03:02 25 April 2017
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    Russische Motorräder fassen Fuß auf US-Markt

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    MOSKAU, 8. August (Alexander Jurow, politischer Kommentator der RIA Nowosti). Die Motorradfabrik in der Stadt Irbit im Uralgebiet liefert derzeit bis zu 80 Prozent ihrer Erzeugnisse an die USA.

    In der absoluten Zahl von knapp 800 Stück im Jahr ist das nicht sonderlich viel. Um die Spitzenreiter des US-amerikanischen Marktes - die Japaner oder den einheimischen Produzenten Harley Davidson - einzuholen, müssen die russischen Motorräder der "Ural"-Marke noch einen weiten Weg zurücklegen. Dennoch könnten die Verkäufe des russischen Unternehmens in Amerika zum ersten Mal mit dem Niveau der Lieferungen von Motorrädern bekannter europäischer Firmen in die Übersee verglichen werden.

    Die ersten "Ural"-Maschinen waren bereits 1994 nach Amerika verschifft worden. Die Probelieferung wurde auf Initiative eines amerikanischen Geschäftsmannes vorgenommen, der seine letzte Hoffnung auf das Motorrad-Geschäft gesetzt hatte. Zuvor unternahm er vergebliche Versuche, Kartoffeln in Russland zu vermarkten. Als er bereits in einer Sackgasse steckte, sah der Amerikaner in Moskau ein russisches Motorrad und kam plötzlich auf die Idee, "Ural"-Maschinen als Oldtimer in Amerika zu verkaufen.

    Fast sofort fanden die "Ural"-Motorräder eine Nische in Amerika. Tatsächlich erinnert das Motorrad an Modelle aus den 1950er Jahren. Aber das nur auf den ersten Blick. Nach Worten des Irbit-Chefkonstrukteurs, Dmitri Lebedjanski, haben "Ural"-Motorräder eine klassische Konstruktion, ein klassisches Aussehen und einen klassischen Motor. Dass die Maschine so gut wie keine Elektronik aufweist, wird jetzt sogar als ein positiver Faktor aufgenommen. Moderne Motorräder werden immer komplizierter. Bei einer Panne auf der Straße sind sie kaum mehr wie bislang vor Ort zu reparieren, weil Fachkräfte und spezielle Ausrüstungen erforderlich sind. Dabei bleibt das russische Motorrad einfach, zuverlässig und billig. "Gegenwärtig arbeiten wir an einer neuen Modifikation. Wir sehen jetzt einen Injektor und sonstige moderne Komponenten vor. Allem Anschein nach wird die klassische Form der Maschine beibehalten. Aber in jedem Fall wird das Hauptprinzip unseres Betriebes unantastbar bleiben: Das Motorrad soll preiswert sowie bei Wartung und Reparatur einfach sein", sagte Lebedjanski.

    In Wirklichkeit haben "Ural"-Maschinen bereits kein einziges Element mehr, das hundertprozentig als "retro" bezeichnet werden könnte. Armeen mehrerer Länder haben Motorräder russischer Produktion. Vor kurzem schloss der Betrieb im Ural einen großen Vertrag über die Lieferung von Motorrädern für die irakische Armee. Die meisten Nahost-Länder hatten "Ural"-Motorräder für ihre Armeen gekauft. Sehr bekannt sind diese Maschinen auch in Vietnam und auf Kuba. Selbst in der chinesischen Armee werden "Ural"-Motorräder eingesetzt, wenngleich einer anderen Herkunft. Die Chinesen bauen solche Maschinen nach einer sowjetischen Technologie, die Peking bereits zur Stalin-Zeit zur Verfügung gestellt wurde.

    "Als wir den US-Markt erschlossen hatten, verfolgten wir ganz und gar nicht die ambitiöse Idee, 'Ural' zum besten Motorrad in der Welt zu machen. Wir wollen nur, dass das russische Motorrad populär und weit verbreitet sein wird, hohe Qualität aufweist und somit den Marktführern Honda und Harley in nichts nachsteht", fuhr der Generaldirektor fort. "Deshalb stand uns bereits das frühere Absatzkonzept im Wege. 2002 beschloss unser Betrieb, einen anderen Händler zu finden. Jetzt wird die Maschine auf dem amerikanischen Markt nicht mehr als ein Oldtimer aufgefasst", sagte er.

    Auch diesmal hatte ein Zufall den Ausschlag gegeben. Der Motorrad-Markt ändert sich in den letzten Jahren sehr rasch. Gingen die Produzenten bislang von der Losung "No risk - no fun" aus, sind die Hauptkriterien jetzt anders geworden. Motorräder werden immer öfters von Menschen in reifem Alter und mit überdurchschnittlichem Einkommen erworben. Das Durchschnittsalter der Motorradkäufer in Amerika beträgt erheblich mehr als 20 Jahre, wobei der Anteil der Frauen kontinuierlich steigt. Für die meisten Motorradkäufe sorgen Menschen in der Altersgruppe zwischen 27 und 45 Jahren. Natürlich wollen solche Leute kein Risiko eingehen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Motorräder mit Seitenwagen in Amerika und Europa jetzt immer populärer werden. Dabei passen russische "Ural"-Motorräder ganz gut in dieses Konzept.

    Betriebssprecherin Tatjana Kirjunina ist davon überzeugt, dass Besitzer russischer Motorräder kein für Biker übliches Image von "Menschen ohne Gesetz" mit einem "aggressiven Stil" haben. Zudem unterscheidet sich der Markt für Motorräder krass vom Automarkt. Es geht hierbei nicht um einen Markt für Verkehrsmittel, sondern eher um einen Markt für teure Spielzeuge oder für Erzeugnisse für Erholung oder Unterhaltung. "Ich mag Motorräder", sagte Kirjunina. "Aber wegen meines niedrigen Wuchses habe ich Probleme auf zwei Rädern. Deshalb ist ein Motorrad mit Seitenwagen für mich wohl das Beste", sagte sie.

    Obwohl die "Ural" eine schwere und leistungsstarke Maschine ist, kommt diese zarte Frau damit spielend zurecht. Dabei gibt es nichts Erstaunliches: "Ural" hat einen Zwei-Rad-Antrieb. Interessant ist, dass derartige Modelle gegenwärtig von niemand mehr in der Welt gebaut werden. Auf dem amerikanischen Markt war "Ural" das einzige Modell mit solchen Charakteristika überhaupt. "Ural"-Motorräder haben in Amerika keinen anderen Produzenten beeinträchtigt, sondern die Grenzen dieses Marktes etwas erweitert.