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    LONDON, 22. Juli (Swetlana Babajewa, RIA-Nowosti-Büroleiterin in London) All die letzten Tage haben sich die Briten mit den Terroanschlägen in London beschäftigt.

     Dabei wurden verschiedene Aspekte und Vorgeschichten behandelt. Mit einer Ausnahme: Moskau wurde kein einziges Mal erwähnt.

    Die Arbeit der britischen Polizei und der Geheimdienste muss gebührend gelobt werden: Bereits sechs Tage nach den Explosionen wurden die Verdächtigen genannt, inclusive Namen, Adressen und Biografien. Meinungen von Eltern und Nachbarn, tägliche Polizeiberichte über das Geleistete - die Effektivität der Arbeit verdient Respekt.

    Fragen gibt es eher an Journalisten und Politiker.

    Manchmal entstand der Eindruck, dass viele von ihnen all die letzten vier Jahre auf einem anderen Planeten verbracht hatten. Als hätte es kein New York gegeben, wo fieberhaft nach eventuellen britischen Opfern des Angriffs auf die Twin Towers gesucht wurde, kein Madrid und kein Moskau. Als hätte es kein Afghanistan und kein Irak gegeben. Wie sich herausstellte, kann man im Internet Anweisungen finden, wie sich ein Bombengürtel eines Schahids anfertigen und einsetzen lässt. Wie es sich herausstellt, gibt es weiterhin zahlreiche El-Kaida-Zellen. Wie es sich herausstellt, können Schahids überhaupt auch in Europa zum Einsatz kommen. All diese Dinge hat Großbritannien mit Staunen für sich entdeckt. Nun sind die Londoner Explosionen auch so präsentiert worden - als die ersten Selbstmörderanschläge in Europa. Das heißt, dass Russland selbst in diesem Sinne kein Europa ist.

    Das Quartier des Premiers gibt täglich zwei Berichte heraus - über Sicherheitsmaßnahmen, über die Geschichte der Terrorakte, über den Verlauf der Ermittlungen usw. Moskau ist darin kein einziges Mal erwähnt. Nur einmal hat der britische Premier Russland erwähnt - in einer Aufzählung irgendwo zwischen Saudi-Arabien, Kenia und Tansania. Der britische Botschafter in Moskau sprach den russischen Bürgern, die ihr Mitgefühl mit den Briten bekundet hatten, seinen Dank aus. Das war aber in Moskau. In London aber erinnerte sich praktisch niemand daran, dass in der Moskauer Metro im Februar 2004 über 40 Personen ums Leben kamen. Auf die gleiche Weise - zwischen zwei Stationen und zur Spitzenzeit...

    In den ersten Tagen nach den Explosionen in London hat die Öffentlichkeit nahezu einhellig auf die Erörterung der politischen Hintergründe der Terrorakte verzichtet. "Aus Respekt vor dem Andenken der unschuldigen Toten." Danach wurde der Terrorakt in eine Reihe mit dem amerikanischen, dem spanischen und dem indonesischen (auf der Insel Bali) gestellt. Die unschuldigen Toten in der Moskauer Metro wurden nicht erwähnt. Als hätte man Russland überhaupt von der Liste der Länder gestrichen, in denen unschuldige Menschen Terroropfer werden, von der Zugehörigkeit Russlands zu Europa ganz zu schweigen. Anderenfalls hätte London nicht die erste europäische Metropole werden können, die zum Opfer einer Schahid-Attacke wurde.

    Und diese Frage gilt eben den Politikern. Und zwar der menschlichen Komponente der Politik, wie klein diese in solch einer pragmatischen Sphäre auch sein mag.

    Zulässig ist ein scharfes diplomatisches Geplänkel zu Themen wie Sakajew, Beresowski und andere "politische Asylanten", die in London Zuflucht gefunden haben. Man kann beliebig lang über das Beweismaterial diskutieren, das die russischen Kollegen nach London bringen, um eine Auslieferung dieser oder jener Person zu fordern. Angebracht wäre auch eine Diskussion über die politischen Hintergründe der darauffolgenden Auslieferungsverweigerungen und über den Grad der Unabhängigkeit der Gerichtssysteme in Russland und in Großbritannien von der politischen Konjunktur. Angesichts der generellen Stimmung in der öffentlichen Meinung Großbritanniens lässt sich sogar ein gewisses Verständnis für die Kommentare zu verschiedenen Vorfällen und Tragödien im Kaukasus aufbringen. Die Moskauer Metro ist aber ein spezieller Fall.

    Jene Explosion in der Moskauer Metro war denen in London ähnlich, sie war ein Vorbote und eine Art Signal. Die Menschen, die in der Moskauer U-Bahn ums Leben kamen, unterscheideten sich in keiner Weise von denen, die zwischen den Stationen Russel Square und Kings Cross ihren Tod fanden... Damals bemühte sich die britische Botschaft besorgt um Informationen, ob britische Staatsbürger unter den Opfern des Terrorakts in Moskau waren - genauso wie sich heute die russischen Diplomaten in Bezug auf Russlands Bürger interessieren.

    Es gibt keine Antwort, warum Moskau vergessen wurde. Seit einiger Zeit ist die Einstellung zu Russland in vielen europäischen Ländern, gelinde gesagt, kühl. Eine Tragödie sollte aber keine politische Schattierung haben, erst recht nicht eine solche Tragödie.

    Geht man aber davon aus, dass die Politik von ihrem Wesen her pragmatisch ist, so ließen sich auch hier viele Gründe finden, um Solidarität zu bekunden: wie viel russisches Geld arbeitet für die britische Wirtschaft, wie viel russische Bürger - offiziell und nicht ganz so offiziell - besuchen die britischen Inseln, wie viel will die britische Wirtschaft an diversen Energieprojekten in Russland trotz aller Kritik über die innerrussische Vorstellung von Demokratie noch verdienen usw.

    Heute lautet die Hauptfrage, die zur Diskussion steht und die, wenn auch in etwas anderem Aspekt, für Russland nicht weniger aktuell ist: Wie lässt sich die Toleranz bewahren und zugleich die Sicherheit festigen. Wie könnten die Grundrechte des Menschen - auf das Leben, auf die Religion, auf die Unantastbarkeit des Privatlebens und auf die Bewegungsfreiheit - garantiert werden, ohne diese einzuschränken. Vor Russland steht eigentlich die gleiche Aufgabe. Offenbar wird aber jedes Land diese Aufgabe selbständig lösen. Die gemeinsame Gefahr wird erneut von eigenen politischen Interessen in den Hintergrund gedrängt. Die Diskussionen über eine "Einheitsfront gegen die Pest des 21. Jahrhunderts" stehen zwar auf der Tagesordnung praktisch aller internationalen Treffen. In Wirklichkeit aber gibt es nicht einmal ein einfaches Mitgefühl miteinander. Ohne dieses wird aber keine wirkliche Partnerschaft entstehen. Nur eine politisch motivierte Täuschung.

    Der Standpunkt des Autors muss nicht unbedingt mit dem der Redaktion übereinstimmen.