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    Perspektiven des Baltischen Pipeline-Systems(BPS)

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    MOSKAU, 26. Juli (Igor Tomberg, Dr. rer. oec., führender Mitarbeiter des Instituts für ökonomische und politische Forschungen der Russischen Akademie der Wissenschaften - RIA Nowosti).

    In den Baltischen Republiken nimmt die Besorgnis darüber zu, dass das expandierende Baltische Pipeline-System (BPS) sie um Einnahmen aus dem Transit von russischem Öl bringen wird, die bislang einen beachtlichen Teil der örtlichen Haushalte bildeten.

    Das lettisch-russische Gemeinschaftsunternehmen LatRosTrans, das Pipelines für den Transport von Öl und Ölprodukten verwaltet, geht von einer harten Konkurrenz in der Zukunft aus. LatRosTrans-Generaldirektor Sergej Alexandrow erinnert daran, dass das russische Öltransportunternehmen Transneft bereits im Jahr 2003 den Transport von Öl nach Ventspils eingestellt hat, weil die Firma den Erdöl-Umschlagkomplex in Primorsk ausgebaut hatte. Demzufolge musste LatRosTrans 2003 und 2004 acht Millionen bzw. drei Millionen Lat Verluste hinnehmen.

    Ebenso nervös reagiert auch Litauen, das um das Schicksal seines zum Konzern Mazeikiu nafta gehörenden Ölterminals in Butinge bangt. Nicht ausgeschlossen ist, dass die vor kurzem von Litauen bekannt gegebenen Pläne, die Transittarife für russische Waren nach und von Kaliningrad um bis zu 30 Prozent zu erhöhen, das Ziel verfolgt, die Einstellung des Umschlags von russischem Öl in Butinge nach Kräften zu vermeiden.

    Bekanntlich können die Beziehungen Russlands zu den drei baltischen Nachbarländern kaum als herzlich bezeichnet werden. Dennoch müssen diese Kontakte aufrechterhalten werden, wobei die Interessen Russlands und der russischsprachigen Bevölkerung in der Region zu wahren sind. Erdöl wird zu einem immer stärkeren politischen Einflusshebel. Dabei sind gerade die Pipelines die wichtigsten politischen "Öl"-Instrumente. Dazu gehört auch das BPS, über dessen strategische Bedeutung sich auch die russische Führung voll und ganz im Klaren ist. Der Öltransport durch das BPS gestattet es, die Abhängigkeit der russischen Ölexporteure von Vermittlerdiensten der Transitländer Lettland, Litauen, Estland und Finnland drastisch zu reduzieren. Zudem kassieren der föderale und die entsprechenden regionalen Haushalte mehr Steuern. Darüber hinaus gehen die Transportkosten für eine Tonne Öl beim BPS im Vergleich zu Ventspils (Lettland) oder Odessa (Ukraine) deutlich - auf vier Dollar je Tonne - zurück, was den wirtschaftlichen und strategischen Interessen Russlands entspricht.

    Ende Juni fand die Jahreshauptversammlung der Transneft-Aktionäre statt. Nach der Versammlung gaben Mitglieder des Aufsichtsrates eine Pressekonferenz. Industrie- und Energieminister Viktor Christenko sagte dabei, die Prioritäten der Entwicklung des Pipeline-Transports seien ein offenes Geheimnis. Große Aufmerksamkeit werde derzeit Projekten zum Ausbau des Baltischen Pipeline-Systems und der so genannten östlichen Pipeline zwischen Taischet und Nachodka geschenkt.

    Indes dauert in Russland die Diskussion über die Zweckmäßigkeit einer einseitigen Orientierung des Ölexports nach Europa an. Die hinausgeschobene Entscheidung über den Ausbau des BPS von derzeit 47,5 Millionen auf 62,5 Millionen Tonnen im Jahr war offenbar eine Folge dieser Diskussion.

    Der erfolgreiche Bau der BPS-Strecke wurde zu einem wichtigen Trumpf der Transneft-Leitung im Streit mit den Öl fördernden Unternehmen, die dem Transportkonzern den mangelnden Wunsch nach einer Diversifizierung des Systems des Ölexports vorwerfen. Berechnungen von Ölexperten zufolge muss Russland infolge nicht ausreichender Transportkapazitäten hohe Verluste hinnehmen. Der Vizepräsident der größten russischen Ölfirma, Lukoil Leonid Fedun, ist der Ansicht, dass der Staat jährlich sechs bis acht Milliarden Dollar verliert, wobei sich die direkten Verluste des Haushalts auf drei bis vier Milliarden Dollar belaufen. "Wegen der unzureichenden Pipeline-Kapazitäten sieht sich Lukoil gezwungen, andere Transportmittel zu nutzen. Das führt dazu, dass die Transportkosten bei Lukoil mit knapp zwei Milliarden Dollar über den Förderkosten liegen", bemängelt er.

    Eine groß angelegte PR-Kampagne von Lukoil unter Teilnahme der internationalen Expertengemeinschaft war darauf gerichtet, den Bau der so genannten Nördlichen Pipeline nach Murmansk zu stimulieren. Das würde es dem Ölunternehmen ermöglichen, Öl auf große Tankschiffe mit einer Wasserverdrängung von bis zu 300 000 Tonnen umzuschlagen und auf weite Entfernungen zu verschiffen, zum Beispiel in die USA.

    Aber im Moment gebe es keine Garantien dafür, dass das Öl in amerikanischen Häfen in den Mengen abgenommen wird, die den Bau der Nördlichen Pipeline rentabel machen würden, meinen Transneft-Fachleute. Auch Lukoil selbst gibt zurzeit keine Garantien dafür, dass Öl in ausreichenden Mengen durch die Nördliche Pipeline gepumpt werden wird, obwohl Transneft seit Monaten davon spricht. Transneft-Chef Semjon Weinstock teilte vor einiger Zeit mit, dass er Lukoil und die staatliche Firma Rosneft schriftlich ersucht habe, Garantien für das Pumpen von Öl (in den erforderlichen Mengen) zu geben. Bislang habe er keine Antwort bekommen. Aber ohne Garantien will Transneft das Projekt nicht beginnen.

    Unter Berücksichtigung der Erweiterung der Geographie der russischen Ölexporte, an deren Zweckmäßigkeit niemand zweifelt, darf die strategische und ökonomische Bedeutung des größten Öltransportsystems im Ostseeraum nicht vergessen werden. Dieses System sorgt für einen reibungslosen Transport von Erdöl und folglich für den Transfer russischer Interessen dort, wo man sie nicht immer gerne berücksichtigen möchte.