03:02 25 April 2017
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    Vogelgrippe kein Grund zur Panik, aber eine Gefahr besteht

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    MOSKAU, 04. August (Tatjana Sinizyna, Kommentatorin der RIA Nowosti) „Menschen haben sich in Russland bisher nicht mit der Vogelgrippe infiziert.

    Für Panik und das Gerede von einer Epidemie ist es zu früh“, meint Professor Wassili Bojew, Laborleiter für epidemische Kybernetik am Forschungsinstitut für Epidemiologie und Mikrobiologie bei der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau.

    Das liegt daran, dass die für Menschen gefährliche Form der Vogelgrippe im menschlichen Körper selbst entsteht, und zwar durch die Mutation von zwei Viren, eines Menschen- und des Vogelvirus. „Wenn die beiden Viren aufeinander stoßen“, so erklärte der Forscher, „mischen sie sich und tauschen Genen aus. Im Gefolge entsteht ein abgeleiteter Virus (zum Beispiel der bereits bekannte Virus H5N1), der bei Kontakt von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.

    Bojew macht aber auf eine andere Gefahr aufmerksam: „Es muss die übliche Grippewelle abgewartet werden. Erst dann kann die entstandene Lage untersucht werden. Genau vor diesem Hintergrund ist die Wahrscheinlichkeit einer epidemiologischen Variante hoch“. Der Chef des Sanitärdienstes Russlands, Gennadi Onischtschenko, sieht unterdessen mit mehr Optimismus auf das Problem. „Ich hoffe, wir gehen ohne den Virus der Vogelgrippe in die Zeit eines starken Ansteigens der Atmungserkrankungen. Das gefederte Hausvieh in den infizierten Gebieten wurde durchgängig untersucht. Der gesamte Komplex der Vorbeugemaßnahmen steht fest, und nun geht es um seine vollständige Umsetzung“, sagte er am 3. August auf einer Beratung in Nowosibirsk, wo prophylaktische Maßnahmen zur Diskussion standen.

    Der Föderale Sanitärdienst ergreift auch weiterhin alle geeigneten Maßnahmen, um die in den Gebieten Nowosibirsk, Tjumen und Altai erfassten Infektionsherde zu liquidieren. Ausgerechnet in diesen Gebieten befinden sich aber die Gewässer, die den Zugvögeln als Sammelpunkte für ihren Weiterflug dienen. Vermutet wird, dass gerade die Zugvögel die gefährliche Krankheit nach Russland eingeschleppt haben. Im Wektor-Zentrum für Virologie und Biotechnologien in Nowosibirsk wurde die Viruskultur untersucht und beschrieben. Erfasst wurden alle Charakteristika und Besonderheiten. Die Stämme der Kulturen entsprechen voll und ganz denen, welche in Südostasien zirkulieren. Das erleichtert manches, denn es trat nicht eine neue „russische“ Art der Vogelgrippe auf, sondern eine bekannte.

    Heute muss Russland seine eigenen bitteren Erfahrungen sammeln. An allen Orten, wo der Virus registriert wurde, werden eventuelle Erkrankungen erfasst. Die Ärzte unternehmen tägliche Rundgänge und kontrollieren den Gesundheitszustand der Bevölkerung. Es wird desinfiziert, und es wurden Sperrzonen eingerichtet. Nach Angaben aus dem Apparat des Gouverneurs von Nowosibirsk wurden 65 000 Stück Hausvögel aller Gattungen eingezogen und verbrannt. Die materiellen Einbußen kompensiert der Staat. Der Bezug neuen Federviehs wird frühestens in 21 Tagen genehmigt. Onischtschenko ist überzeugt, dass dieser Komplex von Vorbeugemaßnahmen es ermöglicht, eine weitere Ausbreitung der Vogelgrippe auf andere Regionen Russlands zu verhindern.

    Die Wissenschaft setzte der Vogelgrippe in den letzten Jahren aktiv alles entgegen, worüber sie verfügt. Weltweit wurden Produktionskapazitäten für Impfstoffe gegen eine todbringende Pandemie geschaffen. Die führenden russischen Zentren, fähig zur raschen Entwicklung entsprechender Seren, befinden sich in Saratow, Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk. Epidemien verbreiten sich jedoch sehr schnell und werden, per Flugzeug zum Beispiel, leicht weiter übertragen.

    „Die wichtigste Aufgabe der Ärzte ist die rechtzeitige Impfung. Das ist auch der Kern des Problems“, zeigt sich Bojew überzeugt. Das Moskauer Forschungsinstitut für Epidemiologie und Mikrobiologie entwickelte ein mathematisches Modell der „Prognostizierung der Folgen einer Epidemie der Vogelgrippe auf dem Territorium Russlands“, welches nachweist, wie gefährlich die Vogelgrippe für Menschen ist. Wenn die Mutation der Vogelgrippe definitiv eintritt, dann erfasst sie den größten Teil der Erdbevölkerung. „Die Hoffnung der Menschheit“, so meint Bojew, besteht darin, dass der Virus bisher nicht zu einem gefährlichen Hybrid mutierte, so dass Menschen sich nach bisherigen Erkenntnissen gegenseitig noch nicht infiziert haben“.