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    In Russland werden Gesellschaft, Massenmedien und die Unternehmer Patrioten erziehen

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    MOSKAU, 26. Juli (Olga Sobolewskaja, Kommentatorin der RIA Nowosti.)

    Vor einigen Tagen bestätigte die Regierung das Programm „Patriotische Erziehung der Bürger der Russischen Föderation 2006 - 2010“.

    Seine Aufgabe ist es, zur Formierung des patriotischen Bewusstseins - vor allem bei der Jugend - nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Massenmedien und die Geschäftskreise heranzuziehen. Für die Organisation der Arbeit entsprechend dem Programm ist das Russische staatliche militärische historisch-kulturelle Zentrum bei der Regierung der Russischen Föderation (Roswojenzentr) zuständig.

    „Unter unseren Kindern erstarken die patriotischen Stimmungen“, sagte Valeri Gergel, Ko-Vorsitzender des Rates der gesellschaftlichen Kinderbewegung von Moskau, der RIA Nowosti. „Erst vor drei oder vier Jahren konnten wir uns überhaupt nicht vorstellen, dass unsere Kinder voller Stolz auf dem Roten Platz marschieren würden.“ Wie er erzählt, beteiligten sich die Kinder aktiv an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg. Bei den Paraden gingen sie Schulter an Schulter mit den Veteranen, sie pflegen zudem Denkmäler von Verteidigern der Heimat und sammeln Material für das Buch des Andenkens.

    Valeri Gergel fügt dem hinzu: „In den Sowjetzeiten sprachen wir nur von guten Taten der Jungpioniere. Heute können wir von guten Taten nicht nur der Jungpionierorganisationen sprechen (sie bestehen weiter, wenn auch in modifizierter Form), sondern auch von denen der Scouts, der Bewegung junger Friedensstifter bei der UNO sowie der Mitglieder anderer Kinder- und Jugendorganisationen.“

    Aber ein fundamentales System der patriotischen Erziehung hat es in Russland bisher nicht gegeben. Heute ist die Notwendigkeit eines solchen Systems erkannt worden. Wie Wladimir Grebenjuk, stellvertretender Direktor von Roswojenzentr, in einem Interview für die RIA Nowosti betonte, „wird die Idee des Patriotismus unter den Bedingungen des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus zu einer strategischen Kategorie“. Gerade deshalb „leben heute die Worte Patriotismus und Patriot in ihrem wahren Sinn wieder auf, während die Behauptung, der Patriotismus sei eine ‚Erdichtung der Sowjetmacht‘ gewesen, allmählich in die Vergangenheit rückt“. Wie Wladimir Grebenjuk sagt, „setzt sich die Auffassung vom Patriotismus als von einer positiven Eigenschaft des Bürgers von Russland immer mehr durch“.

    Laut Programm für 2006 - 2010 beauftragt der Staat die Massenmedien, die Kunst und Kultur damit, patriotische Produktion zu liefern. Es sei beschlossen worden, die patriotische Thematik zu erweitern. Als Beispiel solle nicht nur das heldenhafte Verhalten der Russen zu Kriegs- und Friedenszeiten dienen, ihre Rolle dabei müssten auch die Errungenschaften in der Wissenschaft, Technik und Kunst spielen, meint der stellvertretende Direktor von Roswojenzentr. Man solle an Russlands Erfolge auf diversen Gebieten erinnern.

    „Die Jugendlichen kennen nicht immer die Hymne des eigenen Landes und seine Flaggen“, sagte Wladimir Grebenjuk. „Dabei müssen die Staatssymbole ebenfalls den Stolz auf das eigene Vaterland fördern helfen. Die Jugend muss die Geschichte Russlands kennen, mehr Kontakte mit den Veteranen pflegen, Museen besuchen und wahrheitsgetreue historische Bücher lesen.“

    Bisher seien die Unternehmer weit davon entfernt gewesen, an der patriotischen Erziehung teilzunehmen, und hätten sich auch selber nicht durch einen übermäßigen Patriotismus ausgezeichnet. „Dabei handelt es sich um einen kreativen und aktiven Teil der Gesellschaft“, betont Grebenjuk. „Indes ist es so gekommen, dass an die Spitze großer Kollektive, Firmen und Gesellschaften Menschen getreten sind, die keine Erfahrungen bei der patriotischen Erziehung haben.“ Wie sei in diesem Falle die „Übertragung“ von patriotischen Ideen zu bewerkstelligen? Die Geschäftsleute sollten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass sie an der Erziehung zum Patriotismus teilnehmen müssten, und unter anderem zur Finanzierung dieses Bereiches herangezogen werden. Nach Meinung des stellvertretenden Direktors von Roswojenzentr könnten Sponsoren und Mäzenen Steuervergünstigungen gewährt werden.

    Dennoch bleiben viele Fragen offen. Das Programm setzt den Akzent unter anderem auf die Entwicklung von Wehrsport- und Wehrerziehungslagern. Nach Valeri Gergels Meinung würden sie wohl kaum die patriotische Erziehung wesentlich fördern. „An der Leitung solcher Lager werden Vertreter noch der sowjetischen Armee - der Armee noch vor der Reform - stehen.“

    Der Ko-Vorsitzende Valeri Gergel stellt dazu die rhetorische Frage: „Wie soll man etwas lehren, wovon man selber nicht überzeugt ist?“ Solche Programme würden „gewöhnlich von Generalen geschrieben“, sagt er. Seiner Meinung nach ist heute eine Wehrerziehung nötig, die voraussetze, dass die Kinder nicht nur ihre Pflichten, sondern auch ihre Rechte kennen würden. Die Zeit eines „gedankenlos blinden“ Patriotismus sei vergangen.

    Die Unternehmerverbände - „Delowaja Rossija“ und der Russische Industriellen- und Unternehmerverband - haben das Programm der patriotischen Erziehung vorläufig nicht kommentiert. Dabei wird auf ihre Reaktion gespannt gewartet. Von ihrer Position hängt viel ab.

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