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    Auf der Suche nach Motiven für den islamischen Terrorismus

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    MOSKAU, 09. August (Wladimir Simonow, politischer Kommentator der RIA Nowosti).

    Die jüngsten Terroranschläge in London und im ägyptischen Scharm el-Scheich haben die Russen nicht weniger erschüttert als die Bevölkerung anderer Länder.

    Der alltägliche Terrorismus, der von der Tschetschenischen Republik ausgeht, hat die Russen noch nicht in gefühllose Roboter umgewandelt, die Sprengstoffanschläge wie eine Gesetzmäßigkeit des Daseins wie etwa den Sonnenuntergang oder -aufgang empfinden. Einer Umfrage zufolge haben 79 Prozent der Bevölkerung Russlands Angst vor Terroristen, die sie in die Luft sprengen oder erschießen könnten.

    Zugleich möchten viele einfache Bürger wie auch die russischen Analysten immer mehr begreifen, was die Beweggründe der Menschen sind, die dieses globale Übel anrichten. Dabei spielt auch ein für den russischen nationalen Charakter übliches Merkmal eine Rolle: Die Russen haben immer Mitleid mit Ausgestoßenen und durch die Behörden Verfolgten. Und im Bewusstsein der meisten Durchschnittsbürger haben die Terroristen gerade ein solches Image. Der bekannte Schriftsteller Viktor Astafjew gibt in einer Novelle über das Schicksal eines Mörders auf dem Lande eine präzise Analyse dieser russischen psychologischen Anomalie. Dorfbewohner haben einen Täter selber gefasst. Aber wenn die Miliz kommt, stellen sie sich auf die Seite des Mörders und fordern Mitleid mit ihm. Der Täter wird in den Augen der Menge schnell zu einem Opfer.

    Angewandt auf die internationalen Terroristen, wird dieses psychologische Paradox in dem Bestreben spürbar, diese Terroristen "als Menschen" zu behandeln und zu verstehen, aus welchen Gründen oder Umständen ein normaler Mensch zu einem Teufel wird. "Islamische Terroristen sind auch Menschen. Sie werden nicht durch etwas inspiriert, was es nicht auch unter Vertretern anderer Konfessionen gibt", behauptet ein bekanntes russisches Akademiemitglied in der Presse.

    Anhänger dieser nicht traditionellen Forschungsrichtung weigern sich, die Terroristen ausschließlich als religiöse Fanatiker zu betrachten, die vom Hass gegenüber der westlichen Gesellschaft getrieben werden und von einem weltweiten Kalifat träumen. Das wäre zu einfach für die Wahrheit. Natürlich hat der internationale Terrorismus mit dem Islam zu tun. Aber diese Verbindung darf nicht mit der Natur dieser Religion, sondern muss mit historischen Umständen erklärt werden, die sich auf die islamischen Territorien und Staaten - nicht selten zwangsläufig - ausgewirkt haben.

    Was haben solche Terrorherde wie zum Beispiel der Nahe Osten, Afghanistan oder Irak gemein? Sie sind durch eine beharrliche und größtenteils feindselige Einmischung der "weißen" Zivilisation, des Westens in die Lebensweise in diesen Regionen geeint. Vergleicht man die ersten Pläne zur Aufteilung des britischen Palästina unter die Juden und Araber mit der endgültigen Variante, die in der bekannten UNO-Resolution von 1947 verankert ist, wird man auf eine erstaunliche Tatsache aufmerksam: Die Fläche der arabischen Territorien schrumpfte infolge langjähriger diplomatischer Manipulationen des Westens beachtlich, schon gar nicht zu reden von den Territorien, die Israel später annektierte.

    Seinerzeit wurde Afghanistan zuerst Opfer einer sowjetischen Aggression und später der geopolitischen Rivalität der damaligen Supermächte Russland und der USA. Später wurden diese Schemata der Einmischung in Irak und in Afghanistan durch eine banale Besetzung dieser Länder durch die US-Armee ergänzt. Örtliche führende Repräsentanten in Kabul und Bagdad erinnern in letzter Zeit durch ihren Abhängigkeitsstatus immer mehr an Radschas und sonstige Statthalter, mit deren Hilfe England seinerzeit Indien und Pakistan regiert hat.

    Man muss aber der Wahrheit ins Gesicht sehen. Staaten und Territorien, die im Grunde genommen als Brutstätten des Terrorismus gelten, werden gegenwärtig in vieler Hinsicht von anderen Staaten beherrscht. Die selbe Wortverbindung findet sich in der Resolution der UNO-Vollversammlung von 1972, die die „Legitimität beliebiger zur Verfügung stehender Methoden des Kampfes um die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit“ durch Völker verkündete, DIE VON ANDEREN STAATEN BEHERRSCHT WERDEN.

    Die UNO spricht von „beliebigen“ Methoden, darunter auch solchen, die als Partisanenkrieg mit den daraus resultierenden Folgen als Diversionen oder - um in einer modernen Sprache zu sprechen - als Terror bezeichnet werden könnten.

    Nach dieser Logik gelangt man zum Schluss, dass sich die USA, Großbritannien und andere der Irak-Koalition angehörende Länder jetzt in einem Kriegszustand mit Kräften befinden, die von den Vereinten Nationen festgeschriebene Widerstandsmethoden anwenden.

    Krieg bleibt Krieg. Eine Bombe kann sich ihre Opfer nicht aussuchen. Ist denn in diesem Fall die Empörung berechtigt, dass bei Partisanenangriffen - wenn dieser Begriff angewendet werden darf - „unschuldige friedliche Zivilisten – alte Menschen, Frauen und Kinder - sterben müssen“?. In allen Kriegen, angefangen vom Zweiten Weltkrieg, war die Zahl der Opfer unter der Zivilbevölkerung erheblich größer als unter den Militärs. Ranghohe britische Offiziere, die das Teppichbombardement von Dresden befohlen hatten, sorgten sich kaum um die Sicherheit von älteren Leuten, Frauen und Kindern.

    Zudem haben die Bürger der demokratischen Länder des Westens einen großen Teil der Verantwortung für die Handlungen ihrer Regierungen zu tragen. Dazu verpflichtet gerade diese Demokratie. Theoretisch hätten solche Handlungen unterbunden oder geändert werden können, falls eine ausreichende Zahl von Wählern den Willen danach bekundet hätte. Statt dessen zog es die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der USA und Großbritanniens vor, George Bush bzw. Tony Blair wiederzuwählen und somit einen Teil des mit dieser Entscheidung verbundenen Risikos auf sich zu nehmen, darunter auch des Risikos für das eigene Leben.

    Ich beziehe jetzt ganz bewusst die zweifelhafte Position eines „Anwalts des Teufels“, nur um zu verstehen, was jene empfinden, die mit einem Rucksack voll Sprengstoff in die Londoner U-Bahn einsteigen und die Tod bringende Detonation auslösen. Gibt es denn in ihrem menschenverhassten Handeln wenigstens einen Hauch von Logik, wenngleich einer grausamen Logik?

    Das bedeutet aber ganz und gar nicht, dass der Kampf gegen den Terrorismus eingestellt werden soll. Möglicherweise müssen seine Methoden geändert werden. Vielleicht wäre es sinnvoll, mit dem schrittweisen Abbau der westlichen Präsenz, vor allem der militärischen, auf Territorien zu beginnen, die zu Brutstätten des Terrorismus geworden sind. Das würde die Befürworter der Theorie der „Befreiung von der ausländischen Herrschaft“ um ihre Hauptargumente bringen. Aber George Buch hat erst vor kurzem einen baldigen Abzug seiner Truppen aus Irak ausgeschlossen. „Sie (die Terroristen) können den Charakter und die Stärke der Vereinigten Staaten von Amerika nicht begreifen“, erklärte der US-Präsident. Niemand in seiner Administration kommt aber auf den Gedanken, dass möglicherweise das Gegenteil richtiger wäre, dass es Washington ist, das den Charakter und die Stärke des gegen die USA und die übrige zivilisierte Welt vorgehenden Phänomens nicht versteht.

    Zu einer aussichtsreichen Antwort auf die zunehmende Terrorgefahr könnte auch der Abbau der Abhängigkeit von den arabischen Ländern werden. Übrigens ist die Bedeutung dieser Region für die führenden westlichen Mächte gegenwärtig nicht sonderlich groß. Auf die arabischen Länder entfallen derzeit nur 4,1 Prozent der Gesamtexporte der Europäischen Union (EU) und 2,9 Prozent der Ausfuhren der Vereinigten Staaten. Angesichts der hohen Arbeitslosenrate in Europa wirkt der Zustrom arabischer Arbeitskräfte nicht mehr wohltuend. Das um so weniger, als mehr als die Hälfte aller arabischen Immigranten nicht so sehr nach einem Job in Europa sucht, als vielmehr das europäische System der Sozialversorgung ausbeuten will. Der Weg zu einem mühsamen und bei weitem nicht baldigen Sieg über den Terrorismus führt allem Anschein nach über den Abzug der ausländischen Truppen aus Irak, Afghanistan und den Palästinensergebieten. Dabei muss das Recht der arabischen Welt auf eine eigene - nicht westliche - Lebensweise bekräftigt werden. Der Westen muss nach alternativen Energiequellen suchen, darunter auch in Russland. Zudem sollten die USA das von ihnen verhasste Klimaschutzabkommen von Kyoto akzeptieren und die Koran-treuen Moslems für den Kampf gewinnen. Diese Liste kann unendlich lang sein. Allerdings dürfen auf dieser Liste keine Gewaltmethoden stehen. Der Kampf gegen das globale Übel des Terrors kann ausschließlich mit anderen Methoden gewonnen werden.

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