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    Bathyscaph „Pris“: 24 Stunden Hoffnung

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    MOSKAU, 05. August (Viktor Litowkin, Kommentator der RIA Nowosti). Am Donnerstag, dem 4. August, hat sich an der Südküste Kamtschatkas der Bathyscaph AS-28 „Pris“ verfangen, der zur Pazifikflotte Russlands gehört.

    Wie RIA Nowosti anhand von Informationen aus dem Stab des fernöstlichen Marineverbandes bekannt wurde, ereignete sich die Katastrophe am frühen Morgen des 4. August (nach Moskauer Zeit am Abend des 3. August) 75 Kilometer südlich von Petropawlosk-Kamtschatski in der Berjosowaja-Bucht. Das Rettungsgerät AS-28 „Pris“, 13,5 Meter lang und 5,7 Meter hoch, war bei einer routinemäßigen Übung von Bord eines Flottenschiffes aus beladen worden. Während des Tauchens verstrickte es sich auf einmal in einen Gegenstand und vermochte nicht mehr aufzutauchen. Es wird vermutet, dass das Tauchgerät an einer Trosse, einem Fischernetz oder an einem elektrischen Kabel hängen blieb. Später gab der Hauptstab der russischen Kriegsmarine bekannt, dass die Schiffsschraube des Geräts sich in einem Netz verfangen habe. Bei den Versuchen, sich zu befreien, legte sich das Netz um die Schraube. Der Apparat blieb in einer Tiefe von 190 Metern (andere Angaben sprechen von 220 Metern), wo Taucher nicht mehr arbeiten können, bewegungsunfähig liegen.

    Experten, wie zum Beispiel der Held der Sowjetunion, Vizeadmiral Jewgeni Tschernow, die wir um einen Kommentar baten, meinten, die Lage sei sehr ernst. „Doch ich verliere nicht den Optimismus“, sagte der Admiral. „Es gibt noch Chancen, die Seeleute zu retten“. Der Optimismus des in Marinekreisen bekannten Fachmannes, der ein Buch über die Katastrophen sowjetischer U-Boote schrieb, stützt sich auf die Annahme, die Pazifikflotte könnte es fertig bringen, ein eben solches in ihrer Verfügungsgewalt befindliches Tauchgerät zu dem verunglückten Apparat tauchen zu lassen. Und eben die Retter des zweiten Bathyscaphes sollen ihren Kollegen helfen.

    Der Bathyscaph des Projektes 1855 vom Typ „Pris“ wurde im Zentralen Konstrukteursbüro „Lasurit“ in Nischni Nowgorod unter Leitung des Helden der Arbeit, Nikolai Kwascha, entwickelt. Seine Arbeitstiefe beträgt 500 Meter. Bei Notwendigkeit kann es aber auch auf 1.000 Meter Tiefe tauchen. Gewöhnlich besteht seine Besatzung aus drei Mann. Sie sollen bis zu 20 Besatzungsmitglieder aus einem verunglückten U-Boot retten können. Der Sauerstoffvorrat reicht bei drei Mann Besatzung für 120 Stunden. Im Falle der Rettung von Seeleuten reicht er für 10 Stunden. Dieser begrenzte Vorrat an reiner Luft löst auch bei anderen Spezialisten, mit denen wir sprechen konnten, Besorgnis aus.

    Konteradmiral Oleg Kustow meint, die Lage am Meeresgrund der Berjosowaja-Bucht sei viel komplizierter, als man es uns berichtet. Wenn die Leute sich schon zwei Tage in der Tiefe aufhalten, dann könnte es sein, dass die Luftfür keine weiteren zwei bis drei Tage ausreicht, wie zu Beginn der Rettungsarbeit verkündet worden war. Auch die Mitteilungen über die in einem „Fischnetz verwickelte Schiffsschraube“ ist nicht sehr überzeugend. An Bord des Tauchgeräts gibt es zumindest drei Ballastbehälter, die beim Abtauchen in die Tiefe mit Wasser aufgefüllt werden. Der Apparat kann auf zwei Weisen wieder auftauchen: Entweder durch die eigene Fortbewegung oder durch das Entleeren der Ballastbehälter. Wenn die Schraube schon nicht funktioniert, warum gibt es dann keine Mitteilungen über Versuche, die Ballastbehälter zu leeren? Wenn das aber verschwiegen wird, dann bedeutet das, die Dinge liegen ganz und gar nicht so, wie man es glauben machen will, sagte der Admiral.

    Seine Skepsis hängt verständlicherweise mit der Tragödie vor fünf Jahren zusammen, als das Atom-U-Boot des Projektes 949 A „Kursk“ mit 118 Besatzungsmitgliedern an Bord nach der Explosion eines defekten Torpedos am 12. August 2000 in der Barentssee auf Grund ging. In den ersten Stunden nach der Nachricht über den Zwischenfall machten die Offiziellen der Kriegsmarine die Bevölkerung Russlands glauben, dass zu dem Boot Hochdruckschläuche mit Luft herunter gelassen würden und Verbindung zu der Besatzung bestehe. Heute ist sehr wohl bekannt, dass es nichts an dem war. Einige Experte meinen, die Katastrophe mit der „Kursk“ könnte sich leider in der Berjosowaja-Bucht wiederholen.

    Derartige Vermutungen beruhen auch auf der Tatsache, dass sich auf dem Schiff, wo die „Pris“ stationiert war, bei Rettungsübungen eigentlich zwei dieser Apparate befinden müssten. Wenn es einen Zweiten nicht gibt, dann dürfen die Übungen gemäß technischen Sicherheitsvorschriften überhaupt nicht durchgeführt werden. Die Tiefe des Ozeans ist eine dem Menschen feindliche Naturkraft. Dort kann alles Mögliche passieren. Das außer Acht zu lassen und nicht auf Unvorhergesehenes eingestellt zu sein, ist zumindest unprofessionell. Gelinde gesagt. Es gab leider keine vorbeugenden Sicherheitsmaßnahmen, wie uns die Situation mit der AS-28 vor Augen führt. Wie seinerzeit bei der Kursk.

    Die russische Kriegsmarine wandte sich schon mit der Bitte an das Kommando der US-Pazifikflotte, bei der Rettung des Tauchgeräts AS-28 und seiner Besatzung Hilfe zu leisten. Eine analoge Hilfe leistet den Seeleuten im Pazifik Japan. Zu dem Unglücksort haben sich vier Rettungsschiffe der Verwaltung für Selbstverteidigung aus dem Land der Aufgehenden Sonne aufgemacht. Das Problem besteht aber darin, dass die Entfernung zu den Küsten der USA und Japans ziemlich groß ist. Um bis zur Südspitze Kamtschatkas zu gelangen, wo sich die Berjosowaja-Bucht befindet und wo die russischen Matrosen verunglückt sind, dauert es nicht weniger als zwei bis drei Tage. Der Berater des Befehlshabers der russischen Kriegsmarine, Kapitän zur See Igor Dygalo, teilte RIA Nowosti unterdessen mit, die Luftvorräte in dem vor Kamtschatka verunglückten Tauchgerät reichen nur noch für einen Tag. Die Hilfe könnte ganz einfach zu spät kommen.

    Und dennoch, die Männer der Pazifikflotte bitten, die Hoffnung nicht aufzugeben. Gemeinsam mit den Angehörigen und Freunden der Seeleute bewahren auch wir sie. Wir haben noch einen Tag Zeit.

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