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    Chordorkowskis "Linksruck"

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    MOSKAU, 3. August (Wassili Kononenko, politischer Kommentator, RIA Nowosti). Die revolutionäre Geschichte Russlands dreht sich im Kreis.

     Die Dekabristen, die nicht wie einige ihre Gesinnungsgenossen erhängt, sondern zur Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt wurden, schrieben von dort reuevolle Briefe an ihre Kampfgefährten in Sankt Petersburg. Ihr Nachfolger Wladimir Uljanow rief in seinen Briefen aus der Emigration seine Genossen auf, "die Aufgaben der Revolution nicht auf das Prokrustes-Bett der eng verstandenen Theorie zu legen" und die Realitäten zu berücksichtigen. Der frühere Yukos-Besitzer Michail Chodorkowski, der wegen Diebstahl des früheren Volkseigentums zu neun Jahren Haft verurteilt wurde, schreibt heute wie auch seine Vorgänger aus der Zarenzeit Prophetenbriefe, in denen er sich selbst auspeitscht.

    Am Anfang hatte es ein "Jahrhundertwerk" über "die Krise des Liberalismus in Russland" gegeben, nun erschien in einer russischen Zeitung sein Artikel über die "Linkswende" in unserer Geschichte. Mit anderen Worten: Der Verfasser, der jetzt die gleichen Rechte wie die anderen Gefangenen hat und ein bis zu 40 kg schweres Lebensmittelpaket im Monat bekommen darf, ist bemüht, die öffentliche Meinung durch die kategorische Schlussfolgerung aus dem Gleichgewicht zu bringen, im Lande nähmen autoritäre Tendenzen zu, deshalb sei eine Machtübernahme durch die Linken, vertreten durch die KPRF oder die Partei "Rodina" als Wortführer der sozialen Gerechtigkeit, unvermeidlich.

    Allerdings muss man einräumen, dass Herr Chodorkowski das zugibt, was bisher keiner der russischen Milliardäre zugegeben hat. "An wen ging das sowjetische sozialistische Eigentum, das drei Generationen in Schweiß und Blut geschmiedet hatten? Warum verdienen Menschen, die weder klug noch gebildet sind, Millionen, während Akademiemitglieder und Helden, Seefahrer und Kosmonauten hinter der Armutsgrenze bleiben?" fragt der neureiche Milliardär.

    In wissenschaftlicher Hinsicht bringen seine Überlegungen über die "gescheiterte Freiheit und Gerechtigkeit" in den Jahren der Reformen in Russland nichts Neues. Die entwickelten Länder Europas haben einen langen Weg des ständigen Wechsels konservativer und sozialdemokratischer Regierungen zurückgelegt. Im Nachkriegsdeutschland etwa steigerten die Konservativen methodisch die Wirtschaft und bauten die Sozialprogramme ab. Die Sozialisten, von denen sie abgelöst wurden, gaben das Geld genauso methodisch aus, was im Endeffekt zum jetzigen Wirtschaftskollaps geführt hat.

    Bemerkenswert ist allerdings, dass Chodorkowskis "Neueinschätzung" von dem, was in Russland unter aktiver Beteiligung der "Oligarchen" geschehen ist, erstaunlich schnell kam. Kurz nach dem Zeitpunkt, als sich die Türen der Untersuchungshaft hinter ihm geschlossen haben. Erst im Sommer 2003 führte sich der Milliardär und dem Vernehmen nach "der größte Aufkäufer der Staatsduma-Sitze" wie der eigenmächtige Herrscher des Landes auf. In einer internationalen Konferenz, die vom Institut für angewandte internationale Studien veranstaltet wurde, das der Yukos-Chef selbst finanzierte, hielt Chodorkowski eine Rede, die nicht anders als eine Frechheit gegenüber der Macht und den Mitbürgern zu bewerten ist. "Wozu brauchen wir einen Staat?" sagte er. "Um Steuern einzutreiben, die Armee zu unterhalten und Renten zu verteilen. Das ist eigentlich alles..." Offenbar dachte er in jenem Augenblick, dass die von ihm "aufgekaufte" Staatsduma die Verfassung ändern und ihn zum allmächtigen Ministerpräsidenten machen würde. Daraus wurde allerdings nichts.

    Von dem Zeitpunkt an, als seine persönliche Freiheit und die Bewegungsfreiheit der den 90 Prozent der loyalen russischen Bürger weggenommen Milliarden eingeschränkt wurden, gab der Angeklagte auf einmal öffentlich die liberalen Werte auf. Sein neuester Gefängnisbrief unter dem Titel "Die linke Wende" wirkt vor dem Hintergrund von dem, was dem Autor passiert ist, eindeutig wie "die Kinderkrankheit des Linksradikalismus", deren Ursprung bekanntlich in der Angst liegt. Offenbar erinnerte sich der "volkstümliche Milliardär" an den Präzedenzfall, als die prokommunistische Staatsduma kurz nach dem gescheiterten Linksputsch 1993 Chasbulatow und die anderen Verschwörer amnestiert hat.

    Die neuen Wahlen finden bekanntlich schon in ein Paar Jahren statt. Wird es ihm bis dahin gelingen, den Ruf eines "Sammlers der Gerechtigkeitskräfte" für die sogenannte Volksregierung zu verdienen, so wird er bestimmt Chancen auf eine vorzeitige Freilassung haben. Mit Revolutions- und Entwicklungstheorien ist dies aber in keiner Weise verbunden.

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