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    Russlands Macht: Patrioten gesucht

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    MOSKAU, 02. August (Wassili Kononenko, politischer Kommentator der RIA Nowosti.) Als sich Wladimir Putin mitten im Hochsommer für viele unerwartet mit Vertretern der antifaschistischen Jugendbewegung „Naschi“ („Die Unsrigen“) traf, wurde das zu einer symbolischen innenpolitischen Geste des Präsidenten von Russland.

    Das Staatsoberhaupt war aufrichtig genug, die Jungaktivisten um Hilfe für die Gesellschaft zu bitten, die mit Problemen in der Jugendszene wie der Trunk- und Drogensucht, den Phobien und sonstigen negativen Äußerungen in der Sphäre der zwischennationalen und interkonfessionellen Beziehungen zu kämpfen hat.

    Unverkennbar war hierbei die patriotische Gesinnung des Präsidenten, die er auch den Kommissaren einer der radikalsten Jugendorganisationen des Landes übermitteln wollte. Kennzeichnenderweise fand dieses Treffen statt, bald nachdem die Regierung das neue föderale Zielprogramm, „Die patriotische Erziehung der Bürger der Russischen Föderation 2006 - 2010“, angenommen hatte. Vor diesem Hintergrund drängt sich der Gedanke auf, dass die Macht gewisse Befürchtungen hat. Der Kommentator der RIA Nowosti bat Alexej Sudin, einen der führenden russischen Politologen und Leiter des Departements Politische Programme im Zentrum für politische Technologien, die Situation zu kommentieren.

    Frage: Es entsteht der Eindruck, dass sich die Behörden überaus große Sorgen um die patriotische Erziehung der Jugend machen. Warum ist das Problem, welches für gut zehn Jahre vergessen war, mit einem Mal so aktuell geworden?

    Antwort: Der Hauptgrund besteht darin, dass die innenpolitischen Prozesse Russlands einen aktiven äußeren Rahmen bekommen haben. Dieser ist mit der geopolitischen Erweiterung des Westens, mit den so genannten „samtenen Revolutionen“ und jener Reaktion der Macht in unserem nahen Ausland verbunden, in der die Jugend eine Schlüsselrolle spielte. Außerdem darf die mannigfaltige Hilfe nicht außer Acht gelassen werden, die andere Länder, vor allem die USA, besagten Revolutionen erweisen. Somit trägt das Interesse der Macht an der patriotischen Erziehung der Jugend einen praktischen Charakter. Meiner Meinung nach ist das eine positive Erscheinung, denn für die Realisierung eines jeden Projektes muss ein praktisches Bedürfnis und nicht nur ein formelles administratives Interesse vorliegen. Man könnte sogar sagen, dass die Idee einer „souveränen Demokratie“, der realen Souveränität des Staates davon abhängt, wer die politischen Prozesse im Lande lenken wird - die inneren oder die äußeren Kräfte.

    Frage: Soll das heißen, dass Sie die Einmischung äußerer Kräfte in die russische Politik für möglich halten?

    Antwort: Eher denke ich an die Beteiligung solcher Kräfte. Inzwischen sind nämlich gewisse Technologien hinzugekommen. Nennen wir sie „revolutionäre Technologien“. Sie haben demonstriert, dass sie Erfolge bringen können. Sie können kopiert werden. Unter solchen Bedingungen wäre es sündhaft, wenn die Macht und die Politiker nicht zu derartigen Technologien greifen würden. Etwas anderes ist, dass beliebige Veränderungen, wie die Erfahrungen der „samtenen Revolutionen“ lehren, erst dann eintreten können, wenn bestimmte innere Voraussetzungen dafür herangereift sind. Freilich müssen diese Voraussetzungen sehr aufmerksam erforscht werden, damit keine Fehler passieren. Hier ein Beispiel.

    Ende 1999 bildete sich in Russland ein kolossales Bedürfnis nach einer Erneuerung der Macht heraus. Die Systemopposition in Gestalt des Blocks „Otetschestwo - Wsja Rossija“ (Vaterland - Ganz Russland) beschloss in ihrer Denkträgheit, wenn ein solches Bedürfnis bestehe, werde die Macht ihr von allein in den Schoss fallen. Wir waren jedoch Zeugen dessen, wie der Kreml es fertig brachte, die politische Revolution, die es hätte hinwegfegen sollen, vor seinen Wagen zu spannen. Eben das nennt sich „eine Initiative abfangen“, nach dem bekannten Motto: „Lässt sich eine Veränderung nicht aufheben, so muss man sie anführen.“

    Frage: Demnach wird Russlands Jugend gezwungenermaßen politisch aktiv?

    Antwort: Der äußere Faktor, von dem wir bereits sprachen, ist gewiss bestimmend. Doch hat die Jugendszene auch ihre inneren Bedürfnisse. Soziologische Forschungen zeigen, dass Russlands Jugend in höherem Grade apolitisch ist als die Gesellschaft als Ganzes. Die Differenz beträgt rund 10 Prozent. Aber solche Forschungen haben auch folgendes recht wesentliches Moment zu Tage gefördert: Wenn ein Mensch nach seiner Bereitschaft gefragt wird, einer politischen Organisation beizutreten, zeigt die Jugend eine größere Bereitschaft als die Bevölkerung der höheren Altersgruppen.

    Frage: Kehren wir zum Thema der patriotischen Erziehung zurück. Welche Ideale eignen sich heute dazu, die jüngeren Generationen Russlands an ihrem Beispiel zu erziehen? Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass unsere Jugend in den letzten fünfzehn Jahren nur noch nach dem Westen sah.

    Antwort: Die Zeit der bedenkenlosen Orientierung auf den Westen ist bereits vorbei. Die öffentliche Meinung ist im Lande anders geworden. In der Einstellung zum Westen zeigt man jetzt mehr Distanz, mehr Skepsis und auch mehr Sinn für das Reale. Die Menschen sind nicht feindselig gegenüber Europa oder Amerika gesinnt. Sie suchen nach den universellen Werten der Gegenwart, die durch nationale Werte ergänzt sind. Die Rede ist in erster Linie von jenen jungen Leuten, die die Absicht haben, in Russland zu leben und zu arbeiten. Diese Kategorie ist am natürlichsten für die Herausbildung eines neuen Patriotismus. Im Unterschied zu den sowjetischen Methoden, Patriotismus anzuerziehen, kann man heute von seinen Formen sprechen, die die Opferbereitschaft als unbedingtes Element ausschließen. Am geeignetsten ist hier wohl das Streben nach einem besseren Leben in Russland.

    Frage: Die Jugendstruktur unter dem Namen „Die Unsrigen“ tritt unter recht konfliktgeladenen Losungen auf. Zum Beispiel: „Die regierende Klasse verjüngen“, eine „Personal-Revolution“ vollziehen. Wird das nicht zu einem Generationenkonflikt führen?

    Antwort: Ein Beamter aus dem Kreml drückte sich sogar noch direkter aus: „Wie wäre es, wenn wir euch das ganze Land übergäben?“ In Wirklichkeit sind all diese Losungen und Versprechungen der Macht ein Echo auf die großen Fragen der Jugend. Wir wollen es „soziale Mobilität“ nennen. Das bedeutet, dass eine Orientierung auf Bedingungen für die Selbstrealisierung vorhanden ist. Es kommt darauf an, dass den Worten Taten folgen. Was die Konfliktgeladenheit angeht, so baut jede politische Tätigkeit auf dem Prinzip der Unterscheidung zwischen den „Unsrigen“ und „Nicht-Unsrigen“ auf.