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    Gipfel Putin-Bush nach zwei Hurrikanen

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    MOSKAU, 12. September (RIA Nowosti). Wenn sich die Präsidenten Wladimir Putin und George Bush am 16. September in Washington treffen, sind das schon in einem gewissen Sinne nicht mehr die Männer, die vor vier Monaten zusammen die Mai-Parade auf dem Roten Platz anlässlich des 60. Jahrestages des Sieges über Nazi-Deutschland beobachteten und kurz danach, im Juli, eine Anti-Terror-Deklaration beim G8-Summit in Gleneagles unterzeichneten.

    In der Zwischenzeit passierten nämlich zwei Ereignisse, welche die Wahrnehmung beider Präsidenten und deren politischer Ansichten sowohl in ihren eigenen Staaten als auch in der übrigen Welt wesentlich veränderten: Der Hurrikan "Katrina", der zahlreiche Verwüstungen in den südlichen US-Bundesstaaten anrichtete, und der politische Hurrikan in der Ukraine.

    Die prinzipiellen Folgen von "Katrina" bestehen nicht nur darin, dass der Wirbelsturm New Orleans und andere Städte der südlichen USA zerstörte, Hunderttausende Amerikaner obdach-, arbeits- und hoffnungslos machte. "Katrina" unterspülte auch noch das ideologische Fundament, auf dem die Selbstgefälligkeit der USA beruhte, die sich als einzige Supermacht und als beinahe höchste Vernunft der Welt glaubten. Doch erwies sich Amerika nicht in der Lage, Kriege zu führen, um das zu exportieren, was es Demokratie nennt, und gleichzeitig den verfassungsmäßigen Schutz der eigenen Bürger zu gewährleisten. Die geopolitischen Ansprüche der Administration George Bush geraten in krassen Widerspruch zu ihren Pflichten vor dem Vaterland.

    Es stellte sich heraus, dass New Orleans nicht zu einem riesigen toten See geworden wäre, hätten die hohen Ausgaben für den Irak-Krieg Washington nicht zu einer Kürzung der Aufwendungen für den Hochwasser- und Hurrikan-Schutz in Südost-Louisiana gezwungen. Heute ist bekannt, dass die regionalen Behörden für diese Zwecke lediglich 10,6 Millionen Dollar aus der Staatskasse bekommen hatten - statt den geforderten mehr als 60 Millionen. Nur ein Sechstel also. 4.000 US-Nationalgardisten aus dem Bundesstaat Mississipi und 3.000 aus Louisiana hätten sofort am Unglücksort eintreffen, die Evakuierung beschleunigen und das Marodieren unterbinden können, wären sie zu dieser Zeit nicht in Irak gewesen.

    Die USA entpuppten sich als Golem auf tönernen Beinen, eben auf Beinen, die verhängnisvoll weit - von Bagdad bis New Orleans - gespreizt sind. Zornerfüllte Protestaktionen vor dem Weißen Haus und der Fall der Popularität von Bush auf 39 Prozent lassen keinen Zweifel daran, wem die Amerikaner die Schuld an der verspäteten Reaktion auf die Naturgewalten und am misslungenen Krisenmanagement geben.

    Bei dem bevorstehenden Treffen in Washington hält sich Wladimir Putin, der immer gegen den Einsatz des US-Militärs in Irak aufgetreten war, mit Kommentaren wie "Ich hab dich doch gewarnt" sehr wahrscheinlich zurück. Der russische Präsident, der sich oft in der Kirche sehen lässt, wertete die Folgen von "Katrina" vielleicht als ein höheres Zeichen aus, wie ephemer die Überzeugung eines jeden Staates von der eigenen Allmächtigkeit im Vergleich zu Naturgewalten und zur Providenz ist. "Ich sehe mir das an und glaube meinen Augen nicht", sagte Putin einem amerikanischen Reporter, der ihn zu "Katrina" ansprach. "Wir alle sind verwundbar und müssen zusammenarbeiten, um einander zu helfen."

    Es ist zu vermuten, dass Putin bei Bush, nachdem dieser das Hurrikan-Drama erlebt hat, die Neigung zu einer weniger überheblichen Außenpolitik zu entdecken hofft, sowie die Bereitschaft, dem kollektiven Willen der Weltgemeinschaft mehr Gehör zu schenken. Amerika, das sich lange Zeit als ein "Welt-Guru" verstand und jetzt von Naturgewalten entthront wurde, könnte nun mehr Verständnis für die Probleme und berechtigten Interessen anderer Staaten aufbringen. In erster Linie für die russischen Interessen im postsowjetischen Raum.

    Nichts trennt heute den Kreml und das Weiße Haus mehr voneinander als ihre unterschiedliche Auslegung der politischen Prozesse in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Die US-Administration sieht die samtenen Revolutionen in einigen GUS-Staaten als einen Sieg der westlichen Demokratie über abgewirtschaftete korrupte Regimes an. Moskau hingegen sieht in diesen Pseudo-Revolutionen Anzeichen einer verfassungswidrigen Machtergreifung mit dem Ziel der Neuaufteilung des Eigentums in Verbindung mit Korruption. Putin verurteilte wiederholt die Versuche einer gewaltsamen "Demokratisierung" der Ukraine, Georgiens, Kirgisiens und Moldawiens von Außen und warnte vor Gefahren für deren Stabilität. Die schwere politische Krise, die vor wenigen Tagen in der Ukraine ausbrach, verstärkt die Argumente des russischen Präsidenten wesentlich.

    Mit der Entlassung des Kabinetts unter Julia Timoschenko gestand Viktor Juschtschenko de facto das Scheitern der Ideen "der orange Revolution" ein.

    Es wurde klar, dass die neue ukrainische Staatsführung keine monolithische Gruppe von Idealisten und Patrioten ist, wie sie den Volksmassen auf dem Majdan vorgekommen sein mag, sondern ein Cocktail aus Leuten mit absolut unterschiedlichen ideologischen Überzeugungen und geschäftlichen Interessen. Sie alle vereinigte nur das Streben, ihren politischen Ehrgeiz zu befriedigen und, wie Timoschenko selber zugab - "das eigene Land zu beklauen".

    Juschtschenko versicherte in einem Telefonat mit US-Präsident Bush am Freitag, ungeachtet des Regierungswechsels halte Kiew an seinem "prowestlichen Kurs" fest. Zum Bedauern des Westens hat Juschtschenko nun offenbar zu wenig Mitstreiter neben sich, die dies bestätigen könnten. Einen Tag zuvor hatte Timoschenko in einer Live-Sendung des ukrainischen Fernsehens erklärt, mit ihrer Entlassung habe Juschtschenko "faktisch ihr politisches Bündnis und die Zukunft des Landes zerstört".

    Die "orange Revolution" brachte der Ukraine weder Stabilität noch die versprochene Wendung zum Besseren. Der Westen in bedeutendem Maße als Finanzier dieses Umsturzes, Russland als sein scharfer Kritiker und das ukrainische Volk als Opfer bekamen im Ergebnis nichts außer einem neuen, ebenso korrupten und unfähigen Regime wie das, das vor acht Monaten mit großem Pathos gestürzt worden war. Schließlich ist eine Meuterei auf der Straße keine Wahlen.

    Bei der Erörterung dieses Themas am kommenden Freitag schenkt George Bush womöglich der Meinung seines russischen Amtskollegen, dass samtene Revolutionen kein guter Weg zur Stabilität im postsowjetischen Raum sind, an der Russland wie der Westen interessiert ist, größere Aufmerksamkeit.

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