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    Ausländische Unternehmen in Russland ignorieren Mentalität des örtlichen Personals

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    MOSKAU, 2 August (Alexander Jurow, politischer Kommentator der RIA Nowosti).

    Heute haben praktisch alle bedeutenden Weltunternehmen ihre Vertretungen in Russland. In Moskau allein beträgt ihre Zahl beinahe 5 000. Viele ausländische Unternehmen haben sich inzwischen eigene Produktionskapazitäten zugelegt - und sind auf das Problem eines qualifizierten Personals in Russland gestoßen.

    Die Russen selbst schätzen eine Anstellung in einer in Russland tätigen Auslandsfirma. Der finanzielle Aspekt spielt dabei natürlich eine große Rolle. Aber es geht nicht nur darum. Die in Russland wirkende amerikanische Recroutinggesellschaft Staffwell hat unter den russischen Anwärtern auf freie Stellen bei ausländischen Firmen eine Umfrage veranstaltet. Wie sich herausstellte, haben die örtlichen Einwohner für die Fortsetzung ihrer Laufbahn außerhalb eines russischen Unternehmens ethische Motive. Die Russen klagen über den "Favoritismus": Der Chef befördere nur "eigene Leute" oder Mitarbeiter, die ihm immer und in allem zu Diensten bereit seien. Die Anwärter sind überzeugt, dass es so etwas bei Auslandsfirmen nicht gibt, und streben danach, ihre Karriere unter ausländischer Leitung zu machen.

    In der kleinen Stadt Pawlowski Possad bei Moskau hat ein internationales Lebensmittelunternehmen vor kurzem eine Fabrik zur Produktion von Snacks eröffnet. Die Ausrüstung ist modern und daher der Bedarf an Arbeitskräften nicht groß. Dennoch drängen sich die Menschen täglich in der Personalabteilung des Betriebes. Die einen wollen rein, die anderen raus. Die einen Beschäftigten halten die hohen Anforderungen der Arbeitgeber nicht aus und gehen. An ihre Stelle kommen andere, um ihr Glück zu versuchen. Der Betrieb besteht nun seit beinahe einem Jahr, aber die Personalfluktuation vermindert sich nicht. In einem anderen Land hätte ein solcher ständiger Personalwechsel das Unternehmen längst pleite gemacht. Aber der Betrieb, der den Beschäftigten für die Probezeit einen Minimallohn zahlt, funktioniert munter weiter.

    In letzter Zeit hat sich auf dem russischen Markt der Arbeiterberufe eine paradoxe Situation ergeben. In den Ortschaften, in denen es kein örtliches Personal mehr gibt, finden sich unbedingt niedrig bezahlte "Gastarbeiter". Laut Angaben des Beobachtungsrates für Fragen der Verwaltung und Entwicklung bei der Regierung von Moskau hat die Zahl der Zugereisten unter den Bau- und Instandsetzungsarbeitern 64 Prozent und unter den Kellnern und Verkäufern 40 Prozent erreicht. Hierbei sind zwei Drittel von ihnen nur auf Zeit eingestellt. Die Unternehmer brauchen sich somit keine Sorgen um ihre Weiterbildung zu machen. Viel einfacher ist es, an ihrer Stelle neue Beschäftigte anzuheuern.

    Im Übrigen ist die Situation auch in anderen Segmenten des Arbeitsmarktes nicht minder erstaunlich. Russland hat mehr als genug Fachkräfte auf dem Gebiet der geisteswissenschaftlichen Berufe: HR-Manager der mittleren Ebene (Mitarbeiter der Personalabteilung), Marktforscher, Werbefachleute, PR-Manager und Juristen. Allerdings sind hochqualifizierte und erfahrene Vertreter selbst dieser Berufe eher rar. Aber schließlich sei das in jedem Land der Fall, meint Ija Nowikowa, Recrouting-Direktorin bei Staffwell Search, besonders wenn die Rede von einer Stelle der höheren Ebene sei. Deshalb ziehen es die ausländischen Unternehmen vor, für leitende Funktionen "Ex-Pats" - Ausländer, die im Ausland arbeiten - zu nehmen, was auch für Russland typisch ist.

    In Russland mangelt es an Fachkräften, die imstande sind, nach den westlichen Standards zu arbeiten. Im Bank- und Finanzsektor beispielsweise ist es am schwierigsten, solide Analytiker, Fachleute für korporative Finanzen sowie Manager für die Arbeit mit VIP-Kunden zu finden. Aber der Hauptgrund, weshalb die Recrouter einem russischen Manager einen Ex-Pat vorziehen, steckt in der Mentalität. Den Begründern und Leitern von ausländischen Firmen fällt es leichter und ist es bequemer, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ihnen geistig nahe stehen. Und selbst wenn ein russischer Fachmann vielleicht den örtlichen Markt besser kennt und dort mehr Kontakte hat, zieht eine ausländische Gesellschaft es doch vor, auf einem leitenden Schlüsselposten gerade einen Ex-Pat zu sehen.

    Freilich weisen die jüngsten Trends auf dem Arbeitsmarkt einen Rückgang der von Ausländern besetzten Posten auf. Mehr noch, Personalexperten behaupten, die Suche nach einem Ex-Pat beginne nur dann, wenn es nicht gelingt, auf dem örtlichen Markt einen passenden Kandidaten zu finden. Selbst unter diesen Umständen hat es ein Ausländer schwer. Beinahe immer muss er gute Russischkenntnisse und Erfahrungen bei der Arbeit auf dem russischen Markt mitbringen.

    Aber in Wirklichkeit beeilen sich die ausländischen Gesellschaften nicht, sich der Mentalität und den Gewohnheiten der örtlichen Einwohner anzupassen, und lassen von ihren Versuchen nicht ab, unter den Russen Menschen zu finden, die ihnen selber am meisten gleichen. Regina von Flemming, Präsidentin der internationalen Consulting-Firma Flemming & Partner, arbeitet in Berlin und Moskau. Sie sieht eine ihrer Aufgaben darin, den Recroutern in Deutschland und Russland zu erklären, welche konkreten Eigenschaften die Anwärter haben sollen. Wie sie sagt, haben die deutschen Firmen ihre eigene nationale Idiosynkrasie, deshalb sei es sehr wichtig, dass das russische Personal versteht, was es heißt, in einer deutschen Firma zu arbeiten, und wodurch sich das von der Arbeit in anderen ausländischen Unternehmen unterscheidet.

    Den Beobachtungen Ija Nowikowas zufolge gibt es auf dem russischen Markt heute keine ausländischen Unternehmen, die ohne russische Mitarbeiter auskämen. Allerdings falle es den Fachkräften mit russischer Mentalität am leichtesten, in amerikanischen und europäischen Unternehmen zu arbeiten, die sich auf dem Markt aggressiv aufführen. Sie bieten ihren Mitarbeitern Gehälter im Rahmen des Marktdurchschnitts oder darüber. Mehr noch, diese Unternehmen sichern eine rasche Karriere. Aber am kompliziertesten ist es für das russische Bewusstsein, sich dem Arbeitsstil der asiatischen - etwa der japanischen, indischen oder vietnamesischen - Firmen anzupassen. Neben den kulturellen Besonderheiten, die sich im Leitungsstil und einer straffen Hierarchie widerspiegeln, ist es in solchen Unternehmen schwieriger, einen Lohnzuschlag oder eine berufliche Beförderung zu erzielen. Trotzdem haben selbst diese Unternehmen in Russland eine lange Bank von "Auswechselspielern" zu ihrer Verfügung.