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    Russland: Kapitalflucht oder Kapitalzustrom?

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    MOSKAU, 19. Juli (Nina Kulikowa, wirtschaftspolitische Kommentatorin der RIA Nowosti). Laut den von der Zentralbank Russlands soeben veröffentlichten Angaben beliefen sich die direkten ausländischen Investitionen in Russland im 1. Halbjahr auf 9,3 Milliarden Dollar, was ein Rekord ist.

    Die Nettoausfuhr des Privatkapitals aus Russland machte im gleichen Zeitraum laut derselben Quelle 5,7 Milliarden Dollar aus. Damit ging sie gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres zurück. Laut Schätzungen könnte der Kapitalabfluss Ende des Jahres fünf bis neun Milliarden Dollar betragen.

    Die Kapitalflucht und der Kapitalabfluss sind nicht dasselbe. Im Endeffekt hängt aber beides von der Attraktivität des jeweiligen Marktes für Investitionen ab. In ihrer jüngsten Studie stellen Experten der internationalen Ratingagentur Fitch fest, dass der starke Kapitalabfluss aus Russland trotz einer Verstärkung der makroökonomischen Stabilität vom komplizierten Geschäftsklima und von fehlendem Vertrauen gegenüber den Staatsinstituten zeugt. Gezweifelt werde auch an der Einhaltung der Eigentumsrechte.

    Den Kapitalabfluss fördert auch das sich ständig verändernde Steuersystem in Russland, was eine richtige Steuerabführung kompliziert macht. Deshalb sucht das Kapital nach Möglichkeiten, die Steuern anderswo abzuführen.

    Wie lässt sich dann aber die erwähnte Zentralbank-Zahl - 9,3 Milliarden Dollar Direktinvestitionen im 1. Halbjahr - beurteilen? Erstens: Sie bedeutet, dass sich die Investitionen innerhalb eines Jahres verdoppelt haben. Zweitens: Laut Ernst & Young liegt Russland 2005 an zweiter Stelle in Europa hinter Polen, was die Mobilisierung neuer direkter ausländischer Investitionen anbelangt. Nach Ansicht von Ernst & Young-Analytikern wäre Russland angesichts seiner riesigen Möglichkeiten und der weiterhin wachsenden Stabilität im Lande durchaus in der Lage, ganz an die Spitze dieser Liste zu kommen.

    In vieler Hinsicht ist dies dadurch bedingt, dass Russland im vergangenen Winter bei mehreren Ratingagenturen - darunter Fitch, Moody's und Standard & Poor's - das Investitionsrating bekommen hat. Auch hinsichtlich der makroökonomischen Stabilität wirkt Russland attraktiver als viele andere Länder. Der wachsende Stabilisierungsfonds und die zunehmenden Gold- und Devisenreserven sind ein Schutz vor Erschütterungen in der Außenwelt. Dank dem Positivsaldo der laufenden Operationen und den Währungsreserven würde die Kapitalflucht aus Russland laut Fitch keine Finanzrisiken in nächster Zukunft verursachen.

    Nach Ansicht des Zentralbankchefs Sergej Ignatjew ist der in letzter Zeit zunehmende Kapitalabfluss überhaupt nicht mit einer Verschlechterung des Investitionsklimas, sondern mit dem Rubelkurs verbunden. Gegenwärtig verlässt das Spekulantenkapital das Land, das in Erwartung eines Anstiegs des Rubelkurses gegenüber dem US-Dollar gekommen ist. In den letzten Monaten ist aber der offizielle Rubelkurs gegenüber dem Dollar gesunken, insofern ist ein Teil des Kapitals auf andere Märkte gegangen.

    Die Kapitalmigration ist überhaupt ein kompliziertes Thema unter den Bedingungen der wachsenden Globalisierung. Es kann durchaus sein, dass ein Teil der direkten Investitionen in Russland nichts anderes ist als das zuvor aus dem Land herausgeführte Kapital, das in Offshore-Zonen gegangen war. Nun kommt das Geld bereits in der Form ausländischer Investitionen zurück. Nicht zufällig bleibt das Offshore-Land Zypern weiterhin ein großer Investor in Russland.

    Zugleich verweist der wissenschaftliche Leiter der Wirtschaftshochschule, Jewgeni Jassin, auf die wohlwollende Einstellung europäischer Investoren, in erster Linie der französischen und der deutschen, zu Russland im Zusammenhang mit der ungünstigen Situation an den europäischen Finanzmärkten. "In Deutschland ist die Einstellung gegenüber Russland sehr gut, dort will man immer mehr in Russland investieren", betonte Jassin. "Dabei agieren nicht Großunternehmen, sondern mittelständische Firmen als Investoren."

    Michail Fridman, Vorsitzender des Direktorenrates der Gesellschaft Alpha-Group, ist der Ansicht, dass der Umfang der ausländischen Direktinvestitionen in Russland vorerst bei 1,6 Prozent des BIP liegt, zugleich aber alle Voraussetzungen hat, auf vier bis fünf Prozent des BIP zu wachsen, was dem mitteleuropäischen Stand entspricht. "Ich bin sicher, dass wir in den nächsten Jahren Zeugen produktiver westlicher Investitionen werden", erklärte er.