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    Spielberg: Hat der Krieg der Welten bereits begonnen?

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    MOSKAU, 19. Juli (Anatoli Koroljow, politischer Kommentator der RIA Nowosti.)

    Die Welturaufführung von Steven Spielbergs Film "Der Krieg der Welten" ist zeitlich mit dem Angriff der Terroristen auf London praktisch zusammengefallen. Aus diesem merkwürdigen Zusammentreffen könnte man gewisse Zeichen des Schicksals der Welt herauslesen.

    Herbert Wells schrieb seinen Roman 1898.

    Das war eine Zeit der allgemeinen Verliebtheit in Technik. Telefon, Rundfunk, die ersten Kraftfahrzeuge und Flugzeuge - alles flößte dem Menschen den Glauben an den wissenschaftlichen Fortschritt ein. Erfinder und Flieger waren die Idole der Epoche. Man wollte so gern glauben, dass Technik demnächst das allgemeine Glück bescheren werde.

    Später wurde klar, dass das eine Falle des weltweiten Selbstbetruges war, die Illusion, der Schritt der Geschichte und Fortschritt zur Freude von Millionen vernünftiger Menschen seien Synonyme.

    Den Anlass zum Roman gab eine wissenschaftliche Sensation von 1877: Der italienische Astronom Schiaparelli entdeckte auf dem Mars geometrische Linien. Sie wurden zu Kanälen, einem Resultat der vernünftigen Tätigkeit der Marsmenschen in ihrem Kampf gegen Dürre, erklärt.

    Die Neuheit rief Begeisterung hervor: Hurra, der Mensch ist nicht mehr einsam im Weltall! Demnächst werden wir einander die Hand reichen.

    Dabei zweifelte niemand daran, dass die Marsmenschen uns wie ein Ei dem anderen gleichen. Es herrschte die Meinung, dass das gesamte All die Entwicklung der irdischen Formen wiederhole und dass ein vernunftbegabtes Wesen unbedingt Arme und Beine, einen Kopf und Augen habe.

    Wells war der erste, der an dem Werbebild des historischen Fortschritts Zweifel anmeldete. Wie, wenn Technik dem Bösen in die Hände gerät? Wie, wenn die Marsmenschen gar nicht so schön gutmütig sind und uns absolut nicht ähneln?

    Aus diesen alarmierenden Fragen entstand denn auch der Horrorroman, der davon handelt, wie die Marsmenschen das gute, alte England eroberten. Auf ihren turmartigen Dreifüßen daherschreitend, vernichteten die Monster mit den Fangarmen zu den Schreien "Aloo! Aloo!" mit ihren Feuerstrahlen den Zukunftsglauben.

    Der Roman von Wells war die erste Antiutopie, und sie realisierte sich nach lediglich 16 Jahren, der Schriftsteller konnte noch mit eigenen Augen seine Phantasiebilder sehen: die Flüchtlingsströme und das Chaos auf den Straßen von Europa, die Giftgase, die ersten Panzer, Bombenangriffe auf Städte und den sonstigen realen Albdruck.

    Einen eben solchen jähen Übergang von Euphorie zur Realität erlebte England vor nur wenigen Tagen, am 7. Juli. Bis dahin schien es, als würden alle Leiden und Nöte der übrigen Welt einen Bogen um die gute alte Inselmacht machen. Die da drüben, auf dem Kontinent, haben Terroristen und Bomben in der U-Bahn, hüben aber ist Frieden zwischen den Kulturen. Bitte: 300 Moscheen in London, Straßen, mit Gebetteppichen bedeckt, auf denen unter freiem Himmel tausende Moslems beten, tausende in ihre Hedschabs verhüllte junge Mädchen in der U-Bahn und den Bussen...

    Heute sehen die Briten die Dinge möglicherweise anders: Der "moslemische" Mars hat gezeigt, dass es nicht gelungen ist, ihn zu zähmen. Junge Leute, die innerhalb der britischen Mentalität aufgewachsen sind, Engländer dem Pass nach, gingen aus Solidarität mit ihren kontinentalen Stammesbrüdern in den Tod. Und die Schreie der Marsmenschen "Aloo! Aloo!" (der Unterschied macht so wenig aus!) tönen schon seit langem in der Morgenstunde über London, da der Mullah die rechtgläubigen Moslems aufruft, an Allah zu beten.

    Die Engländer werden noch lange an dem Bruch in ihrem Denken zu laborieren haben. Aber auch ein Amerikaner - der Filmregisseur Steven Spielberg - hat eine komplizierte Metamorphose von der Rührseligkeit zur Wut erlebt.

    Vor dem heutigen Blockbuster "Der Krieg der Welten" drehte er zwei Filme über Ankömmlinge aus dem Weltall: "Unheimliche Begegnung der dritten Art" und "ET". Das waren wunderbare Märchen vom Humanismus der Kontakte, davon, dass vom Kosmos keine Gefahr drohen könne.

    Wie nett und hilflos war zum Beispiel der niedliche Außerirdische, der so sehr Tscheburaschka, einer Lieblingsfigur in russischen Animationsfilmen, glich!

    Spielberg selbst nannte sich einen Botschafter guten Willens in den Kontakten zwischen den außerirdischen Zivilisationen.

    Und da hört man eine neue Erklärung: Jetzt habe ich das über.

    Es stellt sich heraus, dass er seit langem von einem Film über eine Invasion geträumt habe, denn "meine Jugend verging unter dem Druck der Angst vor einem Kernwaffenkrieg der Supermächte".

    Und gerade jetzt dreht Spielberg einen erschreckenden Film über eine kriegerische Invasion der schonungslosen Marsmenschen. Es erweist sich, dass all seine früheren Märchen nur eine - nun aufgegebene - Illusion waren.

    Das ist gewiss ein beredter Beweis dafür, dass wir alle insgeheim und offen anders geworden sind. Nach dem 11. September in New York, nach Beslan und dem 7. Juli in London ist für viele die Zeit gekommen, offen zu sagen, dass der Krieg der Welten schon im Gange ist. Und dass man diese Realität ehrlich zugeben muss.

    Ist aber so viel Neues daran? Lange Zeit hindurch spielten die Russen die Rolle der furchtbaren und abstoßenden Marsmenschen, die Rolle des Feindes. Sie waren der Ausbund aller Todsünden. Im Streifen "Armageddon" zum Beispiel wandert ein halb betrunkener russischer Kosmonaut mit seiner Russenmütze, der Uschanka, auf dem Kopf durch die Raumstation und bringt en passant die ganze Welt an den Rand des Untergangs.

    Das war ein typischer propagandistischer Betrug.

    Heute sind die Russen nicht mehr die Feinde der Erde. Aber das macht keine Freude.

    Der neue Feind ist bereits gefunden worden. Für die Christen ist das der Marsmensch auf dem Gebetsturm einer Moschee, der mit den Schreien "Aloo! Aloo!" zum Dschihad ruft. Für die Moslems ist dieser Feind "die weiße Milliarde", die es sich um den Preis der Leiden des armen Orients gut gehen lässt.

    Das Rezept für die Lösung des Problems ist einfach. Man braucht nur einander zu bessern. Auf dem Big Ben zum Beispiel Allahs Fahne zu hissen. Oder umgekehrt: Irak in MacDonalds's Fastfood-Netz einzufangen.

    Wir haben es hier mit einer neuen emotionalen Falle zu tun, in die die Menschheit geraten ist. Jede der Seiten meint: Erst nachdem wir einander besiegt haben, werden wir zu einer allgemeinen Prosperität fähig sein.

    Leider ist das wieder eine Utopie.

    Wo ist der Ausweg? Vielleicht zeichnet er sich in den Ideen des großen Inders Ramakrischna ab, der am Morgen im Tempel an Allah betete, tagsüber Christus, abends Buddha und nachts die Göttin Kali verehrte? Es gibt nur einen Gott, sagte er, unterschiedlich sind nur seine Namen.

    Möglich, dass uns ein langer Weg zur Aufgabe der Namen des Allerhöchsten bevorsteht.

    Als sich die Raumsonde "Pioneer" 1988 dem Mars angenähert hatte und die Erdbewohner endlich aus der Höhe des Satelliten vermittels der Kameralinsen das wahre Antlitz des Mars erstmalig erblickten, schauerte die Welt zusammen: Über den ganzen Planeten verlief eine gigantische, kilometertiefe Kluft, und in einer Wüste hoben sich dunkel die Betten von ausgetrockneten Flüssen ab, die wir vor hundert Jahren jubilierend für Kanäle hielten.

    Auf dem Mars gab es keinen einzigen Marsmenschen.

    Der tote Mars mahnt stumm: Der Mensch wird nur mit sich selbst kämpfen müssen.

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