10:16 11 Dezember 2017
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    Über den politischen Frauen-"Hintergrund"

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    Eine Ehefrau beeinflusst sehr oft die reale Politik eines Staates mehr, als es ganze Parteien tun könnten. So lenkten zwei Ausländerinnen einst den russischen Thron, ohne formell die Staatsmacht innezuhaben.

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    MOSKAU, 11. Januar (Pjotr Romanow, RIA Nowosti). Ich habe den leisen Verdacht, dass das Lobbyieren ursprünglich von Frauen stammt. Immerhin bin ich seit mehr als dreißig Jahren verheiratet, und auch aus der Geschichte weiß ich: Selbst ohne dem Parlament anzugehören, beeinflusst eine Ehefrau sehr oft die reale Politik eines Staates mehr, als es ganze Parteien tun könnten. Wenn also Frauen Ihnen wieder einmal erzählen, wie wenig sie in unserer Politik vertreten seien, wozu Sie zustimmend und schuldbewusst mit dem Kopf nicken, werfen Sie einen aufmerksamen Blick in den Hintergrund. Falls man es Ihnen natürlich erlaubt. Frauen, die gleich etwa Raissa Gorbatschowa sozusagen im Rampenlicht standen, sind weit geringer an der Zahl als diejenigen, die unser Leben still und unbemerkt beeinflussen - gleich Aufklärern an einer unsichtbaren Front.

    Es gab Fälle, da Frauen Russlands Politik überhaupt um 180 Grad drehten. Ich rede hier nicht einmal von Jelisaweta Petrowna (Tochter von Peter I.) oder von Katharina der Großen: Sie standen ja direkt am Staatsruder. Vielmehr meine ich jene, die nicht weniger effektiv handelten, ohne formell die Staatsmacht innezuhaben. Ein typisches Beispiel wäre die Ehe von Alexander III. mit der Dänin Marija Fjodorowna (geborene Prinzessin Dagmar), einer der klügsten unter den Ehefrauen unserer Monarchen.

    Die Ehe des Zaren mit der Dänin war eine Überraschung für alle: Bis dahin ehelichten die russischen Monarchen vornehmlich deutsche Prinzessinnen. Die Ehe mit Dagmar brachte den Russen die Sympathien für Russland und alles Russische in Dänemark und löste zugleich nicht wenig Ärger in Deutschland aus, das schon an den Gedanken gewohnt war, das Ehebett der Zaren sei für immer deutschen Frauen reserviert. Die Bewunderung für die Russen in Dänemark gewann in jener Zeit einen dermaßen massierten und heißen Charakter, dass schließlich die Dänen selbst darüber scherzten. Eine der dortigen Zeitschriften brachte zum Beispiel folgende Zeichnung: An einer Anlegestelle wird der russische Zar erwartet. Sein Schiff verspätet sich, niemand verlässt jedoch die Anlegestelle, alle sind bereit, auch die ganze Nacht hindurch zu warten. Müde liegt die Ehrenwache auf der Anlegestelle in Reih und Glied, es liegt die Ehrenwache, es liegen die Musikanten und das Ministerkabinett. Das Ganze ist überschrieben: "Wir versäumen den Zaren nicht!"

    Die Beziehungen zu Berlin gestalteten sich anders. Marija Fjodorowna, die keineswegs vergessen hatte, dass Deutschland einen Teil des dänischen Territoriums besetzt hatte, brachte ihre Gefühle für die Deutschen ganz offen zum Ausdruck, als sie die Nachricht über den Beginn des Ersten Weltkriegs erreichte: "Sie können sich gar nicht vorstellen, welch eine Befriedigung es mir jetzt, nachdem ich über 50 Jahre lang meine Gefühle verbergen musste, bringt, der ganzen Welt sagen zu können, dass ich die Deutschen hasse." Die Deutschen blieben nichts schuldig, denn die Dänin verbarg ihre Gefühle, um es offen zu sagen, nicht sehr geschickt. Antipathie gegen alles Deutsche war auch dem Zaren eigen. Für einen Menschen, in dessen Adern beinahe hundertprozentiges deutsches Blut floss, ist das gewiss ein seltener Fakt, aber im Falle Alexanders III. wird das Phänomen durch zahlreiche Erinnerungen von Menschen bestätigt, die ihm nahe standen.

    Auch die meisten russischen Kapitalisten machten keinen Hehl aus ihrer Antipathie gegen die Deutschen. Sie meinten, dass die nicht gleichberechtigten Wirtschaftsbeziehungen ihren eigenen wie auch den gesamtnationalen staatlichen Interessen riesigen Schaden zugefügt hätten. 1887 veranstalteten die russischen Kaufleute bei der Handelsmesse in Nischni Nowgorod demonstrativ einen feierlichen Empfang für den französischen Journalisten Deroulaide, der für seine deutschfeindlichen Publikationen bekannt war. Zum Dank für die flammenden Reden gegen die Preußen schenkten die russischen Kaufleute dem Franzosen sieben "bewundernswert große Amethyste von gutem Wasser". Während bei der vorhergehenden Regierung solche Gefühle im Keim erstickt worden waren, vollbrachte das Ehepaar Alexander und Marija Fjodorowna zusammen mit ihrem Finanzminister Sergej Witte eine scharfe Wendung in Richtung Frankreich, während Deutschland ein Zollkrieg erklärt wurde. Der übrigens auch glänzend gewonnen wurde.

    Marija Fjodorownas Rolle bei all dem war unmerklich, aber groß. Und die Deutschen wussten darum. Im Ergebnis verboten die Deutschen, als der Krieg ausbrach, Marija Fjodorowna die Reise von Kopenhagen nach Russland über Deutschland. Auf dem Berliner Bahnhof wurde ihr Waggon von einer Menge wütender örtlicher Patrioten umringt. Mit den Fäusten fuchtelnd, verfluchten und beleidigten sie die Zarinmutter, ja sie nannten sie eine "alte Äffin"!

    In all den Herrschaftsjahren des letzten russischen Zaren ging innerhalb seiner Familie ein ernster Kampf vor sich: Um Nikolaus rangen die Mutter und die Ehefrau, die Dänin Marija Fjodorowna und die Deutsche Alexandra Fjodorowna. Das erinnerte nur noch wenig an einen üblichen Konflikt zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter. Der Kampf war politisch. Beide Damen hatten eine vorzügliche Erziehung genossen, und wenn die gegenseitige Animosität auch zum Ausbruch kam, so nur deshalb, weil es, wie sie beide meinten, um die Grundfrage - das Überleben der Dynastie - ging, und unter solchen Umständen lässt man mitunter auch die guten Manieren sausen. Es ging nicht um Nikolaus - wen er mehr liebe - , sondern um den russischen Zaren und, über den Einfluss auf ihn, auch um den Lauf der Ereignisse im Lande.

    Ganz zu Beginn der Herrschaft Nikolaus II. war der Einfluss seiner Mutter auf ihn entschieden stärker. Als er den Thron bestiegen hatte, wiederholte er bei seinen Aussprachen mit den Ministern nicht selten: "Ich will Frau Mutter fragen." Doch später musste Marija Fjodorowna in den Hintergrund treten. In den letzten Jahren und besonders den letzten Monaten vor dem Zusammenbruch wurde Nikolaus und folglich auch das Russische Reich von Alexandra Fjodorowna regiert (und dies in nicht geringem Grade!). Beide Rivalinnen kämpften um dasselbe Ziel, aber jede auf ihre Art. Die beste Garantie für das Wohlergehen der Dynastie war der Dänin das Wohlergehen Russlands. Sie sah die Welt nüchtern und gab um der Ruhe und Ordnung im Reich willen so manches Mal nach. Ihre Verwandtschaft in Dänemark hatte sich mit der konstitutionellen Monarchie schon abgefunden. Ihre Schwester, die Königin von Großbritannien, klagte ebenfalls nicht über das Leben. Gerade deshalb setzte sich Marija Fjodorowna für Reformen in Russland ein und unterstützte aus allen Kräften zuerst Witte und dann Stolypin.

    Im Unterschied zur Dänin hielt die Deutsche die Aufrechterhaltung der Zustände, die schon immer waren, für die einzige Garantie des Überlebens der Dynastie. Auch nur das geringste Nachgeben des Zaren angesichts der öffentlichen Meinung, das geringste Zugeständnis an die Duma oder die Regierung waren für sie ein Aufgeben von Positionen, ein Verrat an den Interessen "des Kleinen", das heißt des Thronfolgers Alexej.

    Die Zarin wollte der Welt, die sich veränderte, keine Zugeständnisse machen, keinen Fingerbreit des absolutistischen Territoriums abgeben. "Es gibt keine Revolution in Russland, es kann sie nicht geben. Gott wird das nicht zulassen", sagte sie überzeugt. Wenn die sie umgebende Welt die bestehenden Umstände nicht akzeptiere, müsse man sie mit Gewalt dazu zwingen. "Sei fest, das brauchen die Russen", schrieb sie zehn Tage vor seiner Abdankung an ihren Mann. "Du hast nie die Gelegenheit versäumt, deine Liebe und Güte zu zeigen. Lass sie jetzt deine Faust fühlen. Sie bitten ja selbst darum: ‚Wir brauchen die Knute!'... So ist die slawische Natur nun einmal beschaffen."

    Es gab da auch eine weitere Nuance. Marija Fjodorowna beurteilte, im Unterschied zu ihrer Schwiegertochter, völlig nüchtern die realen Eigenschaften und den Charakter von Nikolaus selbst, und deshalb vermochte sie kluge Menschen am Thron zu schätzen. Das größte Übel war nach Ansicht der Mutter die traurige Gewohnheit ihres Sohnes, sich mit wenig intelligenten, ungebildeten und nicht sehr anständigen Gehilfen zu umgeben. Nicht selten trifft man in Marija Fjodorownas Briefen auf die Worte "armer Junge", "der Ärmste". Dies wohl gemerkt über ihren eigenen Sohn. "Mein armer Sohn, wie wenig Glück hat er mit den Leuten", zeichnet sie bald aus dem einen, bald aus einem anderen Anlass auf. In ihren Briefen an Nikolaus schonte die Mutter weder ihn selbst und erst recht nicht die Nichtskönner von seinen Gehilfen. Hier nur ein Zitat aus dem Brief Marija Fjodorownas vom 1. Oktober 1904 im Zusammenhang mit der Situation in Finnland und der Politik des dortigen Generalgouverneurs Bobrikow: "Wie kannst Du nur Dich von einem Lügner wie diesem Bobrikow betrügen lassen? Dort, wo es immer gut ging und das Volk völlig glücklich und zufrieden war, ist jetzt alles zu Bruch gegangen und verändert, sind Feindschaft und Hass gesät - und all das, um des so genannten Patriotismus willen! Welch ein ausgezeichnetes Beispiel für die Bedeutung dieses Wortes!"

    Kurz vor dem Russisch-Japanischen Krieg tat Marija Fjodorowna alles, um Nikolaus von diesem Abenteuer abzubringen. General Kuropatkin schrieb in seinen Memoiren: "Ich habe mich lange mit der Zarinmutter Marija Fjodorowna unterhalten. Hier fand ich volles Mitfühlen und die absolute Vorstellung von der Gefahr." Leider ließ der Einfluss der Mutter auf den Sohn von Jahr zu Jahr nach, doch sie kämpfte selbst noch auf verlorenem Posten. Zusammen mit anderen Familienmitgliedern unterschrieb Marija Fjodorowna einen gemeinschaftlichen Brief an Nikolaus mit der Bitte, sich Rasputin vom Halse zu schaffen. Doch auch das half nicht. Die Stimme Alexandra Fjodorownas übertönte bereits alles. Ein letztes und für Marija Fjodorowna ebenfalls erfolgloses Duell mit ihrer Schwiegertochter fand statt, als der Zar nach den Fehlschlägen an der Front beschloss, das Kommando über die russische Armee zu übernehmen. Die Ehefrau war mit Herz und Seele dafür, die Mutter nicht weniger überzeugt dagegen. Gleich vielen russischen Politikern jener Zeit hielt Marija Fjodorowna diese Entscheidung von Nikolaus für katastrophal. Und sie hatte wieder einmal recht.

    Nach der Revolution befand sich Marija Fjodorowna recht lange Zeit in Haft auf der Krim. Trotzki erklärte: "Marija Fjodorowna ist für uns eine alte reaktionäre Dame und ihr Schicksal ist uns gleichgültig", dennoch verweigerte er ihr die Ausreiseerlaubnis. Die Dänin hatte wiederholt die Möglichkeit, auch ohne den Segen der Bolschewiki auszureisen, blieb jedoch noch lange in Südrussland, obwohl dort ein wahnsinniges Chaos herrschte. Sie glaubte nicht an den Untergang ihrer Nächsten, wollte nach Möglichkeit in ihrer Nähe sein, deshalb verließ sie Russland erst im April 1919: mit dem britischen Kriegsschiff "Marlborough" lediglich ein paar Tage vor dem erneuten Einzug der Roten Armee auf der Krim.

    Übrigens wird die Asche der Zarin im September 2006 in Russland eintreffen und in der Gruft der Sankt Petersburger Peter-Pauls-Kathedrale bestattet werden. Ich finde, das ist gerecht.

    Die Meinung des Autors stimmt nicht unbedingt mit dem Standpunkt der Redaktion überein.

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