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    Werden Auslandsadoptionen russischer Waisen verboten?

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    MOSKAU, 22. August (Olga Sobolewskaja, Kommentatorin der RIA Nowosti). Valentina Petrenko, Vorsitzende des Ausschusses für Sozialpolitik im Föderationsrat (Oberhaus des Parlaments), schlug am vorigen Mittwoch vor, die Auslandsadoptionen russischer Waisen zu verbieten.

    "Grund für unsere Entscheidung sind Fakten von Kindermorden in Adoptivfamilien; das bezieht sich in erster Linie auf die USA", erläuterte die Senatorin. Der Vorschlag ist offenkundig populistisch, zudem zieht er die reale Situation in diesem Bereich nur ungenügend in Betracht.

    Im Parlament wurde das Thema Auslandsadoptionen mehr als nur einmal erörtert. Auch für die Gesellschaft ist das ein wunder Punkt. Im Juli - nachdem die kleine Sibirierin Wika Baschenowa (Nina Hilt) an den Folgen der Prügel durch ihre amerikanische Adoptivmutter starb (das dreizehnte Kind aus Russland, das in letzter Zeit von seinen Adoptiveltern in den USA getötet wurde) - führte die Forschungsholding ROMIR Monitoring eine soziologische Befragung durch. Sie ergab, dass über 50 Prozent der Bürger Russlands gegen Auslandsadoptionen sind und 44 Prozent ein gesetzliches Verbot solcher Adoptionen befürworten.

    Dennoch ist auch ein anderer Fakt kennzeichnend: 72 Prozent der Russen sind heute "wegen der Wohnverhältnisse und der materiellen Bedingungen" nicht bereit, fremde Kinder zu erziehen. Unter den Gründen für den Verzicht auf eine Adoption werden auch die viel zu langwierigen und komplizierten Verfahren bei der Ausfertigung der nötigen Papiere genannt. Das Ministerium für Bildungswesen und Wissenschaft teilt mit: 2004 wurden im Ausland 9 600 Kinder aus Russland adoptiert, in Russland selbst aber nur 7 400. Und dies trotz der Tatsache, dass das Gesetz formell den Bürgern Russlands den Vorrang gibt. Wie ist das zu erklären? Die jüngsten Überprüfungen der Generalstaatsanwaltschaft zeigen, dass internationale Adoptionen zum Teil unter Verletzung der Gesetze erfolgen. Offiziell nicht registrierte Agenturen handeln unkontrolliert und tragen keine Verantwortung für ein an eine Familie vermitteltes Kind.

    "Wir können nicht umhin, auf Fakten der Gewaltanwendung seitens der Adoptiveltern zu reagieren", sagt Sergej Fridinski, stellvertretender Generalstaatsanwalt Russlands. Laut Gesetz hat der Staat die Lebensbedingungen der Adoptivkinder zu kontrollieren. Aber auf der anderen Seite gibt er zu: "Vielen russischen Kindern geht es in ausländischen Familien gut."

    Der Ausschuss für Sozialpolitik im Föderationsrat hat bereits bei der Generalstaatsanwaltschaft ein Moratorium für Auslandsadoptionen beantragt. Wie Valentina Petrenko mitteilte, bereite der Ausschuss Änderungen zu den Adoptionsverfahren vor. "Wir schlagen vor, die Verantwortlichkeit der Agenturen für die Adoptionsvermittlungen zu erhöhen", betonte die Senatorin. Es ist allgemein bekannt, dass selbst einige registrierte Vermittlungsagenturen bereit sind, eine Adoption schnell und problemlos zu vollziehen, wenn die potentiellen Adoptiveltern dafür mehrere Tausend Dollar hinblättern (der "Preis" eines Kindes kann 15 000 Dollar und mehr betragen).

    Die Russen sind selten im Stande, einen solchen Betrag auf einmal zu zahlen. Ausländer aber gehen darauf ein, weil sie in ihrer Heimat in langen Schlangen auf ein Waisenkind warten müssen. "Wir waren durch die Preise in Russland geschockt. Aber auch in den USA verdienen die Agenturen sehr viel Geld an der Adoptionsvermittlung, dabei helfen sie einem gar nicht", schreibt die Amerikanerin Widna Haritonov, die einen russischen Emigranten geheiratet hat, in einem Brief an die RIA Nowosti.

    Das Ministerium für Bildungswesen und Wissenschaft schlägt vor, für Adoptiveltern ein unabhängiges psychologisches Gutachten einzuführen. Begreiflicherweise muss sich das auf ausnahmslos alle Adoptiveltern, darunter auch auf die Russen, erstrecken. Es ist kein Geheimnis, dass Kinder bisweilen nicht nur in Adoptivfamilien, sondern auch unter ihren Blutsverwandten Opfer von Gewaltanwendung werden. Übrigens halten zahlreiche ausländische Familien, die bereit sind, ihre Adoptivkinder wirklich zu versorgen und zu lieben, ein psychologisches Gutachten nicht für erniedrigend. Die meisten erkennen dessen Wichtigkeit an. Davon zeugen Briefe aus den USA. Adoptiveltern studieren sogar russische Traditionen. "Wir lernen auch weiter Russisch und sprechen mit unserem Kind sogar russisch", schreibt die Familie Carpenter aus Kansas City. Die Adoptivkinder von Widna Haritonov verkehren mit anderen adoptierten russischen Kindern: "Das ist eine verbreitete Erscheinung." Faktisch handelt es sich hier um jene Erziehung im eigenen nationalen Milieu, von deren Notwendigkeit Jekaterina Lachowa, Vorsitzende des Ausschusses für Angelegenheiten von Frauen, Familie und Kindern in der Staatsduma (Unterhaus des Parlaments), spricht.

    Russischen Adoptiveltern müssen zweifellos "günstigere Bedingungen" angeboten werden, wie das die Senatorin Valentina Petrenko auch vorschlägt. Dagegen ist es kaum sinnvoll, ausländischen Familien jede Möglichkeit der Adoption russischer Kinder zu nehmen, denn viele von ihnen schenken den Waisen wirklich ihre Herzenswärme und viel Zuwendung. "Wir haben lange um die Adoption eines russischen Kindes gebetet", gibt Gale Seal in einem Brief zu. "Ohne unsere Adoptivkinder können wir uns unser Leben nicht mehr vorstellen", sekundiert die Familie Carpenter. "Wir lieben unsere Kleinen mehr als das Leben und hoffen, dass die russische Regierung über uns nach unseren guten Eigenschaften und nicht nach den Handlungen einzelner Adoptiveltern urteilen wird", schreibt Judy Holmes.

    In Russland warten beinahe 700 000 Kinder auf eine Adoption. Das Los vieler von ihnen könnte schon in nächster Zeit geklärt werden. Hier bedarf es des gesunden Menschenverstandes, während Populismus in einer so empfindlichen und komplizierten Angelegenheit fehl am Platz ist.

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