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    Terror in Dagestan hat religiöse Wurzeln

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    MOSKAU, 25. Juli (Sergej Markedonow, Leiter der Abteilung Probleme der zwischennationalen Beziehungen des Instituts für politische und militärische Analyse - RIA Nowosti).

    Die Sprengstoffanschläge in London haben die Terrorakte in Dagestan in den Hintergrund gedrängt. Indessen sind Terrorakte in der (nach Fläche und Bevölkerungszahl) größten Republik des russischen Nordkaukasus, ebenso wie Aufrufe der Muezzins an die Gläubigen, den Namas zu halten, zur gewohnten Sache geworden. Dabei sind die Explosionen in Machatschkala und Chassawjurt sowie die Terrorakte in der Londoner U-Bahn Bindeglieder einer Kette.

    Der dagestanische islamische Terrorismus wird in Zukunft zum Problem Nummer 1 für den russischen Kaukasus. Von seinen Organisatoren und Inspiratoren als Teil des weltweiten Jihad angesehen, sollte der Terrorismus in der größten Nordkauksus-Republik zum Gegenstand einer nicht minder detaillierten Erörterung werden, als die Explosionen in der Londoner U-Bahn.

    Wir beobachten heute in Dagestan einen Terrorismus von höherem Niveau und höherer Qualität, als im benachbarten Tschetschenien. Der dagestanische Terrorismus hat im Unterschied zum tschetschenischen einen ernsteren ideologischen Inhalt. Erstens entspricht er in einem größeren Maße "den internationalen Standards". Die Terrorakte, die von tschetschenischen Extremisten verübt werden, sind meistens anonym. Die Teilnahme der einen oder anderen Personen an der Organisation und Durchführung eines Terroraktes wird im Ergebnis von Untersuchungshandlungen nachgewiesen. Der tschetschenische Separatismus von heute ist das Bestreben, das eigene kleine Kriegsterritorium zu erhalten, das von keiner Macht kontrolliert wird. Die Serie der jüngsten Terrorakte in Dagestan stammt von einem klaren Urheber. Dessen Name ist die terroristische islamistische (wahhabitische) Organisation "Jamaat ‚Shariat".

    Jamaat "Shariat" hat sich nicht nur zum Terrorakt am 1. Juli in Machatschkala, sondern auch zu einer ganzen Reihe jüngster politischer Morde (so der Mord am öffentlichen Opponenten der Wahhabiten Magomed-Sagid Warissow) bekannt. Im März dieses Jahres hat die Jamaat den totalen Krieg gegen die Angehörigen der Rechtsschutzstrukturen von Dagestan angesagt, die an der "Ermordung von Moslems" beteiligt waren. Zweitens deklariert die Jamaat ihre Ziele deutlich und hart. Das sind die Gründung eines islamischen Staates auf dem Territorium Dagestans und die Liquidierung der russischen militärpolitischen Präsenz im russischen Kaukasus. Nach dem Terrorakt von Machatschkala haben die Vertreter der "Shariat" im Internet eine Erklärung veröffentlicht, der zufolge sie bereit sind, "eine Gruppe dagestanischer Modschaheddin auf dem Territorium Moskaus zur Durchführung einer Reihe von Diversionsoperationen abzusetzen".

    Experten bezeichnen Dagestan als "das am stärksten islamisierte" Subjekt der Russischen Föderation. Im Prozentverhältnis zur gesamten Bevölkerung der Republik nimmt Dagestan nach der Zahl der gläubigen Moslems den absoluten ersten Platz ein. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung Dagestans bekennen sich zum Islam. Seit Anfang der 1990er Jahre erlebt der Islam in Dagestan eine "Renaissance".

    Anfang der 1990er Jahre wurde der Islam als eine integrierende Kraft betrachtet, die in dem ethnisch bunten Dagestan zu "einem zusammenziehenden Reifen" werden sollte. Dem führenden Experten für Islamstudien in Dagestan, S. S. Aruchow, zufolge (er wurde vor kurzem bei einem Terrorakt von Islamisten getötet) "wurde erwartet, dass die Totalität des islamischen Regelungssystems, die Begrenztheit des Islam als eines soziokulturellen Systems und das flexible Zusammenwirken mit der Staatsmacht dem Islam wichtige Vorteile unter den Verhältnissen der soziopolitischen Umgestaltung der Gesellschaft geben würden". Doch es geschah keine Umwandlung des Islam zu einem Faktor der Stabilisierung und der Vereinigung. Die Politisierung und die Radikalisierung des Islam wurden zur Kehrseite der religiösen Liberalisierung. Außerdem sind im Prozess der "Renaissance" des Islam in Dagestan fundamentale Widersprüche zwischen den Tarikatisten (Sufis) und den sogenannten "Wahhabiten" (Salafiten) deutlich geworden.

    Die dagestanischen Wahhabiten haben die Kritik an der Macht in der Republik zum Eckpfeiler ihrer Propaganda und Agitation gemacht. Massenhafte Fälle von Amtsmissbrauch durch Beamte der Republik, Korruption, soziale Differenzierung und als deren Folge ein hoher Grad an Arbeitslosigkeit, die Geschlossenheit der Macht und ihre Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen der Bevölkerung haben eine Auffüllung der Reihen der Salafiten verursacht. Die Letzteren schlagen eine Alternative vor - eine echte "islamische Ordnung", den radikalen Verzicht sowohl auf Kommunismus als auch auf Demokratie und den "falschen Islam" als politische Modelle.

    Dabei schlagen die Salafiten ein solches Modell des Islam vor, in dem Clans, Stämme, Sekten und ethnisches Bewusstsein keinen Platz mehr finden. Es handelt sich um ein universelles Projekt, das in dem polyethnischen und fragmentierten Dagestan gefragt sein kann.

    Die Wahhabisierung Dagestans von heute ist ein Ergebnis des Clanbewusstseins und der Geschlossenheit der regionalen Macht. Die politische Elite in Dagestan wurde seit Anfang der 1990er Jahre faktisch nicht mehr erneuert. Sie erwies sich im Kampf gegen den ethnischen Extremismus in der Zeit der "Parade der Souveränitäten", der "tschetschenischen Revolution" und der Bassajew-Tour über die tscheschenisch-dagestanische Grenze als effektiv. Aber bei der Bekämpfung des religiösen Extremismus ist eine feinere Einstellung des Machtsystems notwendig.

    Hat Russland bei diesen Ausgangswerten einen Ausweg?

    Erstens: Die russische Macht muss endlich die Regionalisierung der Leitung in der Republik überwinden. Zu diesem Zweck muss das Projekt "russische politische Nation" unter Einsatz aller Ressourcen gefördert werden, die der föderalen Macht zur Verfügung stehen.

    Jetzt, in der ersten Etappe der "Islamisierung" sind viele Dagestaner noch nicht zu einem radikalen Bruch mit Russland bereit. Folglich kann das russische (universalistische und überethnische) Projekt den Konkurrenzkampf gegen das islamistische gewinnen. Zweitens: Die Etablierung der russischen staatlichen Institute im Kaukasus darf sich nicht auf die Terrorbekämpfung beschränken. Das ist vor allem eine effektive Regelung der inneren Migration in der übervölkerten Republik. Die Umsiedlung ethnischer Dagestaner aus der Republik (ökonomisch motivierte Migration) ist ein überaus aktuelles Problem.

    Eine weitere nicht minder aktuelle Aufgabe ist es, die zahlenmäßige Stärke der russischen Bevölkerung in der Republik wiederherzustellen. Die russische Bevölkerung ist historisch gesehen Träger der europäischen Werte und der Modernisierungsgrundlagen. Die Russen sind traditionell nicht mit den ethnischen Clans und dem Kampf unter den islamischen "Fraktionen" verbunden und könnten eine stabilisierende Rolle spielen. Die Rückkehr der Russen in die Republik würde unter anderem die Ausfüllung der sozialen Nischen sichern, die nach ihrer Abwanderung aus Dagestan leer wurden (Intellektuellen-Markt, hochqualifizierte Arbeitskräfte). Eine normale Migrationspolitik könnte eine Barriere auf dem Weg zur verdeckten Separierung Dagestans schaffen.

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