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    Bayern und Russland – Zusammenarbeit ohne Vorurteile und Aberglauben

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    MOSKAU, 13. Juli (Boris  Kaimakow, Kommentator  der RIA Nowosti). Der Russland-Besuch von Dr. Otto Wiesheu, bayerischer Staatsminister für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie, begann am 13. Juli.

    Die Dreizehn gilt in Russland als ausgesprochene Unglückszahl. Die Geschäftsleute sind bereit, an jedem beliebigen Tag mit der Erörterung von Projekten zu beginnen - nur nicht am 13. Doch die beiden Deutschen, der Eine aus München, der Andere aus Moskau, der Wirtschaftsminister von Bayern Otto Wiesheu und der Wirtschaftsminister von Russland German Gref, schienen diesem Umstand nicht viel Beachtung zu schenken. Die bayerisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen sind so weit gediehen, dass man es sich leisten kann, alten Aberglauben zu ignorieren. Kennzeichnend dabei ist, dass beide nicht müde werden, ihre Genugtuung über die Zusammenarbeit zu betonen. Das letzte Mal tat Wiesheu das im vorigen Jahr während der Tage der Bayerischen Wirtschaft in Moskau, als er Delegationschef war. Was Minister Gref anbelangt, so geizte er in der Zeitschrift „Diplomat“, die dem russischen Außenministerium nahe steht, nicht mit Komplimenten. Wiesheu schätzte damals das wirtschaftliche Wachstumstempo in Russland hoch ein, was Gref natürlich sehr gern hörte. Das gab er denn durch seinen Beitrag für die Zeitschrift „Diplomat“ zu verstehen, indem er seinem Kollegen darin zustimmte, dass „sich die bayerisch-russischen Beziehungen ausgezeichnet entwickeln“. Direkt vom Flughafen sollte sich Dr. Wiesheu zu Gref begeben, mit dem er sich bereits wiederholt getroffen hatte. Und plötzlich spielte die «Unheilige 13» doch ihre böse Rolle. Ministerpräsident Fradkow rief Gref zu einer dringenden Beratung. Das Treffen wurde auf den 15. Juli verlegt. Deshalb wird der Minister sich in diesen beiden Tagen mit bayrischen Unternehmern treffen, kann die Erfahrungen aus diesen Gesprächen beim Treffen mit Gref zweifelsohne nutzen.

    Insgesamt sei gesagt, dass schon allein das Programm des Moskauer Aufenthalts von Minister Wiesheu von dem hohen Niveau der Verhandlungen in der russischen Hauptstadt zeugt: Daran beteiligen sich Minister der führenden russischen Ministerien, die Moskauer Behörden und Oligarchen. Der Oberbürgermeister von Moskau, Juri Luschkow, sagte gelegentlich, er würde sehr gern eine Erklärung dafür hören, warum gut die Hälfte der deutschen Firmen, die in Moskau arbeiten, aus Bayern käme. Zugleich unternimmt gerade Luschkow sehr viel, um die Entsendung seiner Top-Manager zu einem Praktikum nach Bayern zu aktivieren. Warum? Erstens macht man in dem Moskauer Bürgermeisteramt kein Hehl daraus, dass man von Bayern in Unternehmen wie BMW und Siemens recht viel lernen kann. Den zweiten Grund formulierte der Vertreter Bayerns in Russland, Michail Logwinow, recht treffend. Er behauptet, die Bayern und die Russen hätten eine sehr ähnliche Mentalität. „Sie handeln auf den russischen Märkten kühner und dynamischer als Unternehmer aus den anderen Bundesländern Deutschlands“.

    Und mag es auch etwas übertrieben sein, so liefert es doch eine gewisse Erklärung für das „bayerische Wirtschaftswunder in Russland“.

    Der Umfang des bayerisch-russischen Außenhandels ist phantastisch. Für bayerische Unternehmen ist Russland ein wichtiger Wirtschafts- und Handelspartner.

    In den letzten fünf Jahren hat sich der bayerisch-russische Warenaustausch auf 5,16 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Die bayerischen Importe aus Russland sind 2004 gegenüber dem Vorjahr um 8,8 Prozent gestiegen. Sie haben den Wert von 3,22 Milliarden Euro und damit einen Anteil an der gesamtdeutschen Einfuhr aus Russland von knapp 20 Prozent erreicht.

    Im Gegenzug haben die Lieferungen bayerischer Produkte nach Russland im Wert von 1,94 Milliarden Euro um 27,8 Prozent zugenommen, das sind 12,9 Prozent des Bundesexports.

    Das Interesse der bayerischen Wirtschaft gilt der Intensivierung der Handelskontakte und darüber hinaus zunehmend dauerhaften Kooperationen mit russischen Partnern zum Aufbau von Produktions- und Dienstleistungsbetrieben. Ziel dieser Reise von Dr. Wiesheu ist es, in Gesprächen mit den Regierungsvertretern der Stadt und des Gebietes Moskau und der Russischen Föderation die Zusammenarbeit vor allem in den Bereichen Bau/Infrastruktur, Verkehrslenkung, Medizintechnik/Krankenhaustechnologie, Energie- und Umwelttechnologie sowie IT/Software/Materialforschung weiter voranzubringen.

    Die bayerischen Unternehmer investieren immer aktiver in die russische Wirtschaft. Das vielleicht anschaulichste Beispiel ist die Tätigkeit der Firma Knauff. Binnen zehn Jahren investierte dieser Familienbetrieb in die Produktion von Baustoffen in Russland über 400 Millionen Euro. Ihre nächsten Pläne umfassen den Bau von drei weiteren automatisierten Betrieben für die Baustoffproduktion bei Moskau. Das wird Knauff 200 Millionen Euro kosten.

    Einer guten Nachfrage erfreuen sich die in Russland hergestellten Erzeugnisse der bayerischen Firmen Ehrmann (Joghurts), Hochland (Schmelzkäse), Osram (Glühlampen), Bosch (Gasherde und andere Haushaltsgeräte) u. a.

    Wohlbekannt sind in Russland die Produkte des Weltgiganten Siemens, von BMW, Audi, Mann und anderen Großfirmen.

    Doch wäre es falsch zu glauben, Gref drücke ein Auge zu, wenn in der russisch-deutschen Wirtschaftszusammenarbeit Probleme anfallen. Ihm wird vorgeworfen, Russland sei heute nur ein Rohstoffanhängsel des Westens. Einmal gab er das nicht ohne Bitternis zu und erklärte: Obwohl der Warenumsatz mit Deutschland bei über 25 Milliarden Euro liege, beruhe die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern doch hauptsächlich auf Rohstoffen.

    Russische Experten formulierten diese Sorge Grefs wiederholt in den Sitzungen der Gemeinsamen Arbeitsgruppe Moskau - Bayern. Die letzte dieser Sitzungen fand im Februar statt. Wenn alles so geht, wie die Experten es vorzeichnen, wird es gelingen, diese Rohstoff-Lastigkeit zu überwinden. Es gibt gemeinsame Projekte, in denen das Streben der Seiten nach der Entwicklung von modernen Hochtechnologien seinen Ausdruck findet. Und wenn Bayern erst beim Wettbewerb der Architekten um die Rekonstruktion des „deutschen“ Bezirks Lefortowo (einst Lieblingsviertel Peters I. in Moskau) siegt, wird es zur Architekturgeschichte von Moskau eine „goldene Seite“ beitragen.

    Die in Russland engagierten bayerischen Unternehmer wissen sehr wohl, dass es sich in diesem Land nicht leicht arbeitet. In einem Interview für die russische Zeitschrift „Business“ erwähnte Dr. Wiesheu diese Besonderheit. Und er fügte hinzu, dass es in Russland Probleme mit dem Unterschied in der legislativen Basis auf föderaler und regionaler Ebene gebe. Doch bestünden auch Probleme wegen einer mangelnden Übereinstimmung von russischen und internationalen Gesetzen. Vor kurzem behandelte die Presse einen Fall der bayerischen Firma Lindner, die in Moskau als Produzent von Ausbaustoffen bekannt ist. Ihre in Europa patentierten Erzeugnisse waren auch in Russland gefragt. Zum Beispiel haben einige Ministerien in Moskau auf ihre Erzeugnisse zur Innenausstattung zurückgegriffen. Die Firma wollte bei Moskau eine eigene Produktion eröffnen, wurde jedoch von zwei Bürgern Russlands beschuldigt, gegen ihre Rechte als Besitzer der Patente für gerade diese Ausbaustoffe verstoßen zu haben. Den Vertretern von Lindner wurde angeboten, die Sache zu vertuschen, wenn die Firma von jedem Quadratmeter der erzeugten Stoffe eine „Entschädigung für den moralischen Schaden“ zu zahlen bereit sei. Die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti bemerkte dazu in einem Kommentar, dass Moskau sehr wohl begreife, wie negativ derartige Probleme den weiteren Ausbau der wirtschaftlichen Aktivität und die Investitionstätigkeit des Westens beeinflussen können.

    Dr. Wiesheu ist   über dieses Problem im Bilde und er gab in einem Interview zu verstehen, dass er  mit den Vertretern der Moskauer Stadtregierung darüber zu sprechen wünsche.

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