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    Die letzten Salven des Zweiten Weltkrieges

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    MOSKAU, 03. August (Armeegeneral Machmut Garejew, Präsident der Akademie der Militärwissenschaften, für die RIA Nowosti.)

    Am 2. September 1945 unterzeichnete Japan an Bord des amerikanischen Linienschiffes „Missouri“, das in der Bucht von Tokio lag, den Akt über seine volle und bedingungslose Kapitulation. Damit war der Zweite Weltkrieg, der praktisch sechs Jahre dauerte und über 50 Millionen Menschenleben forderte, beendet. Den siegreichen Schlusspunkt setzte zusammen mit den Alliiertentruppen auch die Rote Armee.

    Sie zerschlug die größte Gruppierung der feindlichen Truppen im asiatisch-pazifischen Becken: die millionenstarke Kwantungarmee des kaiserlichen Japans, die 1 155 Panzer, 5 360 Artilleriegeschütze, 1 800 Kampfflugzeuge und 25 Schiffe zählte und längs der Grenzen ständige tiefgestaffelte Betonbefestigungen angelegt hatte. Sie waren durch unterirdische Gänge miteinander verbunden und hatten Lebensmittel- und Wasservorräte für mehrere Monate ununterbrochener Gefechte.

    Die mandschurische strategische Offensivoperation, die die sowjetischen Truppen zwischen dem 9. August und dem 2. September 1945 im Fernen Osten durchführten, ist in die Geschichte des Zweiten Weltkrieges und die Geschichte der Militärkunst als eines ihrer markantesten und inhaltsreichsten Kapitel eingegangen. Die Operation wurde an einer 5 000 Kilometer langen und 200 bis 800 Kilometer breiten Front entfaltet und verlief auf einem sehr komplizierten Kriegsschauplatz mit einem Gelände von Wüstensteppen, Bergen, versumpften Wäldern und Taigazonen, das von den Strömen Amur, Argun und Sungari durchschnitten war. Hierbei vernichtete die Rote Armee etwa 84 000 Soldaten und Offiziere des Gegners, nahm beinahe 700 000 japanische Armeeangehörige gefangen und verlor selbst nur 12 000 Mann. Das war nicht einmal ein Prozent der bei den Kampfhandlungen eingesetzten Truppen. Keine andere Kampfoperation des Zweiten Weltkrieges - weder eine der Wehrmacht noch eine der anglo-amerikanischen Truppen - konnte solche Ergebnisse aufweisen.

    Einige westliche Autoren erklären diese hervorragenden Ergebnisse freilich damit, dass die japanische kaiserliche Armee nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki bereits völlig demoralisiert gewesen sei und keine einigermaßen beachtliche Kampfkraft mehr dargestellt habe. Auch sonst sei die Teilnahme der Sowjetunion an den Schlussetappen des Zweiten Weltkrieges nicht unbedingt notwendig gewesen: Die Truppen der Vereinigten Staaten und ihrer Alliierten hätten das imperialistische Japan auch ohne ihre Hilfe überwinden können. Was ist auf solche Behauptungen zu antworten? Nur eines: All das ist entweder eine unverhohlene, bewusste Lüge oder einfach eine absolute Uninformiertheit, das Fehlen von vollwertigen Kenntnissen der realen Kriegsgeschichte von Mitte des vorigen Jahrhunderts.

    Erstens baten US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill den Obersten Befehlshaber Jossif Stalin wiederholt auf der Teheraner und der Jalta-Konferenz (1943 bzw. 1944) um die Teilnahme der Sowjetunion und ihrer Armee am Krieg gegen Japan. Eine solche Hilfe wurde versprochen. Auf der Potsdamer Konferenz (1945) erhielt der neue amerikanische Präsident, Harry Truman, von Stalin die Bestätigung dessen, dass die Rote Armee genau drei Monate nach Unterzeichnung der Kapitulation durch das faschistische Deutschland eine Operation gegen die Kwantungarmee beginnen werde. Und wirklich überquerten unsere Truppen in der Nacht zum 9. August die Berührungslinie zur japanischen Armee.

    Militärhistoriker wissen, warum Washington so beharrlich auf einer Teilnahme der UdSSR am Krieg gegen Tokio bestand. Im August 1945 zählten die japanischen Truppen im asiatisch-pazifischen Raum beinahe 7 Millionen Mann, 10 000 Flugzeuge und 500 Kriegsschiffe, die Armee der Alliierten dagegen nur 1,8 Millionen Mann und 5 000 Flugzeuge. Wäre die Sowjetunion nicht in den Krieg eingetreten, so hätten die Hauptkräfte der äußerst kampffähigen Kwantungarmee gegen die Amerikaner konzentriert eingesetzt werden können, und dann hätte der Krieg nicht noch einen Monat, sondern zumindest noch ein oder zwei Jahre gedauert. Die amerikanischen Truppen hätten dabei über eine Million Mann verloren. Die Pentagon-Generale sagten das Präsident Truman ohne Umschweife. Auch er hatte zuerst keinen Sinn in einer Teilnahme der Sowjetunion am Krieg gegen Japan gesehen - das ist ein historischer Fakt. Aber die amerikanischen Generale konnten ihn ohne Weiteres umstimmen.

    Zweitens lag es auch im Interesse des Kreml, die japanische Kwantungarmee zu zerschlagen, die nordöstlichen Gebiete Chinas (Mandschurei) und Nordkorea von den Landräubern zu befreien, Tokio nach Möglichkeit um die militärwirtschaftlichen Stützpunkte auf dem asiatischen Festland und das Aufmarschgebiet für einen Überfall auf die UdSSR und die Mongolei zu bringen sowie den chinesischen Patrioten bei der Befreiung ihrer Heimat zu helfen. Ein zusätzliches Motiv war der Wunsch, für die schändliche Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg von 1905 Revanche zu nehmen sowie die entgegen dem Recht vom Land abgetrennten Territorien - Südsachalin und die Kurilen - wieder anzuschließen. Im August ’45 war ich in den Reihen der angreifenden 5. Armee der 1. Fernostfront und weiß noch, wie praktisch jeder von unseren Soldaten und Offizieren von dem Wunsch beseelt war, „die Schande von 1905 zu tilgen“.

    Außerdem hatten die sowjetischen Truppen die Aufgabe, die Sicherheit der fernöstlichen Grenze zu gewährleisten. All die 1 415 Tage des Großen Vaterländischen Krieges musste das Land an dieser Grenze bis zu 40 vollständige Divisionen halten, die an der sowjetisch-deutschen Front bitter nötig gewesen waren, besonders in den Tagen und Monaten der Moskauer, der Stalingrader und der Kursker Schlacht, in denen über unseren Sieg entschieden wurde. Gewisse westliche Forscher behaupten, die Japaner hätten sich an diesen Grenzen recht still verhalten und nicht die Absicht gezeigt, die UdSSR zu überfallen. Auch das stimmt nicht. Die Truppen der Kwantungarmee verübten wiederholt bewaffnete Provokationen gegen unsere Soldaten, verletzten die sowjetische Land- und Seegrenze, ihre Flugzeuge drangen immer wieder in den Luftraum der Sowjetunion ein. Zwischen 1941 und 1945 wurden über 1 000 solche Fälle registriert. 178-mal hielten die Japaner unsere Handelsschiffe fest, 18 davon wurden von ihnen versenkt.

    Nun dazu, wie sich die auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben auf den Widerstandswillen der Kwantungarmee auswirkten. Die Bomben wurden bekanntlich am 6. und 9. August abgeworfen. Wie jedoch der namhafte zeitgenössische japanische Historiker und Teilnehmer jenes Krieges Hattori bezeugt, befahl das kaiserliche Hauptquartier am 10. August dem Oberkommandierenden der Kwantunger Truppengruppierung, General Yamada, „die Hauptanstrengungen gegen die Sowjetunion zu richten und den Gegner aufs Haupt zu schlagen“. Am 14. August, als Tokio die Entscheidung traf, zu den Bedingungen der Potsdamer Deklaration vom 26. Juli 1945 zu kapitulieren, und die Regierungen der USA, der UdSSR und Großbritanniens darüber benachrichtigte, war der Befehl über die Einstellung des Widerstandes in der Kwantungarmee immer noch nicht eingegangen. Erst die zügige, durch die Fliegerkräfte und die Flotte unterstützte Offensive unserer allgemeinen Verbände, die wuchtigen Schläge der Artilleriegruppierungen und das Aussetzen von Luftlandetruppen im Rücken der Japaner sowie die Aufsplitterung der japanischen Armee in ungleiche, miteinander nicht verbundene Teile zwangen die Offiziere und Soldaten von Kaiser Hirohito, die Waffen niederzulegen und sich gefangen zu geben. Das geschah erst nach dem 20. August. Aber auch später kämpften - das kann ich als Augenzeuge bekräftigen - einzelne befestigte Räume bei der Ortschaft Gradekowo und dem Berg Werbljud selbst in voller Umzingelung gegen unsere Truppen erbittert weiter, dabei auch nach dem 2. September.

    Ich möchte speziell betonen: Die mandschurische strategische Offensivoperation demonstrierte nicht nur die gewachsene Macht der Roten Armee, die sie gegen Ende des Krieges gespeichert hatte, sondern auch die hervorragende Militärkunst ihrer Feldherren. Beredt genug ist allein schon die ungewöhnlich schnelle Verlegung von 400 000 Soldaten und Offizieren, mehr als 7 000 Artilleriegeschützen und 1 100 Flugzeugen von der West- an die Ostfront, wozu 136 000 Eisenbahnwaggons nötig waren. Bemerkenswert ist, dass die japanische Aufklärung diese Verlegung nicht bemerkte, obwohl sie im Fernen Osten ein sehr weit verzweigtes Agentennetz hatte. Und noch ein Detail. Das sowjetische Oberkommando hatte den Beginn der Offensive gegen die japanischen Positionen für die Nacht vom 8. zum 9. August geplant. Der Chef der Aufklärung der 5. Armee (die Japaner hatten ebenfalls eine solche Armee) meldete das dem Oberkommandierenden General Yamada. Dieser schrieb auf der Meldung: „Nur ein Wahnsinniger kann sich dazu entschließen, im Regenmonat August im Küstenraum anzugreifen, wenn alle Straßen für die Truppen unwegsam werden.“

    Wir aber gingen zur Offensive über und siegten. Natürlich war dieser Sieg absolut nicht leicht. Die Panzer und Geschütze blieben im breiigen Schlamm stecken, in dem sich auch die Reiterei nur mühsam fortbewegen konnte. Ganze Kilos von Lehm klebten an den Stiefeln und den Pferdebeinen, dennoch war das Angriffstempo so hoch, wie es auch in den trockenen Sommermonaten an der sowjetisch-deutschen Front nicht gewesen war. Allerdings muss hier die Hilfe erwähnt werden, die uns chinesische Bauern erwiesen. Niemand nötigte sie dazu. Aber die japanischen Okkupanten hatten sie wohl so weit gebracht, dass sie von selbst auf die Straße kamen und unsere Panzerwagen buchstäblich mit den Armen über den Schlamm zogen, nur damit wir die Erzfeinde möglichst schnell von ihrem Boden vertrieben.

    Und schließlich ein paar Worte zum Zusammenwirken mit den Alliierten. Zweifellos waren die Zonen unserer Kampfhandlungen, die Angriffsrichtungen und Besatzungsräume von der Führung der Operation im Voraus aufeinander abgestimmt. Aber nicht alle Vereinbarungen wurden tadellos eingehalten. Als zum Beispiel die Bataillone der 25. Armee von Generaloberst Iwan Tschistjakow den Nordrand von Söul erreicht hatten, mussten sie dort zwei Tage und Nächte warten, bis die amerikanischen Truppen eintrafen und die Positionen in dem ihnen zugeteilten Raum bezogen. Und umgekehrt: Als die Truppen unserer 39. Armee in das Vorfeld von Port-Arthur vorgestoßen waren, beeilten sich zwei amerikanische Einheiten, die mit Schnellbooten ankamen, mit den an der Küste angelandeten Truppen einen strategisch vorteilhaften Abschnitt zu besetzen. So mussten unsere Soldaten mit MPi-Feuer (allerdings schossen sie nicht auf die Schnellboote, sondern in die Luft) die „ungebetenen Gäste“ zum Weichen zwingen.

    Auch ihre Verpflichtung, mit der Roten Armee die Bürde der Besetzung der Insel Hokkaido zu teilen, worüber sich die Führer der drei Mächte geeinigt hatten, wurde nicht erfüllt. General Douglas MacArthur, der auf Präsident Harry Truman einen starken Einfluss hatte, trat entschieden dagegen auf. Und so konnten die sowjetischen Truppen das japanische Territorium nicht betreten. Dafür hinderten wir das Pentagon daran, Militärstützpunkte auf den Kurilen unterzubringen. Es war klar: Hätten sie sich dort erst festgesetzt, so wäre es sehr schwer gewesen, sie zum Räumen der Basen zu zwingen.

    Erwägt man die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges und analysiert man die Ereignisse seiner letzten Tage, so gelangt man doch zu folgendem Schluss: Die führenden Länder der Welt können ein gemeinsames Übel besiegen; Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren es der Hitlerfaschismus und der japanische Militarismus, heute ist es der internationale Terrorismus. Aber das können sie nur gemeinsam tun, wenn sie einander unterstützen und dem Partner auf jede Weise helfen. Ohne eine solche Solidarität, die nicht durch momentane konjunkturelle Erwägungen und eine kleinliche egoistische Politik angefressen wird, ist jeder von uns im Alleingang zum Misserfolg verurteilt. Zusammen aber sind wir unbesiegbar.

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