03:22 23 Januar 2017
Radio
    Meinungen

    Den nichtnuklearen Ländern wird der Nutzen der Kernenergie angeboten, aber nicht die Kerntechnologien

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 5 0 0

    MOSKAU, 14. Juli (Tatjana Sinizyna, Kommentatorin der RIA Nowosti.)

    Die IAEA hat einen qualitativ neuen Schritt zur Festigung des Nichtweiterverbreitungsregimes für empfindliche (nukleare) Technologien getan und als Handlungsort Moskau gewählt. Die 227 Teilnehmer der Internationalen Konferenz "Mehrseitiges technisches und organisatorisches Herangehen an den Spaltstoffkreislauf zwecks Festigung des Nichtweiterverbreitungsregimes", die aus 22 Ländern der Welt gekommen sind, erörtern am 14. und 15. Juli, wie man künftig mit den Abfällen der nuklearen Branche am zweckmäßigsten verfährt. Als Organisatorin und Empfangsseite handelte Russlands Föderale Atomenergiebehörde ("Rosatom") in Weiterentwicklung der Initiative der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). "Die Moskauer Konferenz ist erst der Anfang des Weges, am wichtigsten ist, dass das Eis sozusagen gebrochen ist, wir haben die Bewegung zu einem guten Ziel begonnen", kommentierte der stellvertretende IAEA-Direktor Juri Sokolow das Ereignis.

    Das Ziel aber heißt: ein Fazit zu ziehen aus einer mehr als einjährigen Erörterung des Vorschlags, den der IAEA-Direktor Muhammed El-Baradei formulierte. "Das Wesen dieses Vorschlags besteht darin, eine internationale Ordnung auszuarbeiten, bei der diejenigen Staaten, die Technologien der Herstellung von Kernbrennstoff und des Umgangs damit besitzen sowie Erfahrungen beim Bau von Kernkraftwerken haben, garantiert jene Staaten, die ihre Kernenergetik entwickeln wollen, mit Brennstoff beliefern (sowie diesen verarbeiten und lagern),", erläutert Alexander Rumjanzew, Leiter der Föderalen Atomenergiebehörde Russlands. "Auf diese Weise wird diesen Ländern angeboten, die Vorteile der Kernenergetik in reiner Form zu genießen."

    Russland besitzt langjährige Erfahrungen bei garantierten Lieferungen des Brennstoffs und seiner Rückführung zwecks Lagerung und Verarbeitung. Nukleare Forschungsreaktoren wurden nach sowjetischen Projekten in 17 Ländern der Welt gebaut, darunter in ehemaligen Unionsrepubliken der UdSSR, in osteuropäischen und fernöstlichen Ländern des versunkenen "sozialistischen Lagers" sowie in zwei arabischen Staaten: Libyen und Ägypten. Russlands Möglichkeiten, auch heute erfolgreich auf dem Markt der Kernbrennstoffe zu arbeiten, könnten durchaus ihre praktische Formen gemäß den Methoden finden, die Herr El-Baradei vorgeschlagen hat. Wie Sokolow sagte, "hält die IAEA die diesbezüglichen Erfahrungen Russlands für wertvoll und wichtig".

    Es ist kaum vorstellbar, dass heutzutage 1,6 Milliarden Menschen überhaupt keinen Zugang zur Elektroenergie haben. So verbraucht das afrikanische Ghana lediglich 80 Watt pro Kopf der Bevölkerung im Jahr, das ist die bescheidene Leistung einer mittleren Glühbirne. Das Problem einer nachhaltigen Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft zwingt dazu, nach zuverlässigen Energiequellen zu suchen, und hier gibt es für die Kernenergie vorläufig keine ernst zu nehmenden Alternativen. Die so genannten "sauberen" regenerierbaren Quellen (Sonnen-, Wind-, Flut- und Ebbeenergie usw.) halten bisher keinen Vergleich mit der Macht der Atomkernteilung aus.

    Von ihrem Streben nach der Entwicklung der nationalen Kernenergetik sprechen heute Nigeria, Marokko, Algerien, Indonesien, Vietnam, die Türkei und Polen. "Die Lösung des Abschlämmproblems für kleinere Staaten mit einer beschränkten Kernenergetik ist im nationalen Rahmen nicht sehr effektiv", meint Akademiemitglied Rumjanzew. "Damit sich dieser Zweig wirtschaftlich rentiert, muss ein Land mindestens 8 - 10 Atomreaktoren mit einer Leistung von je 1 000 Megawatt haben. Den Iranern haben wir sogar Berechnungen, die das beweisen, vorgelegt. Aber im internationalen Rahmen ist die Bedienung des gesamten Kreislaufs, der mit dem Spaltstoff verbunden ist, durchaus realisierbar und belastet die Wirtschaft nicht übermäßig."

    Das Hauptproblem heißt Schaffung eines Mechanismus der Garantien. Eine der Schlüsselfragen auf der Moskauer Konferenz lautet: Wie kann man den interessierten Ländern einen effektiven und preisgünstigen Zugang zum friedlichen Atom gewährleisten und zugleich die Ausnutzung der nuklearen Technologien zu militärischen Zwecken unmöglich zu machen? In einem Atomreaktor werden die Kernbrennstäbe zerstrahlt, das Uran zerfällt, es entsteht Plutonium. Bei Wunsch lässt sich daraus eine Atombombe zusammenbasteln. Dabei wissen heute viele Länder die Technologie der Uranaufbereitung anzuwenden, so dass sie eine Chance bekommen, unter Umgehung der internationalen Regimes für die Regelung der Exportkontrolle ein nukleares Programm zu verwirklichen. Gerade deshalb wird nach einem Mechanismus gesucht, der die schleichende Ausbreitung der nuklearen Technologien eindämmen könnte.

    Auf der Konferenz ging es nicht ohne Zwischenfälle ab. Vertreter von Green Peace erklärten, das "verborgene Ziel" der Konferenz sei es, in der Region Krasnojarsk (Sibirien) eine internationale Lagerungsstätte von nuklearen Abfällen zu schaffen. Russland verheimlicht nicht, dass es an der Ausschreibung um das Recht teilnehmen will, auf seinem Territorium ein Depot für die Abschlämmung zu bauen. Als Ort kommt das Bergbau- und Chemiekombinat in Schelesnogorsk in Betracht. Nach Ansicht von "Rosatom"-Experten könnten in Krasnojarsk viele Tausende Tonnen des bestrahlten Brennstoffs aus der ganzen Welt aufbewahrt werden. Die nationale juristische Basis erlaubt das: 2001 fasste die Staatsduma ein entsprechendes Gesetz. Dem russischen Fiskus verspricht ein solches Depot einen soliden Gewinn, beinahe 1 Millionen Dollar je Tonne Nuklearschlamm, wobei Schelesnogorsk ganz gute Abführungen für die Lösung der Umweltprobleme (bis zu 25 Prozent des Gewinns) winken.

    "Die Moskauer Konferenz setzt sich nicht das Ziel, zu entscheiden, wo konkret die Lagerungsstätten liegen und welche Länder die Brennstofflieferung monopolisieren würden. Das hängt vom politischen Willen der Staaten und der Entscheidung der IAEA ab", erklärte Alexander Rumjanzew. Er betonte, dass die zur Radiophobie neigende Öffentlichkeit eigentlich dazu berechtigt ist, eine Vorstellung vom Umfang der nuklearen Abfälle, die sich in den 50 Jahren des Bestehens der Kernenergetik angesammelt hat, zu haben. "Er ist nicht so groß, das Ganze würde in einem vieretagigen Haus mit drei Aufgängen Platz finden. Nur - man muss vernünftig handeln", sagte der "Rosatom"-Chef abschließend.