdölrohrleitung von Sibirien zum Weißen Meer, die die Öllieferungen in die USA stimulieren wird, über das Transportsystem bis Noworossisk und das Baltische Transportsystem.

    Es ist eindeutig, dass der von der russischen Delegation angeschlagene konstruktive Ton des Dialoges über die in letzter Zeit akuter gewordene Ölproblematik die beste Methode ist, einen übermäßigen kollektiven Druck der übrigen Mitglieder der "Großen Acht" zu vermeiden und hierbei die eigenen Positionen zu bewahren. Diese Positionen laufen, wie das auch im Westen sehr wohl verstanden wird, auf das für die eurasische Macht natürliche Streben hinaus, "auf beiden Füßen zu stehen". In der Praxis transformiert sich die früher eindeutige Orientierung auf Europa und die USA allmählich in eine Art Äquidistanz, und zwar durch Annäherung an die asiatischen Großmächte China und Indien. Es handelt sich nicht um die Schaffung von Bündnissen oder Blöcken; wichtig ist schon eine Demonstration der gegenseitigen Anziehung und Interessiertheit. Das jüngste Beispiel ist der Aufruf der Länder der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit, in der Russland und China ganz vorne stehen, an die Amerikaner, sich ernsthafte Gedanken über den Abzugstermin ihrer Militärstützpunkte aus Zentralasien zu machen. Dies nur als eines der Beispiele dafür, wie die "asiatische Drei" gemeinsame Interessen demonstriert.

    Es ist augenscheinlich, dass das wichtigste zementierende Moment in der Zusammenarbeit Russlands mit China und Indien die russischen Energieressourcen sind. In letzter Zeit erhalten unsere asiatischen Nachbarn allmählich Zugang dazu. Außerdem haben China und Indien im Zuge der zwischenstaatlichen Austausche durchaus überzeugende Versicherungen auf höchster Staatsebene in dem Sinne erhalten, dass Russland ihnen auch künftig Energieträger liefern werde.

    Der Bericht von Präsident Putin in Gleneagles verrät die Gewissheit von Moskau in sein eigenes Vermögen, auf die Ölmärkte der Welt einen stabilisierenden Einfluss auszuüben, wie auch sein durchaus gerechtfertigtes Streben, in der weltweiten Energiepolitik in zunehmendem Maße mitzureden.