21:16 18 Januar 2017
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    Orthodoxer Fernsehkanal nimmt Sendungen in Russland auf

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    MOSKAU, 27. Juli (Wladimir Simonow, politischer Kommentator der RIA Nowosti). Einer der Staatschefs der Sowjetunion versprach seinerzeit, im Jahr 1980 den letzten Popen im Fernsehen zu zeigen.

    Der Landesvater meinte damit einen schnellen Sieg des Atheismus über die Kirche und befand sich dabei in einem schweren Irrtum. 25 Jahre danach nimmt der öffentliche orthodoxe Satelliten-Fernsehkanal „Spas“, der erste in der Geschichte des Landes, seine Sendungen auf. Die tägliche Sendebetrieb soll 16 Stunden betragen, wofür die Gründer des Senders etwa 250 000 Dollar im Jahr werden zahlen müssen.

    Das Geld wird nicht vom Staat und nicht einmal von der orthodoxen Kirche selbst, sondern von anonymen Philantropen aus dem Unternehmermilieu, die sich um die Gesellschaft „Russische Consulting-Gruppe“ vereinigt haben, privat gespendet.

    Die Idee zur Schaffung eines orthodoxen Senders in Russland hatte in der Luft geschwebt. Nach sieben für die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) schrecklichen Jahrzehnten, da Gotteshäuser in die Luft gesprengt und Klöster in Pferdeställe verwandelt worden waren, trat endlich eine erstaunliche Zeit der Wiedergeburt und der Blüte des Glaubens ein. Laut offiziellen Statistiken hat sich die Zahl der russischen Bürger, die sich als Gläubige betrachten, seit Ende 80er Jahre mehr als verdreifacht: Machten sie 1986 nur 16 Prozent der Bevölkerungszahl Russlands aus, sind es heute etwa 70 Prozent.

    Gerade diese Menschen - sie tragen ein Leibkreuz und haben Ikonen zu Hause, obwohl sie meist keine Gottesdienste besuchen - werden voraussichtlich zum Hauptpublikum des Senders „Spas“. Eine der Aufgaben des Senders ist es, ihnen die Kirchentüren zu öffnen und sie aus der Gruppe der „bedingt orthodoxen Gläubigen“ in die Gruppe ständiger Kirchenbesucher überzuführen.

    Dennoch behaupten die höchsten Hierarchen der ROK, sie hätten keinen administrativen Einfluss auf den neuen Fernsehkanal, obwohl sie seine Schaffung mit Begeisterung unterstützen würden. Wie dem auch sei, Gotteswort, von einem Fernsehsatelliten übertragen, wird die Auswahl der Informationsmittel der Kirche angenehm erweitern.

    Für einen Bürger des Westens, wo Satelliten- und Kabelsender verschiedenster Konfessionen in Betrieb sind, ist es nicht leicht, die Bedeutung zu verstehen, welche dieser Novität in Russland beigemessen wird. So vergleicht der bekannte Theologe Erzpriester Dimitri Smirnow die Erscheinung des „Spas“ mit der Entscheidung der ersten Apostel, die Lehre Christi auf Pergament niederzuschreiben. Damals und heute sei laut dem Geistlichen Ähnliches geschehen - Gotteswort erhielt neue Informationsträger.

    Von der öffentlichen Begeisterung um dieses Ereignis wird auch der Chefredakteur des „Spas“, Iwan Demidow, früher ein populärer Fernsehmoderator von Rockmusik-Programmen, inspiriert. Heute ist Demidow ein eifriger Kirchenbesucher und Bibelkenner, der in der Orthodoxie die nationale Idee sieht, die Russland unter den Verhältnissen der Krise der kommunistischen Ideologie vereinen könne.

    Der Zusammenschluss der russischen Gesellschaft sei das Hauptanliegen von „Spas“, seine Superaufgabe, meint Demidow. Das Sendenetz des Fernsehkanals beinhaltet Talkshows unter dem Gesamttitel „Russische Stunde“, Dokumentarfilme sowie Aufklärungs- und Bildungsprogramme. Der Sender plant keinerlei Spielshows und Unterhaltungsprogramme sowie keine Spielfilme.

    „Der orthodoxe Sender ist eine äußerst fundamentale Initiative“, erläutert einer der „Spas“-Gründer, der Philosoph Alexander Dugin. „Das moderne Fernsehen amüsiert die Zuschauerschaft, das heißt, es bringt sie auseinander. Der Fernsehkanal ‚Spas’ stellt sich eine gegensätzliche Aufgabe: Menschen versammeln und zusammenführen und die Identität unserer Gesellschaft wiederherstellen.“

    Es besteht die Hoffnung, dass der neue Fernsehkanal auch bei der Bekämpfung des Terrorismus helfen kann. Den 20 Millionen Moslems, die Russland bevölkern, wird die Möglichkeit geboten, sich persönlich davon zu überzeugen, dass die Orthodoxie gegenüber dem Islam keineswegs feindlich eingestellt ist. „Spas“ beabsichtigt, auseinanderzusetzen, wie das Land gegen die Welle der Gewalt gerettet werden könnte, die auf dem religiösen Extremismus basiert. Die Einigung um dieser Superaufgabe willen muss zur erstrangigen Pflicht der Anhänger aller Konfessionen Russlands werden.

    Wie Demidows Schöpferteam glaubt, können in Zukunft Fernsehkanäle erscheinen, die drei anderen Hauptreligionen des Landes - den Islam, den Judaismus und den Buddhismus - repräsentieren würden.

    Zugleich löst die Schaffung des „Spas“ eine besorgte Reaktion der russischen Bürgerrechtler aus. Nach ihrer Meinung nähert sich der Einfluss der Kirche in Russland einer für einen weltlichen Staat gefährlichen Grenze an. Im neuen Text der Staatshymne werde Gott erwähnt, orthodoxe Hierarchen übten starken Einfluss auf die Machtbehörden aus, indem sie forderten, an der Mittelschule Religionsunterricht einzuführen. Bei jeder Gelegenheit versuche die Kirche, eine führende und lenkende Rolle zu spielen, wie sie noch vor nicht allzu langer Zeit in der UdSSR die Kommunistische Partei gespielt habe, warnen die Schützer der Bürgerfreiheiten.

    Und nur die außerordentliche Kostspieligkeit des orthodoxen Fernsehkanals wirkt auf sie beruhigend. Der Empfang des Satellitensignals ist nur durch die Installierung einer Tellerantenne für 300 Dollar und gegen eine Monatsgebühr von 500 Rubel möglich. Diese irdischen Freuden sind in Russland für die Mehrheit der Gläubigen unzugänglich - auch mit Gottes Hilfe nicht.