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    Russland: neue Ansicht über das Problem der Waldbrände

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    MOSKAU, 11. August (Tatjana Sinizyna, Kommentatorin der RIA Nowosti). Die Kennziffern im August, dem feuergefährlichsten Monat der Saison, bewerten die Spezialisten als „schonend“: Täglich toben 250 bis 300 Brände im Land. Um die Hälfte weniger als im August vorigen Jahres.

    Insgesamt brachen seit dem Beginn der brandgefährlichen Saison, die gewöhnlich schon im März beginnt, 10 058 Waldbrände aus, die 219 981 Hektar erfassten. Gegenüber dem gleichen Zeitraum des vorigen Jahres ging ihre Zahl um 47,4 Prozent zurück, und die Fläche, die das Feuer erfasste, verringerte sich um 41,2 Prozent. Die Vergleiche mit den Angaben des letzten Jahrzehnts beeindrucken noch mehr: Im Laufe dieser Periode gab es im Durchschnitt 34 000 Brände im Jahr. Sie vernichteten bis zu zwei Millionen Hektar Wald pro Saison - 0,2 Prozent der Wälder. Die Zahlen sind schockierend. Aber nach einer Schätzung der Doktorin der biologischen Wissenschaften, Tatjana Potapowa, sei diese Kennziffer im Durchschnitt besser als in der ganzen Welt, wo jedes Jahr 0,5 Prozent der Wälder vernichtet werden.

    Freilich spiegeln die quantitativen Bewertungen der Brände nicht immer die Wahrheit wider.

    Das Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, Alexander Issajew, meint, dass das Feuer in Russland in Wirklichkeit doppelt so viel Flächen vernichtet, die in einer Reihe von nördlichen Gebieten Sibiriens und des Fernen Ostens überhaupt nicht registriert werden. Insgesamt gibt es im Land 2,7 Millionen Hektar „verwahrloste“ Wälder, für die niemand verantwortet und die infolge der fehlenden Infrastruktur nicht verwaltet werden.

    Aber niemand bezweifelt immerhin eine positive Tendenz bei der Brandbekämpfung. Wie Roman Schtschipow, Berater des Leiters der Föderalen Agentur für Forstwirtschaft (Rosleschos“), meint, „sicherte der Komplex von Maßnahmen, die in diesem Jahr aktiv ergriffen werden, den gewünschten Effekt. Vor allem spielte der Umstand eine Rolle, dass die Mittel für die Vorbeugung von Bränden und für Maßnahmen, die es ermöglichen, sie im Anfangsstadium zu liquidieren, verdoppelt wurden.

    Dafür stellte Rosleschos 800 Millionen Rubel bereit. Weitere 900 Millionen Rubel wurden im Rahmen eines Pilotprojekts zur stabilen Forstnutzung, für den Erwerb und die Lieferung schwerer Technik zur Bekämpfung von Waldbränden an die besonders „brandgefährlichen“ Regionen Chabarowsk und Krasnojarsk im Osten des Landes sowie die Gebiete Archangelsk und Leningrad im europäischen Teil verausgabt. Finanzspritzen ermöglichten es auch, die Kontrollflüge der Brandbekämpfungsfliegerkräfte zu intensivieren, das System zur Benachrichtigung über Brände zu verbessern und die Arbeit zur Säuberung der Wälder von stehendem Trockenholz und Fallholz zu aktivieren.

    In diesem Jahr fand die Konzeption zum Schutz der Wälder vor Bränden ihre praktische Anwendung. Die Konzeption wurde von Wissenschaftlern des Zentrums für Probleme der Ökologie und der Produktivität der Wälder der Russischen Akademie der Wissenschaften erarbeitet. Es wird zum Beispiel vorgeschlagen, die Brände zu „sortieren“ und dabei zu bestimmen, was zu löschen ist und was zweckmäßiger dem Element überlassen werden sollte.

    Dieses Prinzip ist nicht nur praktisch, sondern auch durch die Wissenschaft gerechtfertigt. „Es ist die unzweckmäßigste Methode der Verausgabung von Mitteln für den Schutz der Wälder, sich mit dem Löschen von Bränden zu beschäftigen, die außer Kontrolle geraten sind“, behauptet Georgi Korowin, Direktor des Zentrums für Probleme der Ökologie und der Produktivität der Wälder der Russischen Akademie der Wissenschaften. „Wenn das Feuer natürlich nicht Menschen oder Wirtschaftssystemen droht.“ Er bezeichnet die frühere Politik der totalen Unterdrückung ausnahmslos aller Brände einen „Fehler vergangener Jahre“.

    Die Wissenschaft betrachtet Brände als ständigen Naturfaktor, der den natürlichen Verlauf der Prozesse in den Waldökosystemen sichert. Durch Verbrennen alten Grases und von Gestrüpp schaffen sie Platz für die junge Vegetation und helfen damit, die Biotopen der Wildtiere zu verbessern, indem die Brände Krankheitsherde und Forstschädlinge vernichten. Für einige Ökosysteme ist das Feuer einfach lebensnotwendig. Zum Beispiel öffnen sich die Zapfen vieler Kiefernarten nur unter der Einwirkung von Feuer, um Samen hinauszuwerfen. Unter anderem verdanken die sibirische Taiga und andere Nadelwälder im asiatischen Teil des Festlandes eben Bränden ihre Herkunft.

    In der Konzeption zum Schutz der Wälder vor Bränden wird auch vorgeschlagen, die früher in Russland nicht ganz populäre Methode der Brandunterdrückung mit Hilfe des Feuers selbst aktiver anzuwenden. Diese Methode wird bereits in der Region Krasnojarsk unter der Leitung von Spezialisten des dortigen Sukatschow-Forstinstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften genutzt. Der Doktor der landwirtschaftlichen Wissenschaften Erik Walendik, Leiter des Laboratoriums für Waldpyrologie des Instituts, behauptet, dass ein gesteuerter Brand zur effektivsten und billigsten Methode zur Erhaltung und Formierung der Waldstruktur werden könne.

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