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    USA und Nahost

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    MOSKAU, 12. Juli (Jewgeni Satanowski, Präsident des Instituts für den Nahen Osten - RIA Nowosti). Führt die amerikanische Politik im Nahen Osten zum Sieg oder zu einer Niederlage? Die taktischen Schritte der USA in der Region sind zwar oft erfolgreich und lassen sie kurzzeitige Erfolge erzielen, führen jedoch in der Regel zu strategischen Katastrophen.

    Die Amerikaner werden leicht mit ihren Konkurrenten fertig. Sie kontrollieren die Situation in den früheren Kolonien Großbritanniens und Frankreichs besser als London und Paris, die südlichen Grenzen Russlands - besser als Moskau. Sie sind dort unbeliebt, werden aber als Gegenpart zu den einstigen Patronen geduldet. Das bedeutet aber, dass auch die ganze Verantwortung für das Geschehen in der Region auf Washington lastet. Das Problem besteht darin, dass die Interessen der USA global, ihre militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen aber nicht uneingeschränkt sind.

    Die UdSSR hat seinerzeit im Versuch, die Welthegemonie zu errichten, ihre Kräfte erschöpft. Amerika ist reich und hat im Unterschied zur Sowjetunion keine Gegner, die in der Lage wären, es offen im militärischen Bereich herauszufordern. Die Okkupation von Afghanistan und Irak hat das Problem mit sich gebracht, dass die USA in naher Zukunft entweder die Wehrpflicht einführen oder viel größere Militärkontingente anderer Länder als bisher beschaffen müssen. Die Frage besteht darin, wozu das die zukünftigen Mitglieder der Koalition brauchen.

    Es fällt natürlich nicht leicht, die Sympathien der Verbündeten zu bewahren, wenn mit demonstrativem Egoismus deren Interessen ignoriert werden. Noch schwerer fällt es, wenn sie unter ununterbrochenen Druck gesetzt werden. Der zweite Krieg am Persischen Golf provozierte die Opposition Frankreichs, Deutschlands und Russlands gegen die Handlungen der USA. Die Politik der Amerikaner gegenüber den Kurden kühlte die amerikanisch-türkischen Beziehungen stark ab. Der beispiellose Druck auf Israel wegen dessen Kontakten zu China im militärtechnischen Bereich und wegen der palästinensisch-israelischen Regelung, die sich für Israel in einen zehnjährigen Krieg auf eigenem Territorium verwandelte, ließ die Israelis davon sprechen, dass Amerika sie "in der Umarmung erwürge".

    Die USA versuchen mit dem gleichen "Erfolg", die westliche Demokratie in den Nahen und Mittleren Osten, die nach eigenen Gesetzen leben, zu exportieren, wie die Sowjetunion versucht hatte, den Sozialismus dorthin zu exportieren.

    Bekanntlich nimmt der Sozialismus in diesem Teil der Welt Merkmale des Nazismus an, und die Demokratie führt dort unvermeidlich zur Macht der islamistischen Radikalen. Wenn die Führung der USA das nicht begreift, so bedeutet das, dass sie entweder das nahöstliche Boot bewusst ins Schaukeln bringen will oder dass sie nach dem Grad der Adäquatheit bereits dem sowjetischen Politbüro nahe ist.

    Äußerst widersprüchlich ist die Einstellung der amerikanischen Administration zum Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen, darunter auch von Kernwaffen, in der Region. Es geht hierbei nicht um Israel, einer stabilen Demokratie von westlichem Typ mit entwickelter Wirtschaft, das wegen der angespannten Beziehungen zu den Nachbarländern keine Quelle der Weiterverbreitung von Technologien zur Produktion von Massenvernichtungswaffen ist, sondern um Pakistan und Iran. Das instabile Pakistan, dessen Regierung sich unter dem ständigen Druck der konservativen Geistlichkeit, die die afghanischen Taliban hervorgebracht hat, und der Oberhäupter der Paschtunenstämme befindet, ist eine Atommacht. Gerade pakistanische Wissenschaftler wurden bei der Verbreitung von Nukleartechnologien in der islamischen Welt "auf frischer Tat ertappt", es erfolgten aber keine Sanktionen gegen Pakistan.

    Statt dessen richtete Washington sein Augenmerk auf Iran, das gerade wegen des amerikanischen Drucks in raschem Tempo dem Status einer Atommacht entgegenschreitet. Das Beispiel Pakistans und Nordkoreas, das Schicksal von Irak, das nicht dazugekommen war, Kernwaffen zu herzustellen, stimulieren Iran dazu, den Nachbarn in Eurasien - Pakistan, Indien, China und Russland - in den "Atomklub" zu folgen.

    Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus, der von Präsident Bush nach den Terrorakten vom 11. September zur Grundlage der Außenpolitik der USA erklärt worden ist, erinnert an die Abrechnung mit den alten Gegnern Amerikas - Iran und Irak. Im Rahmen der Kampagne gegen den Terrorismus besetzen die USA die Brückenköpfe auf den Transportwegen von Energieträgern wie auch an den Zugängen zu China, dem einzigen Land, das fähig ist, Amerika in der mittelfristigen Perspektive herauszufordern. All das fördert nicht so sehr die Solidarität mit den USA als vielmehr das Zusammenzimmern von Blocks, Allianzen und Bündnissen, die der amerikanischen Expansion Einhalt gebieten können. Daran nehmen keine Feinde Amerikas, sondern seine Partner teil, die darüber besorgt sind, dass im Verlaufe dieser Expansion weder ihren nationalen Interessen noch der Überlebensfähigkeit der regierenden politischen Eliten Rechnung getragen wird.

    Der Beschluss der Länder der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), die Frage des Abzugs der amerikanischen Militärs aus Zentralasien aufzuwerfen, ist eine direkte Folge der Revolutionen in Georgien und Kirgisien wie auch des islamischen Aufstandes in Usbekistan. Ob die USA hinter diesen Ereignissen stehen oder einfach ihre Unterstützung der "revolutionären Massen" demonstrieren, ist nahezu ohne Belang. Eine Destabilisierung unter demokratischen Losungen ist für Transkaukasien und Zentralasien nicht weniger gefährlich, als für Nordafrika, den westlichen Mittelmeerraum und die Arabische Halbinsel. Das Beispiel von Irak führte vor Augen, dass die Amerikaner schnell jedes Regime in der Region beseitigen können, jedoch nicht in der Lage sind, die Sicherheit der Bevölkerung nach dem Sturz des autoritären Herrschers zu gewährleisten.

    Der Sturz der afghanischen Taliban, Nachfolger des amerikanischen Kampfes gegen die UdSSR, hat das Leben in Afghanistan nicht normalisiert, es aber in das führende Weltzentrum für Drogenproduktion verwandelt. Die Okkupation von Irak hat die Einwohner des Landes zwar von der Diktatur Saddams erlöst, aber nur, um ihnen die Freiheit zu gewähren, einander zu töten. Irak ist zum Schauplatz eines Bürgerkrieges und zum Laboratorium für die Erzeugung islamischer Terroristen geworden. Es bestehen kaum Zweifel daran, dass das Schicksal der "zu demokratisierenden" Länder Syrien und Ägypten gleich sein wird.

    Die Vertreibung der syrischen Militärangehörigen aus Libanon hat ihn an den Abgrund eines neuen Bürgerkrieges gebracht. Tragisch ist das Schicksal der ethnischen und religiösen Minderheiten des Nahen Ostens, die als erste dem Kollaps der herrschenden Regimes zum Opfer gefallen sind. Christliche Gemeinden in Palästina und Irak gehen zugrunde, in Libanon beschließen sie die letzte Epoche, und das ist in erster Linie eine Folge der amerikanischen politischen Experimente.

    Früher waren die Amerikaner im Nahen Osten unbeliebt, wurden aber gefürchtet und beneidet. Man strebte danach, langfristige Beziehungen zu ihnen anzubahnen, man nahm sich an ihnen ein Beispiel. Heute werden sie gehasst, aber nicht gefürchtet, sie werden ausgenutzt, man distanziert sich von ihnen. Die amerikanische Lebensweise, das Bildungssystem, der Staatsaufbau und die Wirtschaft sind nicht mehr nachahmenswert.

    Der militärische und finanzielle Druck ermöglicht Amerika, im Nahen Osten vieles zu erreichen. Leider läuft die amerikanische politische Tradition darauf hinaus, erst dann eine richtige Entscheidung zu treffen, nachdem alle falschen erprobt worden sind. Der Preis dafür sind nicht nur kolossale wirtschaftliche Verluste und politische Fehlschläge, sondern auch Menschenopfer. Und doch lohnt es sich, die USA auslachend, ihnen misstrauend, betrübt über die Zerstörungen, die sie auf Schritt und Tritt anrichten, sich über ihre Fehler entsetzend, ihnen dennoch Erfolg zu wünschen und ihnen sogar gegen den eigenen Wunsch zu helfen. Denn eine Niederlage der USA im Nahen Osten wird die ganze Welt sehr teuer zu stehen kommen. Die Explosionen in London haben das erneut gezeigt.

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