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    "Orange" Realitäten der ukrainischen Raumfahrt

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    Die russisch-ukrainische Kooperation in der Raumfahrt war immer recht aktiv. Inzwischen sind viele gemeinsame Vorhaben revidiert.

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    MOSKAU, 22. Dezember (Juri Saizew, für RIA Nowosti). Russland und die Ukraine haben vor der "orange" Periode und in früheren Zeiten zweifellos einen einheitlichen "kosmischen Raum" gehabt, obwohl es gewisse politische Gegensätze zwischen beiden Ländern gab. Heute ist die Situation ganz anders, wobei die jüngsten Wandlungen die ukrainische Raumfahrt in eine Periode langwieriger Stagnation drücken können. Dadurch würde die Ukraine die früher erlangten Positionen und folglich auch die Raumfahrt als eine Komponente der nationalen Wirtschaft einbüßen.

    Die russisch-ukrainische Kooperation in der Raumfahrt war immer recht aktiv. Die Ukraine baute Trägerraketen der Typen Zyklon und Zenit, Satelliten der Zelina-Serie für die funktechnische Aufklärung sowie Raumapparate für die Fernerkundung des Weltmeeres und lieferte sie an Russland. Beide Länder riefen das internationale Unternehmen Kosmotrans ins Leben, das die umgebaute Interkontinentalrakete RS-20 (SS-18 "Satan") vermarkten sollte, und beteiligen sich am internationalen Projekt Sea Launch (Seestart). Unterzeichnet ist ein Abkommen über die Gründung des internationalen Unternehmens Earth Launch (Bodenstart). In beiden Fällen wird die ukrainische Trägerrakete Zenit verwendet. Geplant war die gemeinsame Entwicklung eines ukrainischen Forschungsmoduls, das zum russischen Segment der Internationalen Raumstation ISS gehören sollte. Das von Russland für 2006/2015 angenommene Raumfahrt-Programm war in mehreren Punkten mit einem kurzfristigen ukrainischen Programm abgestimmt. Das betrifft unter anderem die Förderung von Telekommunikationssystemen und die Fernerkundung der Erde.

    Bekanntlich konnte dies vor allem dank der direkten Unterstützung der ukrainischen Raumfahrtindustrie durch den früheren Präsidenten Leonid Kutschma wie auch dank seinen Vereinbarungen unmittelbar mit dem russischen Amtskollegen Wladimir Putin geschaffen werden. Diese Vereinbarungen betrafen unter anderem eine Liberalisierung des Zollregimes für gegenseitige Lieferungen von Raumfahrttechnik.

    Die neue ukrainische Führung pocht nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft auf "europäische Werte". Die Raumfahrtindustrie ist dabei keine Ausnahme. Die Branche muss sich jetzt auf die Zusammenarbeit mit westlichen Unternehmen und auf die Erfüllung gemeinsamer Projekte mit dem Westen orientieren. Die Hauptfrage besteht hierbei nicht darin, was die Ukraine von dieser Kooperation gewinnt, sondern darin, was die Ukraine ihren westlichen Partnern geben kann.

    In der ukrainischen Raumfahrtindustrie fehlen einige wichtige Produktionen. Das ist das Hauptproblem der Branche. Zum Beispiel gibt es in der Ukraine keine Betriebe, die leistungsstarke Triebwerke entwickeln. Ungeachtet der Bestrebung der Ukraine, die Kooperation mit Westeuropa auf ein neues Niveau zu heben, werden gemeinsame Arbeiten nur in einem Bereich geführt: Entwicklung der leichten europäischen Trägerrakete Vega. Das in Dnepropetrowsk ansässige Konstrukteursbüro Juschnoje entwickelt das Triebwerk geringer Leistung für die vierte Vega-Stufe, also für den Beschleunigungsblock. (Die Arbeiten werden parallel zum russisch-französischen Programm "Ural" zur Entwicklung eines leistungsstarken wieder verwendbaren mit Flüssigsauerstoff und Methan gespeisten Triebwerks geführt. Dieses Triebwerk, das etwa bei 50 Flügen eingesetzt wird, soll zum Basistriebwerk für eine ganze Familie aussichtsreicher europäischer Raketen werden.)

    Auch Startkomplexe werden in der Ukraine nicht entwickelt. Das ist einer der wichtigsten Gründe für die vorübergehende Einstellung des für die ukrainischen Raketenbauer größten Projekts zur Schaffung des ukrainisch-brasilianischen Startzentrums Alcantera-Zyklon-Space. Dieses Zentrum sollte Startdienste auf der Basis der neuen ukrainischen Trägerrakete Zyklon-4 anbieten. Die Brasilianer haben ihren Teil der Arbeiten im Grunde genommen eingefroren und ihre Entscheidung damit begründet, dass der Startkomplex zu langsam gebaut wird (für den Bau ist das russische Konstrukteursbüro für Transportmaschinenbau zuständig).

    Daher ist eine umfassende Entwicklung der Raumfahrtbranche in der Ukraine, die wie in China oder Indien auf niemanden mehr angewiesen sein würde, vorläufig kaum realistisch. Es mangelt auch an finanziellen und technischen Ressourcen sowie am Personal für die Umsetzung einer solchen Strategie. Der ukrainische Haushalt weist ein Defizit auf. Zudem müssen noch soziale Versprechungen der "orange Revolution" erfüllt werden. Real werden aus dem ukrainischen Haushalt nur 10 Millionen US-Dollar (8,4 Millionen Euro) im Jahr bereitgestellt. Das ist lediglich ein Fünftel der im ukrainischen Gesetz über das Raumfahrtprogramm vorgesehenen Summe.

    Der Raumfahrtbranche in der Ukraine werden keine erstrangigen Prioritäten eingeräumt. Daraus ergeben sich Probleme in Bezug auf die technische Modernisierung und das Personal mehrerer Betriebe. Nach Angaben des Generaldirektors und Chefkonstrukteurs von Juschnoje liegt der monatliche Durchschnittslohn in seinem Betrieb bei 200 US-Dollar. Zur Lösung des Personalproblems solle der Lohn wenigstens verdoppelt werden.

    Es liegt klar auf der Hand, dass der ukrainische Raketenbau und die Raumfahrt bereits die einstigen Positionen eingebüßt haben. 2004 hatte Juschnoje eine Ausschreibung zur Entwicklung eines Satelliten für Ägypten für sich entschieden. Die Bedingungen des Vertrages wurden noch vor der "orange Revolution" und den darauf folgenden Veränderungen in der Haushaltspolitik der ukrainischen Führung bestätigt. Der Kampf der gegenwärtigen Machthaber in Kiew gegen Vergünstigungen und Präferenzen, die im März 2005 abgeschafft wurden, hatte zur Folge, dass die Umsetzung des Projektes für das Konstrukteursbüro verlustbringend wurde. Den Zuschlag für den Bau von zwei weiteren ägyptischen Satelliten erhielten russische Betriebe.

    Dennoch ist die Führung der Ukraine der Ansicht, dass das Land in der Lage ist, Fuß auf dem Markt für Raketenstarts zu fassen wie auch Grundlagen für die weitere strategische Entwicklung mit hohem kommerziellem Nutzungsgrad zu schaffen. In den letzten Jahren lag der Anteil der Ukraine am internationalen Markt für Raketenstarts bei 12 bis 13 Prozent weltweit. Aber die Modifikationen der Trägerraketen Zyklon-2 und Dnepr (umgebaute "Satan"-Rakete) waren entwickelt worden, als die Ukraine noch zum Staatsverband der UdSSR gehört hatte. Mehr als 65 Prozent des Wertes der Zenit-Rakete, die seinerzeit ebenfalls in der Sowjetunion unter Leitung von Akademiemitglied Wladimir Utkin entwickelt wurde und jetzt in der Ukraine gebaut wird, entfallen auf russische Originalteile. Ukrainische Raketen werden vom Unternehmen Sea Launch von einer schwimmenden Plattform oder vom Raumbahnhof Baikonur gestartet, den Russland von Kasachstan langfristig gepachtet hat. Ab 2006 sollen Dnepr-Trägerraketen vom Startplatz Dombarowski im Gebiet Orenburg am Ural abheben, wo eine Formation der strategischen Raketentruppen Russlands stationiert ist. (Die erste Dnepr-Rakete war von Dombarowski im Dezember 2004 gestartet.) Es sei betont, dass Starts der Dnepr-Raketen von Baikonur ohne direkte Teilnahme von Personal der russischen Raketentruppen unmöglich ist.

    Die Produktion von Zyklon-3-Raketen musste wegen fehlender Kooperation, darunter auch auf dem ukrainischen Binnenmarkt, eingestellt werden. Eine verhältnismäßig große Zahl der bereits gebauten Zyklon-2- Raketen wird möglicherweise für kommerzielle Starts genutzt. Das ist dem russischen Makejew-Raketenzentrum in Miass (Uralgebiet) zu verdanken, das für diese Rakete eine neue dritte Stufe vom Typ ADU-600 konstruiert und gebaut hat. Der erste Start einer Zyklon-2-Rakete mit der neuen dritten Stufe ist für 2006 geplant.

    Für 2006 ist auch der Start der ersten Trägerrakete Zenit-M (zweistufige Variante Zenit-2M und dreistufige Variante Zenit-3M) nach dem Programm Earth Launch geplant. Insgesamt sollen drei bis vier Raketen im Jahr abheben. Dabei dürfte sich der Aufwand in fünf bis sechs Jahren bezahlt machen. Unter Berücksichtigung des Beitrags Russlands zur Entwicklung der Trägerrakete und zum Bau eines Startplatzes für sie wird der Gewinn bei der Nutzung von Zenit-M-Raketen zwischen Russland und der Ukraine in einem Verhältnis von 70 zu 30 geteilt.

    Die ukrainischen Raketenbauer hatten alle Chancen für den Einstieg in das Projekt der russischen Raumfähre Clipper, wobei Kiew Zenit-Beschleunigungsblöcke bauen sollte. Ausgehend von dieser Perspektive hatte Russland auf die Entwicklung einer eigenen Trägerrakete des Typs Onega verzichtet. Russland hatte diesen Vorschlag selber unterbreitet, auch wenn die Startmasse der Clipper beim Start mit einer Zenit-Rakete von 14,5 auf 13,0 Tonnen reduziert werden musste. Eine Gewähr für diese Kooperation war die Teilnahme der Ukraine am Einheitlichen Wirtschaftsraum. Gegenwärtig sind diese Pläne revidiert. Es ist äußerst schwer, die politische Lösung dieses Problems vorherzusagen (selbst wenn Russland und die Ukraine nur ökonomische Vorteile davon tragen würden). Solange die ukrainische Führung die Frage unter die Lupe nimmt, um "ausgewogene Schlussfolgerungen" zu ziehen, könnten die ukrainischen Trägerraketen von russischen Raumfahrtprogrammen einfach "verbannt" werden.

    Das war bereits bei einigen gemeinsamen Militärprogrammen der Fall gewesen, nachdem die Ukraine lauthals ihre Pläne verkündet hatte, sich in die NATO integrieren zu wollen. Obwohl die besten interkontinentalen ballistischen Raketen im ukrainischen Dnepropetrowsk gebaut wurden, hatten die russischen Konstrukteure ihre neuen Raketen Topol-M und Bulawa ohne die Hilfe ukrainischer Kollegen entwickelt und gebaut.

    Hierfür gibt es eine eigene Logik: In dieser Sphäre ist es äußerst gefährlich, von irgend jemand abhängig zu sein.

    (Der Autor Juri Saizew ist Experte des Instituts für Weltraumforschung der Russischen Akademie der Wissenschaften)

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