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    Goodbye, Herr Botschafter

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    MOSKAU, 21. Juli (Wladimir Simonow, politischer Kommentator der RIA Nowosti). Der USA-Botschafter in Russland, Alexander Vershbow, beendet diese Woche seine Mission in Moskau.

     Der Botschafter verlässt das Land, in dem er vier Jahre verbracht hat, und Russland wird dies anscheinend nicht besonders bedauern. Obgleich der Botschafter selbst natürlich nicht schuld daran ist.

    Gerade während der Amtszeit dieses hervorragenden Diplomaten, der im Juli 2001 in der russischen Metropole eingetroffen war, kam es zu einer dramatischen positiven Wende in den Beziehungen zwischen Russland und den USA. Allerdings stießen weniger die diplomatischen Bemühungen des amerikanischen Repräsentanten die Präsidenten George Bush und Wladimir Putin einander in die Arme, sondern die Tragödie am 11. September, nach der Putin seinem amerikanischen Amtskollegen die strategische Partnerschaft im Kampf gegen den internationalen Terrorismus angeboten hat.

    Vershbow hatte einfach Glück, dass die ersten Jahre in Russland gerade vom "Charme der plötzlichen Allianz" geprägt waren, wie das russische Analytiker später bezeichneten.

    Heute, vier Jahre später, scheint der Charme seine frühere Frische verloren zu haben. Er wird von einer zurückhaltenden, aber realistischen Haltung des Weißen Hauses und des Kremls abgelöst. Was die Stimmungen des russischen Menschen von der Straße anbelangt, so wächst hier ein düsterer Argwohn hinsichtlich der Absichten Amerikas in Bezug auf Russland. Typisch ist folgender Gedankengang: Bei aller äußeren Freundlichkeit der höchsten amerikanischen Staatsbeamten sind die USA bestrebt, Russland zu schwächen, dieses aus dem postsowjetischen Raum zu verdrängen und es im Endeffekt seinen eigenwilligen globalen Interessen unterordnen.

    Natürlich hat es antiamerikanische Stimmungen in Russland schon immer gegeben. Nach dem Krieg in Jugoslawien 1999 brachen sie mit neuer Kraft aus. Zeitweilig wurden sie durch Mitgefühl und Solidarität nach dem Terrorakt in New York verdrängt, das Misstrauen kam aber mit neuer Kraft zurück, als Amerika in Irak eindrang und später seine politischen Spiele im postsowjetischen Raum anfing. In der Vorstellung vieler Russen dringen die USA zügellos in den historischen Interessenbereich Russlands ein, indem sie versuchen, Georgien, die Ukraine und andere ehemalige Sowjetrepubliken in ein Weltmodell einzubauen, in dem die USA eine zentrale Rolle spielen.

    Als Folge verlässt Botschafter Vershbow seinen Posten zu der Zeit, wo das USA-Rating bei der russischen Bevölkerung beträchtlich unter die Marke gesunken ist, bei der dieses zu Beginn seiner Moskauer Karriere stand - ein nicht gerade schmeichelhafter Indikator der Effektivität des amerikanischen Chefdiplomaten in Russland.

    Es sei erneut betont, dass Vershbow keine besondere persönliche Verantwortung dafür trägt. Er war lediglich ein gut erkennbares Gesicht des selbstgefälligen, energischen, zuweilen aggressiven und stets besserwisserischen Amerika, an die sich die Welt hartnäckig nicht gewöhnen will.

    Der Botschafter hat ganz Russland bereist und hunderte von Interviews gegeben, er hielt unzählige Vorträge, traf sich mit Politikern, Geschäftsleuten, Menschen- und Bürgerrechtlern. Überall war er bemüht, die guten Absichten Washingtons in Bezug auf Russland zu beweisen. Die USA organisierten keine Revolutionen in GUS-Ländern, hieß es, die humanitären USA-Programme in Russland und im postsowjetischen Raum seien absolut transparent und gut gemeint. Hinter den Ereignissen in Georgien und in der Ukraine stünden keine Ränkespiele der USA, sondern der Wunsch der Bürger, in einer freien Gesellschaft zu leben.

    Schöne Worte, die der amerikanische Botschafter statusmäßig zu artikulieren hat.

    Herrn Vershbow bleibt nur, Ron Paul zu überzeugen, den Abgeordneten des Repräsentantenhauses des USA-Kongresses, der gefordert hat, eine unabhängige Kommission zu bilden, welche die gesetzwidrige Finanzierung der Wahlkampagne Viktor Juschtschenkos durch amerikanische Strukturen untersuchen sollte. "Wir wissen nicht genau, wieviel Millionen bzw. -zig Millionen Dollar die USA-Regierung für die Wahlkampagne in der Ukraine ausgegeben hat", schrieb der Kongressabgeordnete in seinem Artikel "USA-Heuchelei in der Ukraine". "Wir wissen aber, dass dieses Geld größtenteils der Unterstützung eines konkreten Kandidaten galt. Über eine Kette speziell gegründeter nichtstaatlicher Organisationen - sowohl amerikanischer als auch ukrainischer - wurden diese Dollarmillionen für die Unterstützung des Präsidentenkandidaten Viktor Juschtschenko ausgegeben."

    Niemand hat vor - und niemand wäre auch dazu in der Lage - die USA davon abzuhalten, an der Festigung der Sicherheit im postsowjetischen Raum und an der Entwicklung der Demokratie sowie an der Integration der Wirtschaften dieser Länder in die globale Wirtschaft teilzunehmen. Die Konkurrenz ist aber das eine und die Versuche, Russlands Einfluss in den Ländern, die im Laufe von Jahrhunderten mit Russland geistig und wirtschaftlich zusammengewachsen sind, und in den Gebieten zu neutralisieren, wo mehr als 25 Millionen Russen und Russinnen leben, ist das andere. Gerade auf dieses "Andere" scheinen heute die Kreise in Amerika zu setzen, als deren Sprachrohr der USA-Botschafter in Moskau nicht selten agierte.

    Während seines vierjährigen Aufenthalts in Moskau scheute Alexander Vershbow keine Mühe, um zu beweisen, dass Amerika vom Entwicklungstempo der zivilen Gesellschaft in Russland enttäuscht ist. Die "gelenkte Demokratie" und der "heranrückende Autoritarismus" raubten Russland die Luft zum Atmen, hieß es. Den russischen Medien sei "der Mund zugeklebt" worden.

    Die Demokratie in Russland, das einen Sprung von der zentralisierten Wirtschaft zum Markt gewagt hat, ist natürlich bei weitem nicht vollkommen. Und Moskau ist stets bereit, konstruktiver Kritik Gehör zu schenken. Kein ehrlicher Beobachter der russischen politischen Arena würde aber der Meinung zustimmen, die russischen Medien wären beispielsweise unter Boris Jelzin freier gewesen. Damals wurden die in finanzieller Hinsicht bettelarmen Fernsehkanäle und Zeitungen von Oligarchen aufgekauft und aus Informationsquellen in bereitwillige Sprachrohre ihrer Sponsoren umgewandelt. Gerade in der Amtszeit Putins gelang es, die in der Jelzin-Zeit entstandenen Hintertüren für die Steuerhinterziehung zu beseitigen, während das Fernsehen und die Printmedien transparentere und unabhängigere Finanzierungsquellen bekommen haben.

    Heute haben Russland und die Vereinigten Staaten gemeinsame Feinde, gegen die sie gemeinsam antreten könnten. Das sind der internationale Terrorismus, die instabilen Regimes, die nach Massenvernichtungswaffen zu zweifelhaften Zwecken trachten, sowie Korruption und egoistischer Protektionismus, die dem bilateralen Kommerz im Wege stehen. Für eine maximale Nutzung dieses Potentials der russisch-amerikanischen Freundschaft sind aber neue Vermittler und offenbar auch ein neuer Arbeitsstil und ein anderer Gesprächston notwendig. Dem Nachfolger von Alexander Vershbow steht viel Arbeit bevor.

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