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    Wovon träumt die russische Jugend?

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    MOSKAU, 18. Juli (Wladimir Simonow, politischer Kommentator der RIA Nowosti.) Wie sich herausgestellt hat, werden die Russen im Dritten Weltkrieg siegen.

    Bitte nicht erschrecken, das ist nur eine erdachte Hyperbel, zu der die internationale Werbeagentur BBDO gegriffen hat, um das interessante Ergebnis ihrer Analyse der Stimmung unter der Jugend in acht europäischen Ländern, darunter auch in Russland, zu illustrieren.

    Die Befragung von Männern und Frauen im Alter von 18 bis 31 Jahren, die die Agentur außerdem in Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Schweden und Tschechien durchführte, hat ergeben, dass im Vergleich zu ihren europäischen Altersgenossen eine weit höhere Anzahl der jungen Russen bereit ist, für die Heimat mit der Waffe in der Hand zu kämpfen. Der Anteil der potentiellen Verteidiger des Vaterlandes ist in Russland beinahe doppelt so groß wie in Westeuropa (64 Prozent gegenüber 34 Prozent). Daraus ziehen die Urheber der Befragung ihren Schluss: Im Falle eines hypothetischen militärischen Konfliktes habe Russland mehr Chancen, den Sieg davonzutragen, als die anderen europäischen Länder.

    Ihrer Berufsspezifik treu, serviert die Agentur die Befragungsergebnisse durchaus im Werbungsstil. Das mindert jedoch nicht den Wert der von ihr vorgenommenen Analyse der Stimmungen in der Jugendszene Europas, wo die Russen in Bezug auf viele Kennziffern der Lebensaktivität mit weitem Abstand vorne liegen.

    So blicken die jungen Russen viel optimistischer in die Zukunft als ihre ausländischen Altersgenossen.

    Fast 80 Prozent der Russen (gegenüber 46 Prozent der Westeuropäer) sind überzeugt, dass sie besser als ihre Eltern leben werden. Hier ist natürlich der Einwand möglich, die russische Jugend lebe heute in ihrer Masse schlechter, deshalb habe sie theoretisch einen größeren Raum für die Verbesserung ihrer Lage. Aber eine so entschiedene psychologische Einstellung auf Erfolg ist sehr wichtig, zumal sie sich auch in anderen Bereichen des Lebens bemerkbar macht.

    So ist den russischen Jugendlichen, wie es sich gezeigt hat, in deutlich höherem Grade ein gesunder Ehrgeiz eigen.

    Auf dem einen oder anderen Gebiet berühmt werden möchten in Russland über 40 Prozent, während in den anderen Ländern nur 20 Prozent der Befragten danach streben. Es ist allerdings möglich, dass das nicht einfach mit Ambitionen zusammenhängt, sondern auch damit, dass die ausländischen Altersgenossen den Mechanismus des Berühmtwerdens nüchterner einschätzen. Dort ist man sich vorläufig in höherem Maße bewusst, dass Talent und persönliche Motivation an sich nicht immer zum Aufstieg zu den Stars führt.

    Stark unterschiedlich sind die Ansichten der Russen und der Nichtrussen über das Verhältnis zwischen dem Arbeits- und dem Rentnerzyklus.

    48 Prozent der Westeuropäer halten sich an die Philosophie: "Ich will mir ein Kapital zulegen und meine wohlverdiente Ruhe möglichst jung genießen können." In Russland sind nur 13 Prozent der Jugend zu einem solchen Standpunkt bereit, und auch das nur mäßig überzeugt. Die Übrigen sagen: "Ich möchte arbeiten, solange ich bei Kräften und gesund bin." Daher drängt sich der Schluss auf, dass in Russland eine ganze Generation von Workaholics heranwächst, die beabsichtigen, den sich schnell entwickelnden Markt von Waren und Leistungen für eine angenehme Arbeit zu nutzen.

    Insgesamt weist die russische Jugend eine beinahe doppelt so hohe Lebensaktivität auf wie ihre ausländischen Altersgenossen. Die russischen Jugendlichen wollen am meisten eine Arbeit, die vielleicht schwerer, dafür aber einträglicher ist, einen beruflichen Erfolg, der nationalen oder gar Weltruhm einbringt, und Unterhaltungen, aber nicht erst nach der Pensionierung. Vor allem aber glauben sie, dass man all diese Ziele erreichen könne, wenn man sich voll und ganz auf die eigenen Kräfte verlässt.

    Es mag pathetisch wirken, aber im demokratischen Russland wächst möglicherweise eine Siegergeneration heran.

    Nicht alle politischen Parteien Russlands teilen diese Einschätzung, aber nur wenige zweifeln daran, dass die Jugend an der nationalen Kräftekonstellation beträchtliche Korrekturen vornehmen könne. Niemand vergisst, dass 2007 - 2008, da in Russland die Parlaments- und die Präsidentenwahlen fällig sind, die heutigen 16-jährigen zu den Wählern gehören werden. Und ihre Zahl ist sehr hoch: Allein im laufenden Jahr haben beinahe 1 000 400 Jugendliche ihr Reifezeugnis erhalten und mit dem Abitur ihre ersten Schritte ins Leben getan.

    Während sich Präsident Wladimir Putin früher bei seinen persönlichen Kontakten mit der Bevölkerung auf die Rentner, Veteranen und Kulturschaffenden beschränkte, so sind heute immer häufigere Treffen des Staatsoberhaupts mit jungen Russen zu verzeichnen. Die Jugend wird zu einer Zielgruppe, auf welche der Kreml seinen Einfluss ausdehnen möchte.

    In vieler Hinsicht hängt das wohl mit folgender Erkenntnis der russischen Führung zusammen: Es ist ein unbestreitbarer Fakt, dass die Jugend bei den "samtenen" Revolutionen im postsowjetischen Raum, wenn auch bei weitem nicht die führende, so doch eine zentrale Rolle gespielt hat. In diesem Sinne unterscheidet sich Russland von den Ländern, die solche verfassungswidrigen Erschütterungen durchgemacht haben, nur durch die Ausmaße, was nicht ausschließt, dass Jugendstrukturen im verantwortungsvollen Moment der Machtübergabe, das heißt in drei Jahren, für gleiche Ziele ausgenutzt werden könnten.

    Heute sind in Russland drei Kategorien von Jugendvereinigungen zu beobachten. Eine davon ist eine genaue Kopie der Organisationen vom Schlage der ukrainischen "Pora" oder der georgischen "Kmara" und sonstiger Gruppen mit einem destruktiven Programm. Sie werden sowohl vom Oppositionslager, aber oft auch von außen, über pseudogesellschaftliche ausländische Fonds gelenkt. Die russischen Varianten dieser Richtung sind durch die Jugendflanken der Parteien "Jabloko" und Union der Rechtskräfte, die "Ohne Putin Marschierenden", die "Bürgerverteidigung" und kleinere Zellen von der Art der kämpferischen Nationalbolschewiken vertreten. Gerade diese Kräfte könnten die Triebfeder eines ungesetzlichen Umsturzes werden, wie das in Georgien und der Ukraine geschah. Gesagt sei, dass die Motivation der Mitglieder dieser Jugendstrukturen weniger oppositioneller Art ist. Eher lassen sie sich von dem Wunsch leiten, auf der Straße zu randalieren und zugleich mit ein paar Happenings zu verbinden.

    Zu der zweiten Kategorie der Jugendvereinigungen gehören Menschen, die den heutigen Machthabern ergeben und patriotisch gesinnt sind; hierher gehören vor allem "Die Unsrigen". Sie könnten für den Versuch einer samtenen Revolution in Russland ein unüberwindliches Hindernis bilden. Der Weg verfassungswidriger Umstürze sei für die Bewegung unannehmbar, behauptet der Exponent der "Unsrigen" Wassili Jakemenko. "Der Machtwechsel muss im Rahmen der gesetzlichen Prozeduren erfolgen", sagt er. Und fügt dem hinzu: "Doch wenn es notwendig sein sollte, den Rücktritt eines zu lange auf seinem Posten sitzenden Bürokraten zu erzwingen, sind wir imstande, Tausende unserer Anhänger auf die Straße zu führen."

    Zur dritten Kategorie schließlich ist eine beträchtliche Masse der relativ depolitisierten Jugend zu zählen, die sich vorläufig weit weniger für die Parteienkämpfe interessiert als für den eigenen Erfolg in diesem neuen, demokratischen Russland. Meist ist es gerade die Generation mit einem optmistischen, positiven Lebensprogramm, von deren Existenz die sozialen Umfragen überzeugen.

    Es ist kaum anzunehmen, dass diese jungen Leute ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft um einer "orange" Randale auf dem Roten Platz willen aufgeben würden.

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