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    Militärübungen mit russischer Beteiligung: Von der Halbinsel Shandong bis zur Wüste Thar

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    MOSKAU, 13. Oktober (Viktor Litowkin - RIA Nowosti).

    In der indischen Wüste Thar, auf dem Übungsgelände Mahajan (Staat Rajasthan) und in der Bucht von Bengalen, nahe des Hafens Visakhapatnam, haben Mitte Oktober gemeinsame russisch-indische taktische Übungen mit Kampfschießen stattgefunden.

    Sie liefen unter der Bezeichnung "Indra-2005".

    Den Übungen haben die Verteidigungsminister beider Staaten, Sergej Iwanow und Pranab Mukherjee, beigewohnt. Von russischer Seite waren 1600 Mann, darunter ein Fallschirmjäger-Bataillon der 76. Division der Luftlandetruppen und drei Landepanzer vom Typ BMD-2, an den Manövern beteiligt. Die Handlungen der Fallschirmjäger leitete der Befehlshaber der Luftlandetruppen Russlands, Generaloberst Alexander Kolmakow. Auch ein Verband von Kriegs- und Sicherstellungsschiffen der Pazifikflotte - der Garde-Raketenkreuzer "Warjag", die großen U-Jagd-Schiffe "Admiral Tribuz" und "Admiral Pantelejew", das mittlere Hochseetankschiff "Petschenga" und der Hochseeschlepper "Kalar" - war daran beteiligt. Die Mariner wurden vom Befehlshaber der Pazifikflotte, Vizeadmiral Sergej Awramenko, kommandiert.

    Die Zusammensetzung der Kräfte war fast so, wie vor zwei Monaten bei den russisch-chinesischen Übungen auf der Halbinsel Shandong und im Gelben Meer, abgesehen von den in China eingesetzten Militärtransportflugzeugen und Fernbombenflugzeugen vom Typ Tu-22M3, mehreren Ketten chinesischer Jagdflugzeuge vom Typ Su-30MKK und von russischen Maschinen vom Typ Su-27SM. Die chinesischen Übungen trugen die Bezeichnung "Friedensmission-2005". Allerdings waren an den Übungen "Indra-2005" auch indische Mehrzweck-Jagdflugzeuge vom Typ Su-30MKI und russische Militärtransportflugzeuge beteiligt. Den Unterschied machten also nur die Bombenflugzeuge aus.

    Aber es drängt sich ein Vergleich zwischen den russisch-chinesischen und den russisch-indischen Übungen auf, und zwar nicht nur hinsichtlich der Zusammensetzung und nicht nur in Bezug auf die Ziele dieser Manöver. Was haben die einen und die anderen "Kampfhandlungen" gemeinsam? Es handelt sich erstens um ihre Anti-Terror-Ausrichtung. Das erklärten die Leiter der Übungen sowohl von russischer als auch von chinesischer und von indischer Seite. Damit war gemeint, dass der imaginäre Gegner kein Staat und keine Gruppe von Staaten, sondern bewaffnete Formationen seien, die sich keinen anerkannten Staaten unterwerfen würden.

    In einer offiziellen Mitteilung des russischen Verteidigungsministeriums über die Übungen "Indra-2005" wurde besonders hervorgehoben: "Die Hauptziele der Übungen werden ein praktisches Training von Aufgaben zur Organisation und zur Erhöhung der Effektivität der gemeinsamen Handlungen bei der Durchführung einer Anti-Terror-Operation durch Einheiten der Streitkräfte beider Länder sowohl zu Lande als auch auf See sein. Sowie die Vervollkommnung des Zusammenwirkens bei der Erfüllung der Aufgaben zur Aufrechterhaltung von Frieden und Stabilität in der Region."

    Die Anti-Terror-Ausrichtung der Übungen von heute fällt nicht nur bei den Manövern der Militärs dieser Länder auf, sondern auch bei den Operationen der NATO-Staaten und ihrer Satelliten nach dem Programm "Partnerschaft für den Frieden". Eigentlich werden taktische Übungen in letzter Zeit faktisch weltweit unter diesem Motto durchgeführt. Der Terrorismus wurde tatsächlich zur "Pest des 21. Jahrhunderts" oder zur Bedrohung Nr. 1, und die Bereitschaft, Terrorakte zu verhindern, und die Fähigkeit, dem internationalen Banditentum entgegenzuwirken, unter welchem Deckmantel er auch immer auftreten möge, sind ein lebenswichtiges Bedürfnis der Sicherheitsstrukturen vieler Länder der Welt. Darunter auch der indischen, der russischen und der chinesischen.

    Zweitens waren bei den Gefechtsübungen sowohl auf indischem als auch auf chinesischem Territorium Waffen und Kampftechnik eingesetzt, die in Russland oder aber in einheimischen Betrieben in russischer Lizenz hergestellt wurden. Im Grunde genommen wurden diese Waffen ebenfalls erprobt. Das war notwendig, damit die Militärs aus verschiedenen Ländern schnellstmöglich eine gemeinsame Sprache finden und einander sofort verstehen und einheitliche Führungsstandards anwenden können. Außerdem wird auf diese Weise das gegenseitige Vertrauen gefestigt: sowohl auf höchster politischer Ebene und Kommandoebene als auch auf der unteren Stufe - in Armee und Flotte.

    Solche Übungen ermöglichen es den Militärangehörigen verschiedener Länder - von Mannschaftssoldaten bis zu Generälen und Admiralen - Gefechtserfahrungen auszutauschen, beim Einsatz der Truppen unter verschiedenen Klima- und Naturverhältnissen theoretische und praktische Erfahrungen zu sammeln sowie den Einsatz von komplizierten und hochtechnologischen Waffen und Kampftechnik zu diagnostizieren. Und gleichzeitig die Richtungen ihrer Entwicklung zu ermitteln, die auch in Zukunft wirksam bleiben, und Nachteile festzustellen, die beseitigt werden müssen.

    Es sei bemerkt, dass diese in der internationalen Militärpraxis üblichen Manöver eine zwiespältige internationale Reaktion ausgelöst haben. Das gilt besonders für die Übungen, die Moskau und Peking auf der chinesischen Halbinsel Shandong und auf dem angrenzenden Gelben Meer durchgeführt hatten. In der amerikanischen und der oppositionellen russischen Presse wurde sogar behauptet, die Manöver seien "eine Generalprobe für eine chinesische Invasion auf Taiwan" und Russland helfe der chinesischen Armee, sich auf diese Invasion vorzubereiten. Auch wurden Gedanken geäußert, denen zufolge diese Übungen ein "Versuch, die Situation in Südost- und Zentralasien zu destabilisieren", und "eine Herausforderung der USA und der anderen Großmächte der Welt, darunter auch Indiens" seien.

    Selbstverständlich entsprechen diese Behauptungen wie bislang nicht der Wirklichkeit. Sie appellieren an einen sehr zivilen Menschen, der sich nicht in Details des Szenarios der Übungen auskennen kann.

    Der stellvertretende Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte Russlands Generaloberst Wladimir Moltenskoi sagte damals:

    "Das Ziel der Übungen ist es, Fragen der Durchführung einer gemeinsamen Operation von Truppenteilen und Verbänden Russlands und Chinas zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus und Extremismus und zur Überwindung regionaler Krisen durchzuarbeiten."

    Ihm stimmte der Verteidigungsminister Russlands, Sergej Iwanow, zu. In der für ihn üblichen schroffen Manier sagte er, ihm sei gleichgültig, was über diese Übungen geschrieben werde. "Wir (Russland und China) sind strategische Partner. Dies wird von der militärischen und militärtechnischen Zusammenarbeit untermauert", betonte der Minister. "Wieso dürfen wir keine Übungen unter Beteiligung Chinas durchführen?! Ich sehe keine Gründe dagegen und keine Gegenanzeigen."

    Mit dem Verteidigungsminister Russlands stimmt der Präsident des einflussreichen analytischen Zentrums der USA "East-West", Charles Morrison, überein. In einem Interview für RIA Nowosti sagte er: "Die USA betrachten die gemeinsamen russisch-chinesischen Übungen, die ersten in der Geschichte, nicht als eine Bedrohung der Stabilität im Asiatisch-Pazifischen Raum... Zugleich hoffen wir, dass die gemeinsamen Übungen keinen Auftakt zur Schaffung eines Militärblocks zwischen China und Russland bilden."

    Doch ein militärischer Block zwischen China und Russland ist weder in Peking noch in Moskau nötig. Ebenso wenig brauchen Moskau und Delhi einen solchen Block. Obwohl das militärische Zusammenwirken auf bilateraler Grundlage oder im Rahmen der Schanghai-Organisation für Zusammenarbeit begrüßt wird.

    Und nun zu den Bedrohungen. Wie kann ein 10 000 Mann starkes Truppenkontingent, das auf beiden Seiten bei den Übungen in China eingesetzt war, nur jemanden bedrohen, wenn allein die USA allein in Südkorea ein Truppenkontingent von 29 000 Soldaten und Offizieren halten?! Weitere 34 000 Militärangehörige des Pentagon halten sich in Japan auf. Und das ohne die 7. Pazifikflotte der USA mit Stab in Yokosuka und mit ihren Flugzeugträger-Gruppierungen, Atom-U-Booten mit strategischen Raketen an Bord sowie mit Raketenkreuzern. Dr. Morrison hat Recht: eine solche Armada kann unmöglich von einem Dutzend von Jagdflugzeugen, Bombenflugzeugen und Militärtransportmaschinen mit einer Luftlandekompanie an Bord erschreckt werden. Auch nicht mit zwei bis drei Kriegsschiffen.

    Taiwan lässt sich ebenfalls nicht mit einer solchen Gruppierung erschrecken. Falls es jemand nicht weiß, können wir mitteilen, dass die Streitkräfte dieses nicht anerkannten Staates, der kein UNO-Mitglied ist, 370 000 Soldaten sowie 1 657 500 Reservisten zählen. Es handelt sich um eineinhalb Dutzend von Infanterie- und motorisierten Divisionen, 2 000 Panzer - vor allem der Typen M-48H und M-60A3, 1500 Artilleriegeschütze und 479 Kampfflugzeuge, darunter 150 F-16A/B und 57 Mirage-200-5, sowie um ein recht starkes Luftverteidigungssystem, das 25 Fla-Raketenkomplexe vom Typ Patriot, 40 Nike Hercules, zwei Chaparral und 74 Avenger einschließt. Die Kriegsflotte von Taipei hat vier U-Boote, elf Zerstörer, 21 Fregatten, 21 Minenleger und 32 Kampfflugzeuge. Um diese Kraft zu besiegen, müsste nach Schätzungen von Militäranalysten eine großangelegte Luft- und Seeoperation durchgeführt werden, die die Kräfte der Verteidiger in der Hauptschlagrichtung mindestens auf das Dreifache und unmittelbar am Ort des Absetzens von Seelandeeinheiten und des Durchbruchs der Landungsabwehr auf das Vier- bis Fünffache übersteigen. Sagen wir ehrlich: Die zahlenmäßig größte Armee der Welt - die chinesische - verfügt über keine solchen Kräfte und wird auch in den nächsten zehn bis 15 Jahren nicht darüber verfügen.

    Die Straße von Taiwan ist an ihrer engsten Stelle 130 Kilometer breit und somit viel breiter als der Ärmelkanal, auf deren Erstürmung 1944 sich die USA und Großbritannien fast eineinhalb Jahre lang vorbereitet hatten. Dabei hatten sie damals viel mehr Kräfte - vor allem Landungsmittel - zur Verfügung, als China heute besitzt. Aus Nachschlagewerken, die sogar im Internet veröffentlicht wurden, und insbesondere aus dem vom Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS) herausgegebenen Sammelband "The Military Balance" geht hervor, dass China insgesamt 56 Landungsschiffe unterschiedlicher Klassen besitzt. Mit diesen Landungsmitteln kann unmöglich eine ernste See- und Luftlandeoperation durchgeführt werden. Auch lässt sich dieses Potential nicht schnell verstärken. Nicht einmal dann, wenn sich alle Schiffswerften von China und Russland mit diesen Aufgaben befassen würden. Sie haben auch andere Sorgen.

    Die chinesische Armee, obwohl die größte der Welt, kann auch Indien nicht bedrohen. Die Armee und Flotte von Delhi sowie seine strategischen Abschreckungskräfte stehen den chinesischen Streitkräften in nichts nach und sind diesen in mancher Hinsicht sogar überlegen. Trotz der Grenzprobleme zwischen beiden Ländern gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass Peking versuchen würde, die indische Führung durch Gewalt oder Gewaltandrohung unter Druck zu setzen. Warum wird dann um die durchaus gewöhnlichen Übungen, die Russland und China gemeinsam durchgeführt haben, so viel Lärm geschlagen?

    Es gibt nichts Neues in der gewissen "Eifersucht" für das moderne China, das seine Wirtschaft und seine Streitkräfte stürmisch entwickelt. Dieses Land wurde ebenso wie das moderne Indien zu einer Fortschritts-Lokomotive in Asien, zu einem ernsten Konkurrenten für die Länder, die hier früher dominiert und die geopolitische Situation auf unserem Planeten von keinem anderen Standpunkt, als nur aus der Sicht einer monopolaren Welt betrachtet hatten und das auch heute noch tun.

    Auch gibt es meiner Meinung nach eine andere Ursache dafür.

    Beliebige taktische Übungen bedeuten, wie bereits gesagt, auch eine Demonstration der Möglichkeiten der Kampftechnik und Waffen, die dabei eingesetzt sind. China ist bekanntlich ein sehr großer Käufer russischer Waffen. Es erwirbt solche Waffen für drei Milliarden Dollar jährlich. Auch nach den Übungen auf der Halbinsel Shandong, wo russische Landeeinheiten und Landepanzer von Militärtransportmaschinen vom Typ Il-76MF abgesetzt wurden, hat Peking nach Mitteilung des russischen Verteidigungsministers beschlossen, eine ganze Partie solcher Flugzeuge und darüber hinaus eine Partie von Tankflugzeugen vom Typ Il-78 sowie Systeme zum Absetzen von Kampffahrzeugen im Fallschirmverfahren zu kaufen. Nicht ausgeschlossen ist, dass auch eine Partie von Fernbombenflugzeugen vom Typ Tu-22M3 gekauft wird, obwohl dies nicht offiziell mitgeteilt wurde.

    Allem Anschein nach ist diese "Expansion" russischer Waffenbauunternehmen auf dem chinesischen Markt, wo auch andere führende Hersteller von Kampftechnik der Welt eindringen möchten, vielen nicht genehm. Aber da ist nichts zu machen. Konkurrenz ist eben Konkurrenz.

    Es ist anzunehmen, dass Moskau und Delhi auch nach den russisch-indischen Übungen "Indra-2005" neue Verträge über den Kauf und die Produktion russischer Kampftechnik in indischen Rüstungsbetrieben abschließen werden. Deshalb ist auch diesmal mit Gerede darüber zu rechnen, dass jemand, der damit nichts zu tun hat, vom russisch-indischen Zusammenwirken bedroht werde.

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