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    Die Terroristen verwechseln Islam mit Chauvinismus

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    MOSKAU, 22. Juli (Waliulla Chasrat Jakupow, Erster Stellvertreter des Muftis von Tatarstan, für RIA Nowosti.)

    Was ist der Grund für die Radikalisierung des Islams? Warum wählen moslemische junge Menschen den Weg von dem Tod geweihten Terroristen?

    Meiner Meinung nach liegt das hauptsächlich daran, dass viele, besonders junge Leute die gesamtislamischen Interessen mit nationalen und politischen Interessen verwechseln.

    Für die arabische Welt ist ein verletztes Ehrgefühl angesichts der zahlreichen Probleme, die in dieser Welt bestehen, charakteristisch. Und die Araber geben ständig ihre inneren, stammesgebundenen Probleme als gesamtmoslemische aus. Ähnlich ist die Situation im russischen Nordkaukasien und in den anderen "heißen" Regionen, wo man versucht, die Interessen der Nation, des Stammes als Interessen des Islams darzustellen. Die Jugend sieht das aber nicht, sie versteht nicht, dass zum Beispiel die Probleme von Palästina oder Iran nicht unbedingt auch Interessen aller Moslems sind. Sie versteht nicht, dass unter dem Deckmantel islamischer Losungen oft ein verletzter arabischer (oder ein anderer) Chauvinismus handelt. Im Ergebnis werden sie zum Kanonenfutter für pseudomoslemische Organisationen, die ein Produkt der ungelösten politischen und sozialökonomischen Probleme in einzelnen Ländern und Regionen darstellen. Es gibt praktisch niemanden, der all dies den jungen Leuten erklären könnte.

    Die breiten Massen der Moslems sind ungenügend gebildet. Sie können den Islam von seiner Maske nicht unterscheiden. Sie verstehen nicht, dass, wenn sich ein Mensch als Moslem bezeichnet, das noch kein Grund ist, ihm unbedingt zu glauben. Sektierer gibt es in jeder Religion, und der Islam ist da keine Ausnahme. Aber jetzt, da die ganze Welt von einer Welle von Terrorakten erschüttert wird, hoffe ich, dass die Rechtsschutzorgane die Tendenzen in der moslemischen Szene aufmerksamer verfolgen werden. Denn es ist leichter, einem Unglück vorzubeugen, als seine Folgen zu bekämpfen.

    Dieser Prozess muss in zwei Richtungen verlaufen. Die selektive Vernichtung - ich habe keine Bedenken, dieses Wort in den Mund zu nehmen - der sektiererischen Äußerungen und zugleich die staatliche Unterstützung der moslemischen Orthodoxie. Von nicht geringerer Bedeutung ist hier auch die Selbstorganisation der moslemischen Gemeinschaft. Nehmen wir das Beispiel Russland, insbesondere das Beispiel Tatarstan. Hier waren die Präsenz und der Einfluss ausländischer Missionare in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts besonders schmerzlich zu spüren. In jener Zeit war das russische Staatswesen geschwächt, während die für Russland seit Jahrhunderten traditionellen moslemischen Srukturen nach der sowjetischen Epoche, in der die Religion in Ungnade gewesen war, noch nicht zu sich gekommen waren. Deshalb war ein bedeutender Teil der moslemischen, darunter auch der tatarischen Jugend, von den radikal-extremistischen Ideen der Missionare angesteckt. Erschwerend kam hinzu, dass sich die Jugend auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR, auch die tatarische Jugend, im Grunde aus Neulingen des Islams zusammensetzte, die sich eben erst zu ihm bekehrt hatten. Wie alle Neuangeworbenen sind sie maximalistisch gesinnt und weichen vom traditionellen Islam häufig ab.

    Aber nachdem auf dem Territorium Russlands exakte moslemische Strukturen in Form von Geistlichen Verwaltungen der Moslems gebildet worden waren (in Tatarstan entstand eine solche Verwaltung 1998 auf dem Vereinigungskongreß der Moslems der Republik), nachdem ein berufliches System der moslemischen Ausbildung entstanden war, konnte die Situation in vieler Hinsicht unter Kontrolle genommen werden. Und die Zahl der Prediger aus dem Ausland ging stark zurück.

    Wir gehen davon aus, dass der Islam wie jede Religion nicht etwa einmal für immer und für alle Menschen zugleich fest geformt sein kann. Jede Religion existiert in einer konkreten Zeit und Gegend. So ist der Katholizismus gut für Italien, was jedoch nicht heißt, dass das Bedürfnis nach ihm in Russland besteht. Und um auf den Islam zurückzukommen: Was für Saudi-Arabien gut ist, ist nicht unbedingt auch für Tatarstan gut. Das hindert uns aber nicht daran, Kontakte mit unseren Glaubensgenossen aus verschiedenen Ländern zu unterhalten. Aber selbst bei stabilen Kontakten dieser Art übersehen wir zugleich nicht einen wesentlichen Unterschied in der Mentalität und den nationalen Besonderheiten, die vom Allerhöchsten selbst geschaffen sind.

    Heute ist auf dem "Markt" der moslemischen Ideen Russlands hauptsächlich die für unser Land traditionelle Auffassung vom Islam präsent, die auf den traditionellen moslemischen Wahrheiten beruht, dass man Gott die Verantwortung für die eigenen Absichten und Handlungen schuldet.

    Die den Traditionen treue islamische Geistlichkeit in Russland geht davon aus, dass die wahre Heimat der gläubigen Moslems das Paradies ist. Unsere Seelen haben die paradiesische Zuflucht zeitweilig verlassen und sind in diese Welt gekommen, um hier Prüfungen durchzumachen und in die ureigene Heimat, in die paradisieschen Gefilde, zurückzukehren. Deshalb haben alle irdischen Formationen - politische Strukturen in Form von allen möglichen Staaten, Bewegungen und Parteien, wie reißerisch sie sich auch nennen mögen - für die wirklich gläubigen Moslems überhaupt keinen Wert. All das ist vergänglich und vorübergehend.

    Unser Streben ist es, ins Paradies zurückzukehren. Und der Kampf für das Gelobte Land, die heiligen Stätten ist eine illusorische Hülle und hat für die gläubigen Moslems keinen selbstständigen Wert. Wenn wir es schaffen, der moslemischen Jugend diesen einfachen Gedanken zu erklären, könnten wir die Radikalisierung ihrer Ansichten, ihr Streben nach leeren und falschen Idealen und Mustern unterbinden.

    Auch die neuen moslemischen Gemeinschaften in Europa, den USA und Japan müssen danach streben, sich von fremden Predigern zu distanzieren, wie wir das getan haben. Zweifellos gibt es Schwierigkeiten auf diesem Wege. Die moslemischen Gemeinschaften im Westen stellen ein Sammelsurium dar, sie setzen sich aus Vertretern der verschiedensten Länder zusammen. Dennoch gewinnen Integrationsströmungen die Oberhand. So wird heute in der Hälfte der amerikanischen Moscheen in englischer Sprache gepredigt. Es ist nicht zu vermeiden, dass sich die moslemischen Gemeinschaften zunehmend konsolidieren werden. Deshalb gilt es, trotz aller Schwierigkeiten auf den örtlichen Islam, die örtlichen Geistlichen zu setzen. Auf Menschen, die die Mentalität des Volkes, in dessen Mitte sie leben, kennen, ob es nun Franzosen, Holländer, Deutsche oder Briten sind. Menschen, die bereit sind, mit Vertretern anderer Nationalitäten und Konfessionen zusammenzuarbeiten sowie die Toleranz der moslemischen Scharia zu demonstrieren, und die sich nicht in ihrem Milieu abkapseln werden. Dafür gibt es im Westen, ebenso wie in Russland, alle Möglichkeiten.

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