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    Bodeneffekt-Fahrzeug - Verkehrsmittel der Zukunft

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    MOSKAU, 29. August (Juri Saizew, Experte des Instituts für Weltraumforschung der Russischen Akademie der Wissenschaften - RIA Nowosti). Die Amerikaner waren schockiert, als sie von einem Satelliten aus über dem Kaspischen Meer ein Ungetüm sichteten - ein Schiff oder ein Flugzeug.

    Das von den Amerikanern "Das Monster vom Kaspischen Meer" getaufte Fahrzeug erwies sich als ein neuartiger Flugapparat, der in der Sowjetunion entwickelt wurde - Bodeneffekt-Fahrzeug WIG, auf Russisch Ekranoplan. Die englische Abkürzung WIG steht für wing-in-ground-craft. Das WIG-Fahrzeug hat alle Eigenschaften von See- und Binnenschiffen, aber auch herkömmlichen Fahrzeugen und von Flugapparaten. Der Ekranoplan fliegt in äußerst geringer Höhe und nutzt für die Erhöhung der Auftriebskraft das unter den Tragflächen durch die Triebwerke erzeugte Luftkissen - den so genannten Bodeneffekt.

    Die WIG-Fahrzeuge sind weder auf Flughäfen noch auf Start- und Landepisten angewiesen. Das einzige, was sie brauchen, ist ein verhältnismäßig großes Gewässer, eine flacher Abschnitt auf dem Festland oder sogar ein Sumpf. Zudem haben die Bodeneffekt-Fahrzeuge einen hohen Grad an autonomer Nutzung. Das heißt, dass Ekranoplane bis zu einigen Tagen außerhalb ihres Stützpunktes eingesetzt werden können.

    Der Bodeneffekt ist schon längst bekannt. Dieser Effekt bereitete den Piloten bei Start und Landung nicht wenig Kopfschmerzen, bis er "gezähmt" worden war. Aber es gelang nur russischen Wissenschaftlern, diese wenig erforschte physikalische Erscheinung nutzbar zu machen und ungewöhnliche Fahrzeuge auf deren Basis zu entwickeln. Die Amerikaner konnten ungeachtet immenser Mittel in Milliardenhöhe aus dem Staatsfiskus, aus dem Etat des Pentagon und aus dem Privatkapital bislang keine realen praktischen Ergebnisse beim Bau von WIG-Fahrzeugen erzielen. Das betrifft auch Entwicklungen in Deutschland und China.

    Zwischen 1960 und 2000 wurden in der Sowjetunion und dann in Russland erfolgreiche Forschungsarbeiten durchgeführt, neue Konstruktionsmaterialien mit ausgezeichneten plastischen und Festigkeitscharakteristika wie auch hoher Korrosionsbeständigkeit entwickelt. In dieser Zeit wurde eine ganze Reihe origineller großer wie auch kleiner Apparate gebaut: "Strisch", "Amfistar" und "Wolga". Erprobt wurden der Landungs-Ekranoplan "Orljonok" und der Raketenträger "Lun", die darauf für die Belange der Armee gebaut wurden. Auf der Basis der "Lun" wurde später das Bodeneffekt-Fahrzeug "Spassatel" für die Rettung von in Seenot geratenen Schiffsbesatzungen konstruiert.

    Mit dem Ende des Kalten Krieges rückten die WIG-Fahrzeuge immer mehr in den Hintergrund. Das Problem besteht darin, dass diese Flugapparate wegen ihrer geringen Flughöhe und der hohen Fluggeschwindigkeit und nicht selten wegen ihrer großen Dimensionen kaum über bewohnten oder dichtbesiedelten Gebieten, über industriell genutzten Flüssen, Seen und in Gebieten an der Meereküste eingesetzt werden konnten.

    Aber in Russland gibt es Territorien, wo Ekranoplane effektiv zum Einsatz kommen könnten. Das sind dünn besiedelte Gebiete im Norden, in Sibirien und im Fernen Osten. Die Nutzung von WIG-Fahrzeugen über der Taiga und über der fast menschenlosen Tundra ist nicht weniger effektiv als über Gewässern, wofür sie eigentlich ursprünglich gebaut wurden. Gegenwärtig wird die Aufnahme der Serienproduktion von Ekranoplanen geprüft.

    Ihr Einsatz in den oben genannten Regionen würde die Beförderung von Passagieren und Gütern sowohl im Winter als auch im Sommer wesentlich billiger machen, weil diese Flugapparate keine teuren speziellen Start- und Landepisten und keine gut ausgerüsteten Bodendienste brauchen.

    Zu den kleinen WIG-Fahrzeugen zählt die "Strisch" mit einem Startgewicht von 1,6 Tonnen, die "Wolga" (2,0 Tonnen) und "Amfistar" (3 Tonnen). Diese Maschinen können den konventionellen Flugverkehr auf regionalen Linien gut ergänzen. Je nach Ausstattung werden diese Ekranoplane eine Geschwindigkeit von bis zu 200 Stundenkilometer haben.

    Schwere Bodeneffekt-Fahrzeuge wie "Orljonok" (120 Tonnen) und "Lun" (350 Tonnen), die eine Geschwindigkeit von bis zu 600 Stundenkilometern entwickeln, könnten nach einem entsprechenden Umbau für die Beförderung von Rohstoffen (Erzen oder Erdöl) sowohl innerhalb von Regionen als auch als Ergänzung zu den bereits vorhandenen Routen wie dem Nördlichen Seeweg oder der Baikal-Amur-Eisenbahn (BAM) eingesetzt werden.

    Superschwere Ekranoplane wie das "Monster vom Kaspischen Meer" mit einem Startgewicht von mehr als 500 Tonnen könnten rund um die Uhr als Container-Transporter zwischen Ost und West fliegen. In diesem Fall würden Güter über eine Strecke befördert, die um zwei Drittel kürzer ist als der Nördliche Seeweg und nur halb so lang ist wie die BAM.

    Abgesehen von den Problemen des Nordens haben Bodeneffekt-Fahrzeuge gute Aussichten auch in der Raumfahrt als Beschleunigungs- und Aufnahmestufen für wiederverwendbare kosmische Flugzeuge. Mit solchen Flugzeugen verbinden die Experten große Hoffnungen, weil Weltraumstarts dadurch erheblich billiger sein würden. An derartigen Flugzeugen wird jetzt in den USA, Frankreich und Japan gearbeitet. In Russland wurden diesbezüglich einmalige technologische und experimentelle Erfahrungen gesammelt. Mehrere bei der Ausarbeitung solcher wiederverwendbarer kosmischer Transportsysteme genutzte Ideen wurden bereits erprobt und haben sich gut bewährt. Es ist auch die entsprechende Produktionsbasis vorhanden.

    Das System funktioniert folgendermaßen: Ein WIG-Fahrzeug mit einem kosmischen Flugzeug läuft von seinem Stützpunkt an der Küste in die See aus, beschleunigt bis zur vorgegebenen Geschwindigkeit und löst sich von der Wasseroberfläche. In einer Höhe zwischen acht und zwölf Kilometern werden die Triebwerke des kosmischen Flugzeuges gezündet, der sich seinerseits vom WIG-Fahrzeug löst wie auch an Geschwindigkeit und Höhe gewinnt. Nachdem die Nutzlast in den Orbit befördert worden ist, kehrt das kosmische Flugzeug zur Erde zurück, senkt seine Geschwindigkeit und landet auf dem WIG-Fahrzeug. Der Einsatz von Ekranoplanen als Beschleunigungsstufe gestattet es neben anderen Vorteilen (Starts von äquatornahen Gebieten aus; die Möglichkeit, Raumapparate in Umlaufbahnen mit beliebigem Bahnneigungswinkel zu befördern u.a.), die Masse der Nutzlast fast zu verdoppeln.

    Nach Schätzung von Fachleuten kann ein wiederverwendbares kosmisches Transportsystem unter Einsatz von WIG-Fahrzeugen in acht bis neun Jahren entwickelt werden.

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