04:40 22 September 2017
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    Die Russen warten auf Änderungen

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    MOSKAU, 16. August (Wassili Kononenko, politischer Kommentator, RIA Nowosti). Die Zahl der Anhänger von Änderungen in Russland nimmt rasch zu.

    Diese Tendenz wurde bei den jüngsten Umfragen des Zentrums für die Erforschung der öffentlichen Meinung (WZIOM) festgestellt. Nach seinen Angaben ist die Zahl der Bürger, die für radikale politische und Wirtschaftsreformen in Russland plädieren, jetzt mit der Zahl jener vergleichbar, die auf die Stabilität als die wichtigste Errungenschaft von Wladimir Putin im Amt des Präsidenten setzen. Was ist aber die Ursache für derart unpopuläre und sogar riskante Stimmungen?

    WZIOM-Analysten machen darauf aufmerksam, dass Prioritäten bei der Lösung von Problemen, die im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen, jetzt anders gesetzt werden. Galt bislang die Gewährleistung von Ordnung, sozialer Stabilität und Sicherheit im Lande als das Hauptanliegen, tendiert jetzt die Gesellschaft nach der Erlangung dieser Ziele zu einer schnellen Erhöhung der Lebensqualität. Forschungen ergeben, dass jene zu einer Antriebskraft der Umwandlungen werden, die es geschafft haben? sich an die Epoche des Kapitalismus anzupassen und nun auch noch das nötige materielle Fundament für ihre eigene und für die Zukunft ihrer Kinder bauen möchten.

    Soziologen im Analytischen Zentrum Juri Lewadas, die landesweit Umfragen zu sozialen, wirtschaftlichen und sozialpolitischen Problemen durchgeführt hatten, gelangten ihrerseits zu dem Schluss, dass die Menschen nicht nur über den fehlenden schnellen Fortschritt, sondern auch über die Perspektive besorgt sind, dass der Staat soziale Probleme auf die Schulter der Einwohner abwälzen würde. Nach einer Welle von Protesten gegen die Umstellung von Vergünstigungen auf Geldleistungen zu Beginn des Jahres wurden Pläne der Regierung für eine Kommunalreform bekannt. Fast niemand zweifelt daran, dass auch diese Reform, die die Interessen der gesamten erwachsenen Bevölkerung des Landes tangiert, sie zu einem tieferen Griff in die Tasche zwingen wird. Im Ergebnis hat sich eine Situation herauskristallisiert, die die Physiker als "Druck und Gegendruck" bezeichnen. Die Menschen wollen einen ökonomischen Aufschwung, befürchten zugleich weitere soziale Reformen. Die Menschen wollen nicht schlechthin Änderungen, sondern positive Wandlungen oder wenigstens Signale für eine Verbesserung ihrer materiellen Lage. Der Zustand der Stabilität ist akzeptabel, wenn erst ein hoher Lebensstandard erreicht worden ist. An diese Grenze sind in Russland nur wenige gelangt - nach abweichenden Angaben acht bis zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Mehr als 30 Prozent der Landesbewohner betrachten sich als Mittelstand und sind der Ansicht, dass das Land im Grunde genommen "in die richtige Richtung geht", wenngleich eine Modernisierung erforderlich wäre. Aber diese Pyramide gründet sich auf 51 Prozent der Bürger, die mit ihrem Leben unzufrieden und der Meinung sind, dass das Land "in eine falsche Richtung" gehe. Auch diese Gruppe der Bevölkerung wartet auf Änderungen!

    Einige Politologen bezeichnen diese Bevölkerungsgruppe als "Streuballast". Das heißt, dass das gesellschaftliche Schiff Schlagseite bekommen kann, wenn dieser Ballast als Folge von Fehlern der Regierung oder unter Druck politischer Technologien plötzlich in Bewegung kommt. Um diesen Ballast wird bei den für 2007 geplanten Parlamentswahlen ein erbitterter Kampf beginnen. Dabei werden alle Beteiligten diverse grundsätzliche Veränderungen versprechen. Daran wird es wohl nicht mangeln.