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    Spielt Iran va banque?

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    MOSKAU, 23. September (von Pjotr Gontscharow, politischer Kommentator der RIA Nowosti). Teheran spielt eindeutig va banque in seinen Beziehungen mit der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA und der EU-Troika (Großbritannien, Deutschland und Frankreich), die mit ihm Verhandlungen über das weitere Schicksal des iranischen Nukleardossiers führt.

    Wohl nicht anders ist die Erklärung von Ali Larijani, Sekretär des Obersten nationalen Sicherheitsrates Irans, einzuschätzen, dass sein Land aus dem Atomsperrvertrag austreten und IAEA-Inspektoren den Zutritt zu den iranischen Nuklearobjekten verweigern würde, falls die EU-Troika weiter auf den Verzicht Irans auf einen eigenen Nuklearzyklus bestehen sollte.

    Teheran muss sich dessen bewusst sein, dass ein Austritt Irans aus dem Atomsperrvertrag in Europa eindeutig so aufgefasst wird, dass Iran ein vollständig vorbereitetes militärisches Nuklearprogramm hat. Natürlich könnten die jüngsten Erklärungen Teherans auch im Kontext mit dessen traditioneller "Diplomatie" bei den Verhandlungen über das Nuklearproblem Irans gesehen werden, für die ständiges Verschweigen, sanfte Erpressung und das Streben kennzeichnend waren, von den Interessen Europas, der USA und Russlands Gebrauch zu machen und diese Länder gegeneinander zu hetzen.

    Warum hat Teheran gerade jetzt diese radikale Position bezogen, die beliebige Kompromisse bei den Verhandlungen über sein Nuklearprogramm ausschließt? Dabei hatte Teheran bereits nach den Präsidentenwahlen versprochen, neue Initiativen zu unterbreiten, die den Verhandlungsprozess aus der Sackgasse heraus führen sollten. Was hat sich verändert? Steht denn Iran wirklich einer Umstellung seines Nuklearprogramms auf die Herstellung von Kernwaffen so nahe? Höchstwahrscheinlich doch nicht.

    Es entsteht der Eindruck, dass Iran absichtlich eine Übergabe seines Nukleardossiers an den UNO-Sicherheitsrat provoziert. Mehr noch: Es provoziert auch seinen Hauptopponenten, die USA, zu einem Gegenzug. Das hat Räson. Teheran wählte einen günstigen Moment für den Angriff auf die EU-Positionen beim Verhandlungsprozess und auf die Positionen der USA, die diesen Prozess zu beeinflussen versuchen.

    Gegenwärtig haben die USA wohl kaum die notwendige - militärische - Antwort auf einen eventuellen Austritt Irans aus dem Atomwaffensperrvertrag. Gegenwärtig gibt es viele Faktoren, die Grund zum Zweifeln an den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Supermacht geben würden. Die Situation in Irak entwickelt sich eindeutig nicht zugunsten der USA. Auch in Afghanistan sind die Perspektiven der antiterroristischen Operation bei weitem nicht klar. Die Taliban und Al-Kaida-Extremisten sind in diesem Jahr im Süden Afghanistans unerwartet aktiv geworden. Viele Kommandeure der Modschaheddin sprechen von der Notwendigkeit des Abzugs der US-Truppen. Hinzu kommt, dass die USA-Militärstützpunkte in Zentralasien faktisch unwirksam geworden sind. Die Hurrikane "Katrina" und "Rita" haben das Bild vollständig gemacht: Die Ölpreise stiegen auf die Rekordhöhe von rund 70 US-Dollar pro Barrel.

    Iran fördert nahezu dreimal mehr Öl als Irak. Die USA-Operation gegen Irak führte zu einer Verdoppelung der Ölpreise - von 22 auf 50 Dollar pro Barrel. Nach Ansicht von Experten könnte der Barrelpreis im Falle eines Kriegs gegen Iran, selbst bei präzisen Schlägen gegen die Nuklearobjekte dieses Landes, mit großer Wahrscheinlichkeit auf 90 bis 100 Dollar klettern.

    Die OPEC-Mitgliedsländer würden nicht in der Lage sein, diesen Preissprung zu dämpfen, was zu einer ernsthaften Krise auf dem Ölmarkt führen würde. Viele Experten sind der Auffassung, dass der Ölmarkt einfach zerstört werden könnte.

    Ein Verzicht Irans auf einen eigenen Nuklearzyklus war von Anfang an wenig wahrscheinlich. Iran hat bereits mehr als 350 Millionen Dollar in die dafür notwendige Infrastruktur investiert, deren weitere Entwicklung die Chancen für einen völligen Verzicht auf den Nullpunkt bringen würde.

    Mehr noch: Angesichts der Tatsache, dass auf Iran elf bis 18 Prozent der Weltvorräte an Öl und Gas entfallen, angesichts der günstigen geostrategischen Lage und des Einflusses in der recht großen Region vom Nahen Osten bis zum Südkaukasus, in Zentral- und in Südwestasien wie auch im Raum des Kaspisees wäre es naiv zu glauben, Iran würde keine Schritte unternehmen, um zum Spitzenland der Region zu werden. Einer dieser Schritte besteht offenbar in der festen Absicht Teherans, das Recht auf einen vollständigen Nuklearzyklus für sich zu erkämpfen.

    Dies wäre allerdings nur eine Prognose für die Zukunft, möglicherweise jedoch keine weit entfernte. Heute ist es für Teheran wichtig zu wissen, wie der UNO-Sicherheitsrat im Zusammenhang mit den jüngsten Erklärungen auf das iranische Nukleardossier reagieren wird. Noch wichtiger aber ist die Reaktion Washingtons auf all das.

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