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    Wie lassen sich die Erfolge der russischen Tennisspielerinnen erklären?

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    MOSKAU, 22. Juli (Tatjana Sinizyna, RIA-Nowosti-Kommentatorin). Heute gilt das russische Damentennis als das weltweit stärkste. 15 Spielerinnen aus Russland befinden sich in der Bestenliste unter den Top 100.

    Von ihnen reihen sich acht unter den 30 Besten ein. "Wir sind gefürchtet, denn wir machen dem Geschäft im Westen den Garaus, rauben ihm die ‚gewohnten Trauben', stören mit unseren Resultaten seine Kreise", sagte der Präsident des Tennisverbands Russlands, Schamil Tarpischtschew, in einem Gespräch mit RIA Nowosti. "Vor allem deshalb, weil sich die Regeln in jedem Land unterscheiden. Es kommt noch hinzu, dass unsere Sportlerinnen keine Geschäftsleute sind."

    In Auswertung der kürzlichen Matches im Fed Cup und im Davis Cup, die in Moskau ausgetragen wurden, räumte Tarpischtschew ein, dass sie zu den schwersten in der Geschichte des russischen Tennissports gehörten. "Die Mannschaft wurde von Verletzungen verfolgt. Unter diesen Bedingungen war es natürlich absolut sinnlos, sich über Taktik Gedanken zu machen. Dennoch, wir haben gesiegt. Vieles bewirkt natürlich der Teamgeist, das Verhältnis von Spielern und Trainern", meint er. "Glücklicherweise vermochten wir es bislang, Konflikten aus dem Weg zu gehen."

    Auf die Besonderheiten und Probleme der Auswahlmannschaften im Tennis eingehend, stellte Tarpischtschew fest: "Während bei den Mädels die ‚Ersatzbank' recht lang ist und wir in jeder beliebigen Zusammensetzung zu den vier stärksten Mannschaften in der Welt gehören, so sehen die Dinge bei den Männern schon anders aus. Im Männertennis sind uns Grenzen gesetzt." Er führte an, dass 106 der hoffnungsvollen Talente im Alter über 14 Jahren in den letzten fünf Jahren Russland verließen und sich zur Ausbildung an den verschiedensten Colleges in Europa und in den USA aufmachten. "Sie sind heute für den großen Tennissport verloren, denn eine ernsthafte Ausbildung kann man nicht mit dem Profisport vereinbaren".

    Die Eltern fürchten indes, die Mädels aus dem Haus zu lassen, also stehen mehr von ihnen zur Verfügung. Die Coachs meinen, dass es leichter sei, sie zu ernsthaftem Training anzuhalten. Außerdem dauert es nur 3 - 4 Jahre, ein Mädchen bis in die Top 20 der Bestenliste zu führen, während es bei den Jungen 5 - 7 Jahre dauert. Andererseits ist die Tenniskarriere bei den Damen kürzer und die Fluktuation größer: Wenn der Traum vom Leben eines Stars nicht aufgeht, dann verlieren die Sportlerinnen das Interesse am Tennis und heiraten. Die Jungens jedoch bleiben, wenn sie erst einmal den Erfolg ausgekostet haben, bis zum Alter von 32 - 34 Jahren auf dem Tennisplatz.

    "Heute haben wir uns einen soliden Nachwuchsstamm geschaffen. Unsere Methodik der Vorbereitung junger Tennisspieler im Alter bis zu 14 Jahren übertrifft alles, was die Welt kennt", meint Tarpischtschew. "Überall arbeitet man nach einem Muster: Dem Zögling wird ein fertiges Schema übergestülpt. Wir lassen uns von einem anderen Grundsatz leiten: Wenn das Talent nicht zum Trainer passt, dann such' dir einen anderen Trainer. Nur so kann Individualität entstehen", erläuterte Tarpischtschew. Er sprach aber auch noch von einer anderen Besonderheit. In der ganzen Welt funktioniert das Prinzip einer natürlichen Aussonderung von Tennisspielern. In Russland lassen sich die Trainer unterdessen von der Erfahrung leiten, dass sie an den Unzulänglichkeiten ihrer Zöglinge arbeiten und an ihnen Stärken feilen müssen. Diese einzigartige Erkenntnis sammelten die Trainer schon zu Sowjetzeiten, als Tennis noch nicht populär war und vom physischen Standpunkt aus nur die Schwächsten auf den Tennisplatz gerieten.

    Der Verband führte unterdessen aber auch einige Novationen ein. Es wurden Auswahlmannschaften in den verschiedenen Altersgruppen aufgestellt, und zwar in den Gruppen bis 18 Jahre, bis 16 Jahre und bis 14 Jahre. Schon bald werden auch die Jüngsten in der Altersgruppe bis zu 12 Jahren eine eigene Auswahl haben. Der Cheftrainer der russischen Auswahlmannschaften, Wladimir Kamelson, sagte, "das neue Organisationsprinzip im Jugendtennis beginnt schon Früchte zu tragen und sich auf die Qualität des russischen Nachwuchses auszuwirken. Es gibt bereits ein erfreuliches Ergebnis: Die Mädchen im Alter bis zu 14 Jahren holten in San Remo den europäischen Mannschaftstitel. Insgesamt können 50 Spieler im Kindesalter auf gute Plätze in den Bestenlisten der ITF aufweisen. Sie gehören den Top 10 oder den Top 20 an.

    Tennis nimmt heute einen bemerkenswerten Aufschwung in 52 von insgesamt 89 Regionen Russlands, in erster Linie, wenn er auf die materielle Unterstützung des Gouverneurs, von Großunternehmen oder Banker zurückgreifen können. Chanty-Mansijsk lässt sich die Gründung der Sibirischen Tennisakademie 5 Millionen US-Dollar kosten. Der Verband veranstaltet jährlich 1.057 Turniere in 127 Städten Russlands. "Wir bringen es fertig, mit einem Jahresbudget von 8 Millionen US-Dollar die Probleme des gesamten Verbandes zu regeln. Wenn wir wie die Eishockeyspieler oder die Fußballer über 50 - 60 Millionen US-Dollar verfügen würden, könnten wir Wunder bewirken", zeigt sich Schamil Tarpischtschew überzeugt.

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