03:03 25 April 2017
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    Fjodor Konjuchow als russische Sackgasse des Rationalismus

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    MOSKAU, 09. August (Anatoli Koroljow, politischer Kommentator der RIA Nowosti.) Das Phänomen des russischen Segelsportlers Fjodor Konjuchow, der vor kurzem seine vierte Weltumsegelung im Alleingang absolviert hat, führt jeden rationalen Gedanken in eine Sackgasse.

    Welches Gefühl kann einen 54-jährigen Menschen mit solcher Vehemenz zu einem tödlich gefährlichen Zweikampf mit dem Weltmeer drängen? Und wie gelingt es einem Einzelnen, eine Schlacht zu gewinnen, die ein halbes Jahr lang tagtäglich, rund um die Uhr geführt wird?

    Konjuchow selber antwortet bei weitem nicht auf alle Fragen.

    Wie sich erweist, ist der Ozean für ihn ein lebendiges Wesen (vielleicht aber ein lebendiger Stoff). Und der Ozean beobachte ihn mal neugierig, mal gleichgültig, wie ein Riese eine auf seinem Bein herumkriechende Ameise beobachten mag, und nur ab und zu bricht er jäh in Zorn aus, um den Frechling und seine Jacht mit den Schlägen von tausend Wellen zu zerdrücken.

    Die Fahrt mit der Jacht vom Typ „Maxi“ begann am 24. November vorigen Jahres, als das Schiff aus dem britischen Hafen Falmouth auslief und über den Ärmelkanal Kurs auf den Biskyischen Meerbusen im Atlantischen Ozean nahm. Konjuchow plante, zuerst seine Weltreise binnen 120 Tagen zu vollbringen: Seine Absicht war es, von England auszulaufen, dann bis zum afrikanischen Kap der Guten Hoffnung zu segeln, den Indischen Ozean zu überqueren und das australische Kap Leeuwin zu erreichen, von dort aus nach Kap Hoorn, das den ganzen südamerikanischen Kontinent wie eine Lanzenspitze abschließt, zu fahren, die spitze Lanze zu umfahren und sich wieder auf England zuzubewegen, um in Falmouth zu finishen.

    Stellt man sich die südliche Hemisphäre der Erde vor, so wird klar, dass Konjuchows Hauptroute ihn um die vereiste Antarktika führte, deren kalte Winde seine Jacht ständig umbrausten.

    Die Frechheit des Alleingängers wurde vom Ozean sofort bemerkt, und schon an der portugiesischen Küste brachen über Konjuchow mehrere außerordentlich heftige Stürme hintereinander herein. Gewöhnlich ist der Seegang hier viel mäßiger. Aber das dicke Ende sollte noch kommen, als der atlantische Sturm die Jacht in die Sturmzone Daldrum trug. Hier ging die automatische Kurssteueranlage kaputt, und Konjuchow musste sich ans Steuerrad stellen. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Es schien, noch ein geringer Ansturm, und der Mensch werde gebrochen sein und die Jacht versinken. Doch plötzlich verlor der Ozean jedes Interesse für den Herausforderer.

    Der Ozean habe kein Gedächtnis, meint Konjuchow, und wenn man über ihn fahre, erinnere er sich an einen nicht. Deine Leiden seien ihm gleichgültig. Und jedesmal sei er anders. In den 14 Jahren, die ich auf Reisen bin, sagt Konjuchow, war der Ozean immer anders.

    Doch gebe es etwas unermesslich Höheres, setzt der Sportler fort, etwas, was dich sieht. Gott - dessen Blick und dessen Schläge gelte es, auszuhalten.

    Zwei Monate lang dauerte dieser Waffenstillstand zwischen Fatum und Mensch.

    Im Indischen Ozean, auf der Höhe der Kerguelen-Inselgruppe, platzte dem Himmel die Geduld, und der vielleicht furchtbarste Orkan, den Konjuchow in all den 14 Jahren seiner Reisen je erlebt hatte, fiel über die Jacht her. Das teilte Konjuchow selbst über das Satellitentelefon dem Stab der Weltumsegelung mit: Er habe so etwas noch nie gesehen! Die Windgeschwindigkeit erreichte 120 Kilometer in der Stunde. Die Wellen waren bis zu 18 Meter hoch. Zwischen den Wellenkämmen verwandelte sich der sonnige Tag in eine finstere Nacht.

    Dieser Schrecken dauerte eine Woche lang.

    Der Stab erteilte dem Sportler das Kommando, zum Überlebensregime überzugehen, auf den Kurs nicht mehr zu achten und sich um jeden Preis vom Ort des Orkans zu entfernen. Aber Konjuchow hielt den Kurs eifrig ein, er verfiel in den Zustand jenes heiligen Wahnsinns, der einem Krieger in der Schlacht hilft. Plötzlich ließ der Ozean Gnade vor Ungnade ergehen und vergaß den Menschen wieder einmal. Auf den Orkan kam eine kabbelige See.

    Da, sagt Konjuchow, habe Gott beschlossen, mich zu schonen: Unerwartet platzte eine stählerne Diagonalwant am Mast. Worauf auch der Mast jeden Augenblick hätte entzwei gehen können. So musste Konjuchow gegen seinen Zeitplan verstoßen und den Hafen Hobart (Australien) anlaufen, wohin sowohl eine neue Want als auch eine automatische Kurssteueranlage geliefert wurden. Vierzig Tage waren verloren. Aber!

    „Hätte ich nicht zur Instandsetzung angelegt“, sagt Konjuchow, „so hätte ich den Mast sicherlich verloren. Ich fuhr ja sehr spät am Kap Hoorn entlang. Es schneite schon, das Wetter war frostig. Ohne meine automatische Anlage wäre ich auf dem Deck einfach erfroren. Der Orkan war von einer Stärke, dass es sich gar nicht mit Worten beschreiben lässt. Ich denke, es war kein Zufall, dass die Want gerade vor dem schwersten Abschnitt beim Kap Hoorn platzte. Gott hatte mich in Schutz genommen.“

    Einmal geriet ich in eine Gesellschaft von Segelsportlern, die eine Weltumsegelung vorhatten, und ich fragte sie, wozu sie es mit dem Ozean aufnehmen wollten, wonach sie eigentlich suchten. Die Antwort verblüffte mich: Erst dort könne man richtig verstehen, welch eine Kostbarkeit unser Leben sei, dort erlebe man ein solches Entsetzen, dass man, so man lebendig zurückkehrt, bereit sei, selbst die Hauslatschen abzuküssen. Nach einer Weltumsegelung sei das gewöhnliche Leben nichts als Glück.

    Wie lange ein solches Aufputschmittel wirke, wollte ich wissen.

    Antwort: Etwa drei Jahre. Dann müsse man wieder in den Ozean hinaus.

    Konjuchow sagt im Grunde dasselbe: Eine Weltumsegelung unternehme man nicht, um einen sportlichen Rekord aufzustellen. Man fahre, um sein Leben zu durchdenken. „Das war auch mein Ziel. Verstehen Sie doch: Dort erlebst du an bloß einem Tag dein ganzes Leben wieder. Dort ist eine durchlebte Minute mehr wert als all die Jahre, die man in der Stadt rumhängt. Und dann: Im Ozean habe ich stets Angst. Das Alleinsein ist erschreckend, der Orkan ist erschreckend, die Windstille ist es übrigens nicht weniger, da hat man einen Abgrund über sich und einen unter sich. Aber Erschrecken ist ein Gefühl, auf welches ich Wert lege. Unruhe befällt mich bei dem Gedanken, dass ich das Erschrecken verlieren könnte, dann bin ich nämlich minderwertig.“

    Aus dem Phänomen Konjuchow ist leicht der Code der russischen Mentalität herauszulesen.

    Russland ist wie ein einsames Schiff nahe der eisig kalten Arktis, seine Geschichte voller Stürme bewegt sich stets auf ein Extrem, auf das Gebiet des heiligen Erschreckens zu. Wozu? Dazu, um dem Entsetzen vor dem Alleinsein ein Dasein aus dem Vollen abzuringen, um aus dem Abgrund der Furcht jenes Gefühl zu schöpfen, das der große deutsche Philosoph Albert Schweitzer Ehrfurcht vor dem Leben nannte.